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Cannes 2007- Un Certain Regard - 11/09/08

Du levande

Ein Film von Roy Anderson


Eine Erzählung von den Wundern und Nöten der menschlichen Existenz.

(You the living)
Schweden/BRD/Frankreich/Dänemark/Norwegen, 2007,  94´
Mit Jessica Lundberg, Elisabet Helander, Björn Englund, Leif Larsson, Ollie Olson

Synopsis: 50 Tableaus mitten aus dem menschlichen Leben, tragisch-komisch inszeniert von Roy Anderson, in der Absicht, unsere täglichen Freuden, Sorgen und Nöte zu karikieren und unsere Unfähigkeit, mit unsereins glücklich zu werden.
                                               
Kritik: Statt sich an seinem durch die Liebe seiner Artgenossen gewärmten Bett zu erfreuen, wie es bereits Goethe in seinen „römischen Elegien“ gefordert hatte, bevor die kalten Wellen der Todesgöttin Lethe an unserem fliehenden Fuß lecken, macht der Mensch sich und seinesgleichen das Leben auf Erden zur  Hölle. Das kann manchmal sehr traurig und erschütternd sein, im Falle des Regisseurs Roy Anderson („Songs from the Second Floor“) aber zumeist auch sehr, sehr lustig. Einen ganzen Reigen tableauartiger Szenen über das Arbeits-, Liebes-, Freizeitleben der Menschen hat der eigenwillige 1943 in Göteburg geborene Regisseurs für seinen neuesten Film entworfen, um das Thema der Vergeblichkeit irdischen Glücks auf scheinbar banale, auf den zweiten Blick aber äußerst hinterlistige und –sinnige Weise zu variieren.
 
Da ist beispielsweise die dick geschminkte Frau auf der Parkbank, die sich bei ihrem Heavy-Metal-Freund mit seinem SS-T-Shirt darüber beschwert, dass keiner sie je verstehen würde; und das, obwohl sich der Freund und das gemeinsame Schoßhündchen doch keine Mühen scheuen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Oder der Teppichverkäufer und die Grundschullehrerin, die ihre Tränen über einen Ehestreit, in dessen Verlauf heftige
Schimpfwörter ausgetauscht wurden, an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz vergießen, obwohl keiner von beiden weiß, was der andere mit diesen Schimpfwörtern gemeint haben könnte. Oder der Familienvater, der, weil sein bei einer Familienfeier vorgeführte Zaubertrick zur vollständigen Zerstörung zweihundert Jahre alten Porzellans führte, zum Tod durch den elektrischen Stuhl verurteilt wird. So absurd, wie Andersons Situationen erscheinen, so groß ist gleichzeitig der dahinter aufscheinende Wunsch, dass der Mensch endlich aus seinen ewigen Missverständnissen und Fehlern lernen,  sich Zeit nehmen, den Mitmenschen mit seinen Bedürfnissen wahrnehmen möge.
 
In seiner speziellen Art, im scheinbar trivialen, aber stilistisch überspitzten Alltag einen intensiven Moment der Ewigkeit festzuhalten, erinnert Anderson auch an der Schweizer Theaterregisseur Christoph Marthaler und dessen choreographierte Bilder, in denen die Menschen in einem großen Raum eingespielten Ritualen folgen. Großen Wert legen beide auf das Detail, das scheinbar Undramatische, Unzusammenhängende ihrer Narration. Und auch stilistisch haben beide einiges gemeinsam – den Gebrauch monochromer, meist grünlicher ausgebleichter (Alltags-)farben und sanfter Lichtstimmungen, die die Szenen zu verdichten und zu vereinfachen scheinen. So entsteht In „You The Living“ der chaotische Eindruck eines Jahrmarktes, auf dem die Menschen zusammen sind und doch gleichzeitig einsam nebeneinander her leben. Eine offenbar unheilbare, tragische menschliche Unzulänglichkeit, die sich nur mit sehr, sehr viel Humor ertragen lässt.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 25-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08