
Seit 2005 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels dafür den mit 25 000 dotierten Deutschen Buchpreis. Die Jury sichtete in diesem Jahr insgesamt 154 Romane. In die engere Auswahl für den Preis kamen Rainer Merkels «Lichtjahre entfernt», Herta Müllers «Atemschaukel», Norbert Scheuers «Überm Rauschen», «Die Frequenzen» von Clemens J. Setz und Stephan Thomes «Grenzgang».

Helene Wesendahl findet sich hilflos im Krankenhaus wieder. Ihr Körper gehorcht ihr nicht, ebensowenig wie die Sprache, und ihre Erinnerung ist lückenhaft. Aber sie verzagt nicht. Kathrin Schmidt erzählt in „Du stirbst nicht“ von einem Menschen, der sich nach einem Hirnschlag neu (er-) finden muss und dabei eine fremde Frau entdeckt: Helene Wesendahl.
Eine Rezension von Jörg Plath
Viele werden dieses Buch mit großer Anteilnahme lesen. Sie werden es lesen als die Geschichte einer lebensgefährlich Erkrankten und ihrer mühseligen Rekonvaleszenz mit Rollstuhl und Rollator, Lähmungen und Hilflosigkeiten, Rückfällen und düsteren Stunden. All das ist Kathrin Schmidts Roman auch. Aber hinter der Geschichte einer Kranken steckt noch eine andere Geschichte, und diese erzählt von einem Menschen, der sich verloren hat und wieder finden muss. Es ist eine Entdeckungsreise in das eigene Selbst, und sie hält die Freuden des Wiederfindens ebenso bereit wie nicht wenige Schrecknisse. Letztere überwiegen gar. Während die Krankengeschichte einen recht glücklichen und dadurch voraussehbaren Verlauf zu nehmen scheint, führt die andere, die zweite Geschichte in das dunkle Herz einer Mutter und Ehefrau.
Der erste Satz des Romans lautet: „Es klappert um sie herum.“ Helen Wesendahl kann die Augen nicht öffnen und vermutet, es klappere Besteck. Sie glaubt sich in der Küche der Eltern, hört sie doch die Stimme ihrer Mutter und ihres Vaters. Allerdings sagen beide Merkwürdiges: Ihre, Helenes, rechte Hand halten sie für kälter als die linke, und dasselbe gilt für ihre Füße. Warum sprechen sie darüber?
Hand und Fuß sind nicht nur kälter, sie sind auch gelähmt. Helene Wesendahl hat einen Hirnschlag erlitten und liegt auf der Intensivstation. Wirklichkeit und Traum, Wahrnehmung und Erinnerung gleiten ihr ineinander, auch Innen und Außen. Später, wenn Helene wieder sprechen kann, mühsam und langsam anfangs, weiß sie nicht, ob sie einen Gedanken nur gedacht oder auch gesagt hat. Sie hat nicht nur über ihre rechte Körperseite die Kontrolle verloren. Sie ist auch zum Spielball von Wahrnehmungen, Gefühlen, Erinnerungen geworden – und von Ärzten, Schwestern, Pflegern.
Doch bei aller Hilflosigkeit besitzt Helene Wesendahl den Willen, sich auf die Welt einen Reim zu machen. Daher weiß sie, dass es hinter der Tür ihres Zimmers eine Fallgrube gibt. In sie hinein ist ihre Freundin Inga gefallen. Eine tiefe Stimme hatte sie aufgefordert, in das Zimmer zu treten. Helene hörte den Fall und dann ein schadenfrohes Lachen. Sie selbst wird wahrscheinlich ferngesteuert, man hat ihren Arm an einen Schlauch angeschlossen. Und nachts herrscht Unruhe, da wird den Leuten in einem Austrockner alle Feuchtigkeit entzogen, bis ein „trockenes, gerunzeltes Quaderchen“ übrigbleibt. Bei Helene hat man darauf verzichtet, weil sie zu „fett“ sei. Eine „Afasie“ hat sie, das weiß sie. Natürlich kennt sie das Wort. Nur was bedeutet es? Ach ja: „Anfang sieben, möchte sie laut sagen.“ Denn gegen sieben beginnt die Nacht und die Austrocknungsprozedur.

Ihr Debüt erschien 1982 in der angesehenen „Poesiealbum“-Reihe. 1986/7 Studium am Leipziger Literatur-institut „Johannes R. Becher“.
Weitere Gedicht-bände folgten („Ein Engel fliegt durch die Tapeten-landschaft“, 1987; Flußbild mit Engel“, 1995). Kathrin Schmidt arbeitete nach der Wende am „Runden Tisch“ in Berlin mit, war Redakteurin der Frauenzeitschrift „Ypsilon“ und wurde 1994 freie Schrift-stellerin.
Seit 1998 schreibt sie auch Romane: „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“ (1998), „Königs Kinder“ (2002) und „Seebachs schwarze Katzen“ (2005).

2002 überschwemmt die „Jahrhundertflut“ Dresden und Blut das Hirn von Helene. Es ist die einzige, nur knapp angedeutete Analogie, die sich Kathrin Schmidt erlaubt. Helenes Krankheit will sie nicht als Metapher verstehen und ihm so Sinn verleihen, worüber Susan Sontag ein kluges Essay geschrieben hat. Stattdessen gibt die Krankheit die literarische Form vor: Die Abschnitte bestehen anfangs aus wenigen Zeilen, weil sich Helene nur kurz konzentrieren kann. Das bedrückende Geschehen gibt nicht sie, sondern ein Erzähler wider, der zugleich in den aufgebohrten Schädel und auf die Außenwelt blicken kann. Das erzeugt nicht selten kräftige Situationskomik. „Du stirbst nicht“ ist ein überraschend heiteres Buch.
Nicht zuletzt, weil Helene Witz besitzt. Oft ist es ein Sprachwitz, der die Einschränkungen der Afasie munter zu unterlaufen sucht: Der Terminus für das den Hirnschlag auslösende Blutgerinnsel gefällt der Kranken so gut, dass sie gern Aneurysma Wesendahl heißen würde. Die Beziehung der Worte zu ihren Bedeutungen ist für Helene ausgesprochen locker. Ein alter Topos der Literatur, die Eigenwilligkeit der Sprache, wird in „Du stirbst nicht“ wie selbstverständlich nutzbar gemacht. Erst als die von Worten faszinierte Helen auf ihrem Laptop eigene Texte findet, erinnert sie sich, dass sie Schriftstellerin ist.
Kathrin Schmidt hat vor einigen Jahren selbst einen Hirnschlag erlitten. Sie schrieb unter Mühen „Seebachs schwarze Katzen“, um sich zu beweisen, dass sie weiter als Schriftstellerin arbeiten kann. Erst danach vermochte sie wohl an die literarische Bearbeitung ihrer lebensgefährlichen Erkrankung denken.

ARTE Bücherfest
Menschen, Bücher, Attraktionen in unserem Dossier zur Leipziger Buchmesse 2009: Tagesaktuelle Hintergrund-berichte und Autorenporträts, Videos und Buchtipps, Literaturrätsel und vieles mehr

Eine Rezension von Jörg Plath







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