Ai Wei-Wei hat sich Wim Delvoye als Partner für die documenta-Ausgabe von "Durch die Nacht mit..." ausgesucht. Die beiden Künstler haben sich 2006 auf der Art Basel Miami schon einmal flüchtig kennen gelernt und schätzen die Arbeit des jeweils anderen sehr. Ihrer Arbeit gemein ist die kritische Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft - jeweils aus chinesischer und europäischer Sicht. Der Ort ihrer Begegnung ist die documenta, seismographisches Gipfeltreffen der zeitgenössischen Kunst. Hier wird entschieden, was kommt, was geht, was bleibt - und an diesem Abend werden Ai Wei-Wei und Delvoye da ein Wörtchen mitzureden haben. Sie sind als Experten unterwegs, besuchen Kollegen, sprechen über deren Werke, die eigene Arbeit, Kunst in Europa und in China. Und natürlich werden sie auf ihrem Weg auch den einen oder anderen von Ai Wei-Weis chinesischen Gästen treffen. Ein intensiver Abend mit zwei Enkeln Marcel Duchamps, der ganz im Zeichen der Kunst steht.
Ai Wei-Wei
Der Künstler und Architekt Ai Wei-Wei wird 1957 als Sohn eines prominenten Dichters und Regimekritikers in Peking geboren. Aus politischen Gründen wird die Familie kurz nach Ais Geburt nach Xinjiang in der Wüste Gobi verbannt. 1978 kehrt er nach Peking zurück und studiert am dortigen Film Institut. 1981 geht Ai nach New York, wo er an der Parson's School of Design studiert. Während seines Aufenthalts in den USA setzt sich Ai Wei-Wei intensiv mit Dada und der Konzeptkunst auseinander, die sein Schaffen bis heute prägen. 1994 kehrt er wieder nach China zurück und avanciert schnell zur Galionsfigur der jungen chinesischen Avantgarde. 2000 eröffnet er ein Atelier in Shanghai und organisiert die erste unabhängige Kunstbiennale Chinas mit dem programmatischen Titel "Fuck off". Gemeinsam mit den Schweizer Architekten Jaques Herzog und Pierre de Meuron entwirft er das auch "Vogelnest" genannte Nationalstadion für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking. Ai Wei-Weis Kunst steht für die kulturelle Öffnung Chinas gen Westen und ist doch der chinesische Tradition tief verbunden. De-Kontextualisierung und Umdeutung von Dingen sind seine zentralen Strategien, der Zusammenprall von Welten und Kulturen der rote Faden seiner Arbeit. Das gilt auch für die Projekte, die er diesen Sommer auf der documenta 12 in Kassel zeigen wird. Für seine Aktion "Fairytales" lässt Ai Wei-Wei 1001 Landleute nach Kassel einfliegen, von einer pekinesischen Rockband bis zur Bauernfamilie aus der Provinz. Sie wohnen in einer alten, von Ai Wei-Wei umgestalteten Fabrik und werden sich während der 100 documenta-Tage unter das Kassler Volk mischen, filmen, Fotos machen oder einfach nur anwesend sein. Parallel dazu bringt Wei-Wei in "1001 Nacht" 1001 Holzstühle der Quing-Dynastie - pro chinesischem Gast ein Exemplar - nach Kassel und wird diese an den verschiedenen Ausstellungsorten platzieren. Beides zusammen ergibt eine soziale Plastik von imposantem Ausmaß - ein Experiment, dessen Verlauf ungewiss ist.
Ai Wei-Wei lebt in Peking.
Wim Delvoye
Der Konzeptkünstler Wim Delvoye wurde 1965 in Wervik, Belgien geboren und ist einer der wildesten zeitgenössischen Künstler. Sein bekanntestes Werk ist "Cloaca", eine Maschine, die den menschlichen Verdauungsvorgang simuliert und nicht von menschlichen zu unterscheidende Exkremente produziert. Die Maschine wird mit Essen gefüttert, wofür bei Ausstellungen extra ein 3-Sterne-Koch engagiert wird. Die künstlichen und doch realistischen Fäkalien sind käuflich bei Delvoye zu erwerben und heiß begehrt. Für Aufsehen sorgte Delvoye auch mit seiner "Art Farm" in China. Hier züchtet er Schweine als Markenprodukte, indem er ihnen Marken-Embleme bekannter Produkte wie Meister Proper oder berühmter Modeschöpfer wie Yves Saint Laurent eintätowiert. Delvoyes Arbeit stellt die gängigen Wertesysteme der Konsumgesellschaft auf den Kopf und führt die Gesetze des Kunstmarktes ad absurdum. Seine Aktionen und Installationen sind zynische, drastische und doch immer humorvolle Kommentare zur uralten Diskussion über das Verhältnis von Kunst und Natur. Wim Delvoyes Werke waren bereits in vielen wichtigen Ausstellungsorten weltweit zu sehen. 1992 nahm er als Mitglied der belgischen Delegation an der documenta 9 teil. Wim Delvoye lebt in Gent und Brüssel, bereitet aber gerade ein neues Projekt in der Schweiz vor.
Links>> Artikel, Links zu Wim Delvoye in unserem Dossier zur Reihe "Art Safari"
>> Ai Weiweis Blog
Fotogalerie
Fotogalerie Ai Weiwei
Fotogalerie zur Reportage "Ein erster Blick..."
Die Reportagen
Eröffnung der documenta 12
Ai Weiwei bei der documenta 12 (real video - 3mn40)
Ein erster Blick auf die documenta 12 (real video - 7mn30)
Das ForumWie kommt man nach Kassel? Wo kann man dort übernachten? Eure Tipps...
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