Robotik, Schwerelosigkeit, Gewebezucht, medizinische Operationen, Gehirnforschung – all jenes sind auch im ohnehin schon weiten Feld der Medienkunst keine alltäglichen Betätigungsfelder. Die Kapelica Galerie in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana genießt den Ruf, der extremste Ort für technologische und körperbezogene Experimentalkunst in Europa zu sein. Mit der Ausstellung "Ecology of the Techno Mind" stellt sie sich auf der Ars Electronica als Featured Art Scene vor.
Fotos zur Ausstellung"Kunst ist in Slowenien historisch bedingt lebenswichtig, sie hat dort als Dekoration oder Entertainment keine Berechtigung," bringt es
Jurij Krpan auf den Punkt. Aus einer ehemaligen Kapelle machte er 1995 einen Ort für extreme und sozialpolitisch motivierte Kunstprojekte, um an die wilden 80er Jahre anzuknüpfen, als sich Künstler im damals sozialistischen Jugoslawien weitreichende Freiheiten erkämpften, manchmal auch gegen Armee- und Polizeigewalt. Bekannt ist aus dieser Zeit vor allem das politisch gesinnte Kunstkollektiv
Neue Slowenische Kunst (NSK) mit der auch heute noch bestehenden Band
Laibach, dem Malerkollektiv
IRWIN und der Theatergruppe
Noordung. Die NSK kokettierte mit der Symbolik totalitärer und nationalistischer Bewegungen, wollte totaler als der Totalitarismus sein. "Diese Künstler haben das Selbstbild der slowenischen Nation dermaßen erschüttert, dass es zu einer Neudefinition desselben kam. Die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und die Tatsache, dass Künstlerkreise in den neuen Sozialgebilden die Initiative ergriffen, verwiesen auf die erstaunliche Macht und Gestaltungskraft der Kunst in der Gesellschaft," erinnert sich Krpan. Was damals als sogenannte ‘Retroavantgarde’ und als ‘Retroutopismus’ von sich reden machte soll sich im Dunstkreis der Kapelica Galerie heute als radikale Avantgarde jenseits des etablierten Kunstsystems fortsetzen – und zwar nicht als schrulliger ost-europäischer Exotismus, sondern als internationale Plattform Gleichgesinnter. Dementsprechend vielfältig sind die in Linz ausgestellten Projekte, welche sich allerdings auch dem vorgewarnten Publikum nur schwer auf den ersten Blick in ihrer ganzen Tragweite erschließen.
Das beginnt schon mit der Suche nach dem besten Kunst-Raum für die totale Performance. Warum nicht also der Weltraum als Spielfläche? Eine ganze Generation scheint da von den Schriften des slowenischen Ingenieurs Herman Potočnik Noordung und seinem Buch "Das Problem der Befahrung des Weltraums" von 1929 beeinflusst zu sein, in dem er eine unabhängige Raumstation auf einer geostationären Umlaufbahn entwarf.
Marko Peljhan und die Gruppe
Noordung wollen demonstrieren, dass Raumfahrt und Schwerelosigkeit nicht für Militär und Industrie reserviert sein müssen. Nach dem
Zero Gravity Biomechanical Theater gründete Peljhan 1992 die Kunstorganisation
Project Atol mit dem Ziel eines Satellitennavigations-Systems. Peljhan entwirft ‘Antiüberwachungs-Überwachungs-Drohnen’ zur Kontrolle der Staatsgewalt, zum Beispiel bei Demonstrationen. Seit 1999 initiiert er Parabelflüge am Gagarin-Kosmonauten-Trainingszentrum bei Moskau; da wird Schwerelosigkeit jeweils dreißig Sekunden lang für die Kunst Wirklichkeit. Und im MIR – dem Microgravity Interdisciplinary Research Consortium – können Künstler und Wissenschaftler im Bereich Luft- und Raumfahrt zusammenzuarbeiten.
INSULAR Technologies nennt Peljhan nun sein "International Networking System for Unified Long-distance Advanced Radio", ein weltweites, offenes und dezentralisiertes Radio-Netzwerk für den Daten-Transfer, welches eine autonome Infrastruktur gewährleisten soll, um von den Telekommunikations-Netzen der großen Firmen unabhängig zu werden.
Dunja Zupančič, Miha Turšic, und Dragan Živadinov konzipieren mit ihrem
O :: O :: O (Orbital Orientation Object) ebenfalls "Postgravity Art". Nicht nur die körperliche Herausforderung, sondern auch die visuelle Orientierungsfähigkeit ist für den Aufenthalt in der Schwerelosigkeit wichtig. Die Künstler bieten einen Simulator an, in welchem die Testperson jene instabile Beziehung einem scheinbaren Horizont gegenüber ausprobieren kann.
Nur mit den eigenen Gehirnwellen und Augenbewegungen durch ein Universum virtueller Realität navigieren:
Janez Janša und Darij Kreuh haben mit Neurofeedback-Technologie und einem Tracking-System zur Analyse der Augenbewegungen die Installationen
Brainscore und Brainloop entworfen, in welchen man ohne die typischen Kontrollbewegungen mit Hand und Fuß eins wird mit seiner Umgebung. Was geschieht, wenn die biologische Natur des Menschen zunehmend eine technologische wird? Menschen leben heute in Umgebungen, in denen Pflanzen von Natur aus nie gewachsen wären. Wie sieht dann die Landwirtschaft von morgen aus, an den Polen und im Weltraum? Philip Ross baut in seiner Serie Juniors’ Returns künstliche Zuchtumgebungen für Pflanzen, in der alle Parameter strikt kontrolliert sind. Standardisierter Geschmack und ausgemerzte Variationen – ist das der Preis für die Techno-Utopie?
Mehr als nur reine Geschmacksache ist die kulinarische Performance Assimilation des serbischen Aktionskünstlers
Zoran Todorovic. Er nutzt die Überreste einer Fettabsaug-Operation und bereitet damit unter Zusatz von Gemüse einen Pudding zu, welcher den Galeriegästen bei Kapelica dann zum Verzehr angeboten wird – ein Imbiss auf Basis freiwilliger Teilnahme. Wann ist Fett appetitlich? Wie verändern Technologien wie die ästhetische Chirurgie unser Verständnis von Schönheit? Sobald der Körper ins Spiel kommt, geht es ans Eingemachte. Derartige Kunst stellt politische Fragen, weil jeder sich betroffen fühlt. Mit den heutigen biotechnologischen Verfahren zur Zerlegung und Wiederherstellung des Körpers kann auch der Künstler lebendiges Material als Ausdrucksmittel nutzen, und kulturell die Definition dessen mitgestalten, was man ‘Leben’ nennt. Das weiss auch
Polona Tratnik: Für
Micro Flesh bittet sie täglich Besucher der Ars Electronica um ein Sample von Körperzellen aus Gesicht, von den Händen oder gar Geschlechtsorganen. Auf Agar entwickeln sich die an uns haftenden Mikroorganismen in Petri-Schalen dann als fragmentarische Portraits, und entwickeln ein Eigenleben.
Jennifer Willet fühlt der heutigen “geschlossenen Laborökologie” auf den Zahn. In
BIOplay: Bacteria Cultures inszeniert sie alle Organismen und Teilorganismen, die das Labor bewohnen – tierische und menschliche Zellen, Bakterien, Enzyme, Pflanzen… und die Künstlerin selbst, und fragt danach, wer bestimmt, was oder wer auf den Experimentiertisch kommt.
Nie kann man sicher sein, wie sich in diesen Werken Utopie und Dystopie die Waage halten. Die robotische Installation “
Fuck Me Now Or Lose Me Forever“ von
Jonathan Schipper und Amelia Biewald inszeniert ein mechanisches Paarungsritual von Adlern: In der Luft vereinigen sie sich in einer Umarmung, fallen dann Richtung Boden und trennen sich kurz vor dem Aufprall, bevor es dann hoch oben wieder von vorn losgeht.
Stefan Doepner stellt mit
Robot Partner 0.2 – Automated Table Modification einen Tisch aus, auf dem absurd-poetisch Gegenstände auf einem Magnetfeld umherlaufen. Als Seitenhieb auf die grassierende Automation unserer Alltagswelt inspiziert er das Grundideal von ‘Fortschritt’. Über diesen Fortschritt lässt
Paul Granjon nun im wahrsten Sinne des Wortes Gras wachsen. Sein
Robot Rabbit ist eine automatische Installation, in der ein Spielzeughase jede Sekunde unaufhörlich die Worte “robot, rabbit” ausruft. Doch das Artefakt steht auf einem mit einer elektrischen Pumpe automatisch bewässerten Fleck Rasen – auch dieser ist wiederum von der ihn umgebenden Mechanik abhängig.