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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

12/07/10

Edgar Morin (Frankreich)

umreißt das europäische Genie


1945 ist der kommunistische französische Widerstands-kämpfer Edgar Morin – er ist damals 24 Jahre alt – gegen Europa: Er sieht im alten Europa den Ursprung von Imperialismus und Herrschsucht.  Bereits 1951 lehnt er den Stalinismus ab und kehrt, nachdem er in den 70er Jahren die Kämpfe der Dritten Welt unterstützt hat, nach Europa zurück. Seine späte Erkenntnis lenkt ihn nicht von der globalen Problematik ab. „Ich komme hierher zurück, weil das Wertvollste dieser Kultur von nun an auch das Verletzlichste ist.“ Um „Europa zu denken und unsere Schicksals-gemeinschaft zu berücksichtigen, bevor eine Zweckgemeinschaft ins Auge gefasst wird.“ Seine aktuelle Forschung räumt dem Begriff der Komplexität einen wichtigen Platz ein und liegt im Grenzbereich zwischen Soziologie und Anthropologie.


„Das Wichtige an der europäischen Kultur sind nicht nur die Leitgedanken (Christentum, Humanismus, Verstand, Wissenschaft), es sind diese Ideen und ihr Gegenteil. Das europäische Genie besteht nicht nur in der Pluralität und der Veränderung, es besteht im Dialog der Pluralitäten, der zur Veränderung führt. Es besteht auch nicht in der Produktion des Neuen als solches, es besteht im Antagonismus des Alten und des Neuen (das Neue um des Neuen willen verliert an Wert und wird zur Mode, zu Oberflächlichkeit, zu Snobismus und zu Konformismus). [...]

„Der europäische Zweifel ist um so belebender, als er die Skepsis mit etwas verbindet, das ihn wiederum verleugnet. So steht der Zweifel nicht nur im Zentrum von Montaignes Überlegungen, er steht auch im Mittelpunkt von Descartes‘ Methode, Pascals Glauben und Humes Empirismus. Und um nur einige der wahren Helden der europäischen Literatur zu nennen, die eigentlich Antihelden sind und deren Schwäche Größe ist, steht nicht der Zweifel im Mittelpunkt der heiligen Pflicht Hamlets, des ständigen Überdrusses von Oblomow, der Tragödie von Iwan Karamazow und des Elends von Stravoguine?

„Heute kann Milan Kundera zurückblickend in Don Quichotte, Faust und Don Juan die typisch europäischen Helden erkennen, denn sie sind Helden des Scheiterns und des Spotts in ihrem Streben nach dem Erhabenen und dem Absoluten. Jeder von ihnen verleugnete auf seine Weise die Endlichkeit, glaubte an die Unbegrenztheit und ignorierte das Prinzip der Realität genau in dem Moment, in dem es sich ihm aufdrängte. Und das, während die bürgerliche, kapitalistische und wissenschaftliche Welt die großartigsten Erfolge erzielte, weil sie allen realistischen Prinzipien gehorchte. Aber wir wissen heute, dass der Kapitalismus, die Wissenschaft und Europa genau den Trieben gehorchten, die die Endlichkeit verleugneten, an die Unbegrenztheit glaubten und schließlich das Prinzip der Realität vergessen sollten. Die europäische Literatur hörte nicht auf, in sich das unsichtbare Negative zu tragen, das aus den Leiden und Misserfolgen, dem euphorischen Bild vom unendlichen Fortschritt und der Eroberung der Welt resultierte.

„Gab es nicht irgendeinen geheimen und permanenten Zusammenhang zwischen der negativen Haltung der europäischen Kultur und dem schließlich selbstzerstörerischen Prozess, der Europa in den Ruin trieb?“

Edgar Morin
Europa denken
Campus Verlag, 1991, Frankfurt am Main
ISBN 3593345145

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 12-07-10