Eine einzelne Begegnung kann ein ganzes Leben verändern – ob sie wie ein Blitz einschlägt oder wie ein fallender Dominostein den Anstoß zu einer Folge von Ereignissen gibt. Im neuen Roman von Eduardo Mendoza ist sie der Dominostein. Der Autor aus Barcelona spart sich die Vorreden und lässt seine Geschichte direkt mit der Begegnung beginnen, die das Leben des Zahnarztes Mauricio nachhaltig beeinflussen wird. Nach längeren Aufenthalten im Ausland und in Madrid trifft Mendozas Titelheld in der Barceloneser Zahnklinik, in der er seit kurzem arbeitet, durch Zufall einen früheren Schulkameraden wieder. Da Mauricio sich in Barcelona noch keinen neuen Bekanntenkreis aufgebaut hat, kommt ihm Fontáns Einladung zum Essen gerade recht, und auch als dieser ihn schon wenige Tage nach der ersten Verabredung zu einer kleinen Party in sein Haus einlädt, sagt er spontan zu – mit Folgen: Der Gastgeber macht ihn mit zwei aufstrebenden sozialistischen Regionalpolitikern bekannt, die den Zahnarzt für ihren Wahlkampf gewinnen wollen, und obwohl Mauricio, der sich während des Studiums halbherzig für die Kommunisten engagierte, eigentlich nichts mehr mit Politik zu tun haben will, lässt er sich von den Sozialisten als Listenkandidat für ihren Wahlkampf aufstellen. Und dann ist da noch die junge Rechtsanwältin Clotilde, die Mauricio nach der Party in seine Wohnung begleitet.
Spanien nach der Transición
Mendoza verankert seinen Roman im Barcelona der 1980er Jahre – zwischen den Regionalwahlen von 1984 und dem 1986 erhaltenenen Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1992. Spanien befindet sich in der Post-Transición. Der Übergang zwischen Franco-Diktatur und Demokratie ist geschafft, doch die innenpolitische Lage ist instabil und die soziale Schere öffnet sich. Nach den ersten freien Wahlen 1980 in Katalonien, heißt es nun, die junge Demokratie zu festigen – eine weitaus weniger dankbare Aufgabe, als die alten Widerstandskämpfer sie sich erhofft hatten. Die Sozialisten regieren zwar Spanien, doch in Katalonien haben sie einen schweren Stand, und so scheint ihnen jedes Mittel recht zu sein, um ihre Listen zu füllen. Scheinbar wahllos sammeln sie Kandidaten ein und schicken sie in den Wahlkampf – auch Mauricio gehört dazu.Ein paar Wochen später ist der Spuk vorbei. Die katalanischen „Sozis“ haben ihre Wahl verloren, und für den Zahnarzt – mittlerweile mehr oder weniger verbindlich mit Clotilde liiert – ist die Politik längst wieder Geschichte. Doch die Wahlkampfepisode hat ihm ein Souvenir hinterlassen: Die Porritos, die „Kifferin“, ein kurvenreiches Hippiemädchen, das die Veranstaltungen der Sozialisten mit ihrer Gitarre begleitet hat, bringt sich bei Mauricio in Erinnerung. Diesmal ist sie es, die ihn mit zu sich nach Hause nimmt – in ihre versiffte Bude in der Vorstadt.
Knight Rider und ein Gespenst namens AIDS
Sorgfältig bettet Mendoza seinen Roman in die 1980er Jahre ein. Die Sittenpolizei der Franco-Diktatur hat noch nicht lange genug Feierabend, als dass ein unverheiratetes Paar ohne mulmiges Gefühl in einem Hotel einchecken könnte. Im Kino verlieren die tragisch-hysterischen Frauengestalten Pedro Almodóvars ihre Nerven, im Fernsehen unterhält sich „Knight Rider“ David Hasselhoff mit seinem Auto K.I.T.T.
Frauen, die selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen wollen, werden noch immer argwöhnisch beäugt, und die Kanzlei-Praktikantin Clotilde ist umso mehr darauf bedacht, ihre Frau zu stehen. Homosexualität ist kein Tabu mehr, man pflegt einen leichtfertigen Umgang mit Sex, und die „Strafe“ dafür folgt auf dem Fuß: in Gestalt eines Gespenstes namens AIDS, über das man noch nicht allzu viel weiß.
Mauricio drückt sich vor der Wahl
Mendoza will sein Buch nicht als politischen Roman verstanden wissen. „Mauricios Wahl“ ist in erster Linie die Geschichte von einem, der sich schwer tut, zu wählen. Leben und leben lassen – so das Motto des leidenschaftslosen Goethelesers, der Konflikte vermeidet und sich von unangenehmen Dingen möglichst fern hält. Soll er sich für die Sozialisten aufstellen lassen? Soll er eine Gemeinschaftspraxis in der Provinz eröffnen? Entscheidungen wie diese würde er am liebsten seiner gescheiten Freundin überlassen. Am Tag seiner Abstimmung fährt Mauricio mit Clotilde aufs Land, anstatt einen Stimmzettel in die Urne zu werfen, und auch, was sein Liebesleben angeht, drückt er sich weitestgehend vor der Wahl. Soll er der Porritos, die ihn mit einer archaischen „Mischung aus Fürsorge und Leidenschaft“ liebt, den Laufpass geben, um die resolute Clotilde zu heiraten? Mauricio wartet ab, bis der AIDS-Tod der „Kifferin“ ihn für die Rechtsanwältin freigibt, um sich, ebenfalls halbherzig, an diese zu binden.Mauricio ist Repräsentant einer ideologiearmen Zeit, die Mendoza unaufgeregt und mit trockenem Humor auferstehen lässt. „Skeptizismus ist nicht mehr in Mode“, lässt er seinen Protagonisten bei einer Hochzeitsfeier feststellen, als ein lichter Moment Mauricios Alkoholnebel durchdringt. Mendoza selbst interessieren die Moden nicht. In seinem Roman kriegen alle ihr Fett weg: die Sozialisten, die Kommunisten, die Pfaffen.
„Mauricios Wahl“ ist ein interessantes Stück spanische und katalanische Zeitgeschichte, verpackt in einen sorgfältig komponierten Roman. Und doch lässt die Beliebigkeit, mit der Mendozas Protagonist sein Leben bestreitet und die in einem filmreifen „Happyend“ gipfelt, den Leser etwas ratlos zurück.
Eine Rezension von Maike van Schwamen






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