Cannes 2007 - Live von der Croisette - 26/05/07
Ein Beitrag zum Erotikfilm
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Als ob Cannes zum 60-jährigen Jubiläum nicht schon genug voll gepackt wäre mit hochkarätigen Filmen und Veranstaltungen. Jetzt auch noch eine ‚Lektion des Kinos’ mit Martin Scorsese. Minutenlange Ovationen, auch von Zuhörern wie Quentin Tarantino oder Claude Lanzmann, die nur durch den Meister selbst gestoppt werden können. Der ist noch kleiner als man ihn in Erinnerung hat und sicherlich bescheidener als 99 Prozent aller Croisette-Flaneure. Michel Simon, inzwischen um die 75, eine der letzten Institutionen aus der Blütezeit der französischen Filmkritik und längst mehr Essayist als Rezensent, stellt angesichts von 90 knappen Minuten, in denen eine außergewöhnliche Karriere vorgestellt werden soll, die richtigen Fragen: knapp, neugierig wie einer, der Scorsese das erste Mal zu Gesicht bekommt und nicht cineastisch-intellektuell-verschwurbelt. Scorsese antwortet in seiner unnachahmlichen Art – atemlos, das Maximum an Information in seine Antworten hineinwerfend und so ausnahmslos uneingebildet und auskunftsfreudig, wie es nur ein ganz, ganz großer Künstler zu sein vermag, der sein Leben in den Dienst einer einzigen großen Leidenschaft gestellt hat.
Dieser „Virus“, der ihn bereits als Kind befiel, war ein von den Eltern verabreichtes Gegengift für den schwächlichen und kleinen Little-Italy-Bewohner Martin Scorsese, der lungenkrank früh das Bett hüten musste. Also schickte man ihn ins Kino, wo er die Filme von Fritz Lang oder Nicolas Ray inhalierte, bis er sie auswendig herunterbeten konnte. Ein weiteres Schlüsselerlebnis war die Begegnung mit einem leidenschaftlichen Hochschullehrer an der New York University, die damals ihren Studenten noch kaum praktische Arbeitsmöglichkeiten anbieten konnte. Doch Scorsese stellt unter widrigen Bedingungen zwei viel beachtete Kurzfilme her, die den Einstieg ins professionelle Filmgeschäft erleichtern. Mit „Mean Streets“ schließlich gelingt Martin Scorsese sein internationaler Durchbruch.
Immer noch ist Martins Scorseses Leidenschaft, auch vor 1000 Zuhörern in der ‚Salle Debussy’, in jeder Sekunde seines Vortrags spürbar. Gefragt, was für einen Film er drehen würde, sollte er sich im Genre des Sexfilms versuchen müssen, versinkt Scorseses in langes, humorvolles, aber nachdenkliches Schweigen. Als ob er in diesen wenigen Sekunden ernsthaft über die Möglichkeit seines Beitrags zum Erotikfilm nachgedacht hätte.
Martin Rosefeldt
Erstellt: 25-05-07
Letzte Änderung: 26-05-07