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Hitchcock - Meister der Angst

Kleiner chronologischer Abriss der amerikanischen Ausflüge Hitchcocks in die Tiefen des Unbewussten ...

> Hitchcock zwischen 1939 und 1976

Hitchcock - Meister der Angst

Kleiner chronologischer Abriss der amerikanischen Ausflüge Hitchcocks in die Tiefen des Unbewussten ...

Hitchcock - Meister der Angst

Zyklus Hitchcock - 20/10/09

Ein Brite in Amerika: Hitchcock zwischen 1939 und 1976

Als Hitchcock im März 1939 in die USA geht, hat er gerade mit David O. Selznick einen Siebenjahresvertrag über ein Honorar von 40 000 $ pro Film unterschrieben. Das amerikanische Publikum kennt ihn bereits ein wenig und weiß seinen bereits legendären Umgang mit Spannung und seinen britischen Humor zu schätzen.

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Schon bei der ersten Filmproduktion in den USA kommt es zwischen Hitchcock und Selznick zu Unstimmigkeiten: Hitchcock ist über die künstlerische Einflussnahme verärgert, die Selznick auf seine Filme ausüben möchte, während gleichzeitig die monumentalen Dreharbeiten für „Vom Winde verweht“ Unsummen verschlingen. In einem späten Interview fasst Hitchcock seine Beziehung zu Selznick wie folgt zusammen: „[Selznick] war der große Filmproduzent schlechthin. Und der Produzent ist König. Das Schmeichelhafteste, was ich jemals von ihm gehört habe – um Ihnen einen Eindruck davon zu geben, was Kontrolle für ihn bedeutete – war, dass ich ‚der einzige Regisseur‘ sei, dem er jemals ‚bei einem Film vertraut‘ hätte.“

Im Laufe der Jahre und letztlich in relativ kurzer Zeit gelingt es dem Filmemacher, seinen Einfluss zurückzugewinnen und sich trotz kleinerer Rückschläge von den produktionstechnischen Zwängen freizumachen, vor allem aber, bei der Erforschung und Darstellung menschlicher Abgründe trotz der Zensur immer einen Schritt weiterzugehen. Hitchcock greift für die damalige Zeit sehr moderne Themen auf: das Unbewusste (z.B. Träume), Ängste und Triebe, Sexualität. Er ist einer der ersten, der im Kino zeigt (und den Beweis erbringt), dass die Menschen es lieben, sich mit ihren Ängsten auseinander zu setzen. Seine Filme werden immer düsterer, und mit jedem Film bestätigt sich seine wahre und doch verstörende Behauptung aufs Neue: das Publikum leidet gerne! Nach seiner Ankunft in den USA werden die Filme in gewisser Weise immer gewalttätiger. Diese allmähliche Entwicklung gipfelt in dem Film „Frenzy“ über einen exzentrischen Serienkiller, der aber auch eine Rückkehr zu den britischen Wurzeln darstellt und von Warner produziert wird.

Kleiner chronologischer Abriss der amerikanischen Ausflüge Hitchcocks in die Tiefen des Unbewussten ...

  • Rebecca“ aus dem Jahr 1940 (ein düsteres Melodram über eine junge Ehefrau, die sich mit dem bedrohlichen Schatten einer Toten und einer schmarotzerischen Haushälterin auseinandersetzen muss) und „Verdacht“ aus dem Jahr 1941 (siehe verlinkten Artikel) spielen sich beide in der Schrecken erregenden, weil durch Schrecken erregten Vorstellungswelt zweier naiver junger Frauen ab, die beide von derselben Schauspielerin, Joan Fontaine, dargestellt werden.

  • Hitchcock selbst erklärte, dass „Im Schatten des Zweifels“ (1943) sein Lieblingsfilm sei. Warum? Vielleicht aufgrund des von ihm so oft ausgesprochenen Prinzips: „Je gelungener der Schurke, desto gelungener der Film.“ In dem Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von François Truffaut beschreibt Hitchcock den Mörder so: „Charlie Oakley ist ein Mörder mit einem Ideal. Er gehört zu den Mördern, die sich berufen fühlen zu zerstören. Vielleicht verdienten die Witwen ihr Schicksal, aber es stand ihm nicht zu, es zu tun ... Der Film enthält ein moralisches Urteil. Zum Schluss des Films kommt er um, nicht? Seine Nichte bringt ihn um, wenn auch ohne Absicht. Das bedeutet, dass nicht alle Schurken schwarz sind und nicht alle Helden weiß. Überall gibt es Zwischentöne. Onkel Charlie liebte seine Nichte sehr, aber nicht so sehr, wie sie ihn. Aber sie musste ihn in den Tod treiben, denn erinnern wir uns, was Oscar Wilde sagt: ‚Man tötet, was man liebt.‘“


    Die junge Charlie sagt über die Witwen: „Aber sie leben! Sie sind Menschen!“
    Charlie (gespielt von Joseph Cotten): „Sind sie das?“

  • In „Ich kämpfe um dich“ (1945) beschäftigt sich Hitchcock mit der Psychoanalyse anhand der Schilderung eines Mannes, der sein Gedächtnis verloren hat und sich für einen Arzt hält, aber unter fürchterlichen Wahnvorstellungen leidet ... Die faszinierende Traumsequenz, die von Salvador Dalí für den Film entworfen wurde:


  • Cocktail für eine Leiche“ aus dem Jahr 1948 verstört trotz der eher statischen, fast bühnenhaften Inszenierung durch seine Handlung: zwei Studenten töten aus Überzeugung (in gewisser Weise intellektuelle Vorläufer der Mörder in „Funny Games“ von Michael Haneke!). Der Film durfte in mehreren US-Staaten sowie in Frankreich und Italien nicht gezeigt werden (bzw. wurde vor der Aufführung zensiert, z.B. durch das Herausschneiden der Mordszene). Ein ähnliches Schicksal blieb der Verfilmung des ersten Romans von Patricia Highsmith „Der Fremde im Zug“ aus dem Jahr 1951 nur knapp erspart, trotz zahlreicher Beschwerden wegen der sexuellen Anspielungen. In „Das Fenster zum Hof“ aus dem Jahr 1954 steht der Voyeurismus im Mittelpunkt der Handlung. Während „Immer Ärger mit Harry“ aus dem Jahr 1955 mit rabenschwarzem Humor der verblüffenden Idee auf den Grund geht, dass Tod gleichbedeutend mit Mord sei.

  • Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958) ist vielleicht Hitchcocks absolutes Meisterwerk. Auf den ersten Blick geht es um die Ermittlungen zu einem Kriminalfall, doch eigentlich erzählt der Regisseur nach eigener Auskunft „eine Liebesgeschichte in befremdlicher Atmosphäre“. Anhand der Geschichte eines Mannes, der in eine Tote verliebt ist, dekonstruiert er die Vorstellung von Schwindelgefühl und Schicksal, um am Ende seine Heldin zweimal sterben zu lassen ... Trailer zu „Vertigo“:


  • In „Der unsichtbare Dritte“ aus dem Jahr 1959 beschäftigt sich Hitchcock mit der weit verbreiteten Angst, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, und schildert die unheilvollen Erlebnisse eines Mannes (Cary Grant), dem man aufgrund einer Verwechslung nach dem Leben trachtet. Er lässt seinen Filmhelden rennen, bis den Zuschauer die Platzangst überfällt, oder auch die Angst vor Einsamkeit und Leere (in den Bergen, in einem Wald oder in einem Maisfeld). Hier entführt Sie Hitchcock in dem Trailer zum Film auf eine kleine Reise durch die USA:


  • Psycho“ aus dem Jahr 1960 und der verstörende (und ausgesprochen neurotische) Anti-Held Norman Bates: Braucht man dazu noch ein Wort zu verlieren? Zur Erinnerung noch einmal die meisterhaft diabolische Duschszene:


  • Zu „Die Vögel“ aus dem Jahr 1963 meint Hitchcock mit einer gesunden Portion Unbarmherzigkeit:
    „Man könnte sagen, dass es in dem Film um die übersteigerte Selbstzufriedenheit in der Welt geht: Die Menschen sind sich der Katastrophen nicht bewusst, die uns bedrohen.“ Die meisterliche Szene, in der die Kinder von den Vögeln angegriffen werden, als sie aus der Schule kommen (ohne Worte). Hier der (ausgesprochen humorvolle) Trailer zu „Die Vögel“ (mit französischen Untertiteln):


  • Noch bizarrer: die (eheliche) Vergewaltigungsszene in dem ausgesprochen neurotischen, aber faszinierenden Film „Marnie“ aus dem Jahr 1964 mit einem untypisch besetzten Sean Connery und der anbetungswürdigen Tippi Hedren:


  • Und schließlich „Frenzy“ mit dem unheimlichen Krawattenmörder aus dem Jahr 1972. Hier der Filmtrailer, in dem Hitchcock mit großer Behäbigkeit und wie immer entwaffnendem Humor auf der Themse treibend erklärt: „So ein Fluss kann manchmal sehr unheimlich sein ...“


Delphine Valloire

Erstellt: 16-10-09
Letzte Änderung: 20-10-09