Dieses Foto aus dem Vietnamkrieg, aufgenommen 1972 im südvietnamesischen Trang Bang, ist weltbekannt. Der junge Fotograf Huynh Cong (genannt „Nick“) Ut schießt es, nachdem südvietnamesische Flieger über dem Dorf Napalm-Bomben abgeworfen haben. Das Mädchen, das im Zentrum des Bildes zu sehen ist, erleidet bei dem Angriff schwere Verbrennungen. Der Fotograf Ut bringt die neunjährige Kim Phuc nach getaner Arbeit in ein Krankenhaus.
“Das Bild gab den namenlosen Opfern ein Gesicht”
Nick Ut gewinnt mit dem Foto den Pulitzer-Preis. Es wird millionenfach abgedruckt und steht fortan als exemplarisch für die Grauen des Vietnamkrieges. Doch warum wird genau dieses Bild so berühmt? Hat es etwa den Kriegsverlauf mitbestimmt, wie einige Experten meinen?

Die Geschichte eines Bildes, das die Welt bewegte
am Mittwoch,
17. Februar 2010 um 21.10 Uhr
Die Dokumentation von Marc Wiese erzählt, wie die bislang weitgehend unbekannte Geschichte des Mädchens auf dem Foto weiterging.

Für Dokumentarfilmer Marc Wiese steht fest: Das Bild mit der kleinen Kim Phuc hat all den namenlosen Opfern ein Gesicht gegeben. Deshalb empfand der Regisseur des Films “Das Mädchen und das Foto. Die Geschichte eines Bildes, das die Welt bewegte” (auf ARTE am 17.2.2010) es auch als eine spannende Aufgabe, über das Mädchen und den Fotografen zu berichten, deren Lebenswege durch das Foto bestimmt wurden. So wurde Kim Phuc mit ihrer Geschichte zunächst von der kommunistischen Regierung Vietnams für antiwestliche Propaganda-Zwecke missbraucht, schaffte es aber später, sich nach Kanada abzusetzen. Nick Ut gewann mit dem Foto von der kleinen Kim Phuc den renommierten Pulitzer-Preis. Er lebt heute in Los Angeles und arbeitet noch immer für die Nachrichtenagentur AP – mittlerweile fotografiert er aber vor allem Hollywood-Stars.
Marc Wiese faszinieren eben die „Nebengeschichten“, die sich vor, während und nach der Entstehung des Fotos abspielten. Es sei ein großer Zufall, dass sich die Protagonisten seines Films zum selben Zeitpunkt am selben Ort befanden und noch heute Freunde seien. Auch dass Nick Ut zum Zeitpunkt des Napalm-Angriffs auf Trang Bang als Fotograf bei AP arbeitete, hängt mit einem Zufall zusammen – mit einem traurigen Zufall. „Nick konnte das Foto nur schießen, weil sein Bruder tot war“, sagt Wiese. Ut war an die Stelle seines Bruders Huynh Cong La als Kriegsfotograf bei der Nachrichtenagentur AP getreten, nachdem dieser bei einem Arbeitseinsatz im Mekong-Delta im Jahr 1965 tödlich verletzt worden war.“Das Foto hat den Kriegsverlauf nicht verändert”
Geschichtsprofessor Gerhard Paul hat die Rezeptionsgeschichte des Fotos von Kim Phuc untersucht. Das Bild habe unter anderem deshalb solch eine starke Wirkung in der Öffentlichkeit gezeigt, weil es zunächst von Nick Ut „ideal geschossen“ und dann „ideal beschnitten“ worden sei, meint Paul. Tatsächlich wurde der rechte Teil des Bildes, auf dem weitere Fotografen zu sehen waren, weggeschnitten. Dadurch rückt das nackte Mädchen ins Zentrum.
Das schreiende Kind laufe somit frontal auf den Betrachter zu und zwinge ihn zu einer Reaktion. Kims gesamter Körper teile sich mit, erzähle eine Geschichte. Paul vergleicht die Wirkung von Nick Uts Fotografie mit der von Edvard Munchs Gemälde “Der Schrei”. Verstärkt werde die Wirkung des Fotos durch die Tatsache, dass Kinder darauf zu sehen seien: “Immer wenn Kinder im Spiel sind, rufen Bilder besonders starke Emotionen hervor”, sagt Paul. Die Rauchschwaden im Hintergrund ließen zudem vermuten, das etwas Schlimmes passiert sei.

Lesetipp
Denise Chong:
„Das Mädchen hinter dem Foto. Die Geschichte der Kim Phuc.“
Hoffmann und Campe, 2001.
In dem Buch “Das Mädchen hinter dem Foto” beschreibt die Autorin, wie Kim sich zunächst bewusst dafür entscheidet, mit ihrer persönlichen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen – „es sollte ihr ‚Broterwerb’ sein“, schreibt Chong.
Daraufhin wird Kim von Journalisten geradezu verfolgt: Sie rufen bei ihr zu Hause an, klingeln an ihrer Wohnungstür. Gleichzeitig erzählt Chong auch die Geschichte Vietnams und des Vietnamkrieges anhand der Familiengeschichte von Kim Phuc.

Gerhard Paul sieht in diesem Foto aber auch ein Beispiel für Fehldeutung und Legendenbildung. So werde das Bild auch heute noch von vielen mit einem US-Angriff in Verbindung gebracht. In Wahrheit waren es jedoch südvietnamesische Flieger, die am 8. Juni 1972 Napalm-Bomben über Trang Bang abwarfen, weil sie dort nordvietnamesische Soldaten vermuteten.
Auch warnt Paul davor, das Foto von Kim Phuc überzubewerten. In Wieses Dokumentarfilm sagt Alexander Butterfield, in den 70er Jahren Kabinettsmitglied in der Regierung Nixon: „Wenn jemand sagen würde, das Foto habe den Kriegsverlauf verändert, dann würde ich ihm zustimmen.“ Diese Aussage findet Geschichtsprofessor Gerhard Paul übertrieben. „Die US-Regierung hat im Sinne des Dolchstoßes den Medien vorgeworfen, ihr in den Rücken gefallen zu sein.“ Den Medien werde teils noch heute die Schuld daran gegeben, dass die USA den Krieg in Vietnam verloren haben. Das sei aber falsch. „ Die Amerikaner hatten sich schon aus weiten Teilen Südvietnams zurückgezogen. Militärisch war der Krieg zu jenem Zeitpunkt schon verloren“, sagt Paul.
von Miriam Arndts
Fernsehtipp:
Die Geschichte eines Bildes, das die Welt bewegte
Mittwoch, 17. Februar 2010 um 21.10 Uhr
1972 geht ein Foto um die Welt: Es zeigt die neunjährige Vietnamesin Kim Phúc, die mit schmerzverzerrtem Gesicht um ihr nacktes Leben läuft. Bei dem Versuch, einem Napalmbombenangriff zu entkommen, erleidet sie schwerste Verbrennungen. Innerhalb von Tagen ist Kim Phúcs Foto in allen Zeitungen, und bis heute ist das Bild ein Sinnbild für die Unmenschlichkeit des Krieges. Die Dokumentation von Marc Wiese erzählt, wie die bislang weitgehend unbekannte Geschichte des Mädchens auf dem Foto weiterging.
Es ist der 8. Juni 1972. In Vietnam tobt ein grausamer Krieg. Kim Phúc sucht mit ihrer Familie Schutz in einem Tempel, als ein Angriff auf das kleine Dorf Tran Bang beginnt. Kurz darauf soll der Tempel bombardiert werden. Die Neunjährige flüchtet mit anderen Kindern aus dem Dorf und gerät mitten in den Napalmangriff. Ihre beiden Cousins sterben. Kim brennt sich der Phosphor in die Haut. In diesem Augenblick drückt der AP-Fotograf Nick Ut auf den Auslöser. Das Bild wird zu einem der berühmtesten Fotos des Vietnamkriegs.
Ut erhält für seine Aufnahme den renommierten Pulitzer-Preis. Und das Klicken seines Auslösers rettet Kim Phúc das Leben. Nachdem er das Bild geschossen hat, bringt der Fotograf das Mädchen in das nächstgelegene Krankenhaus. Tage später - als das Foto längst weltberühmt ist - wird Kim Phúc in eine Spezialklinik für Verbrennungen in Saigon gebracht. Ohne die Veröffentlichung wäre sie gestorben. Die Macht eines Bildes.
Das Leben Kim Phúcs wird von nun an von diesem Bild bestimmt. Zunächst Vorzeigeopfer der westlichen Medien, werden Kim Phúc und ihr Bild nach dem Sieg Nordvietnams vor die kommunistische Propaganda-Maschine gespannt. Und doch verschafft das Foto ihr Vorteile. Als Privilegierte der vietnamesischen Regierung kann sie später in Kuba studieren. Durch ihre Reisemöglichkeiten gelingt es Kim Phúc später, sich mit ihrem Mann in den Westen abzusetzen. Doch es scheint, als könnte sie ihrem Bild niemals entkommen. Denn wie lange oder wo sie auch lebt, sie wird für alle immer das flüchtende Mädchen bleiben - das Mädchen auf dem Foto aus Vietnam.
Die Dokumentation - gedreht an Originalschauplätzen - zeigt die Geschichte des weltbekannten Fotos, seine Entstehung und seine bisher unbekannten Hintergründe. Außerdem veranschaulicht sie, wie ein einziges Bild das Leben aller Beteiligten verändert hat. "Das Mädchen und das Foto" ist auf der 23. FIPA in Biarritz für den Hauptpreis Fipa d'or in der Sektion "Creative documentaries" nominiert.
....................................................
Das Mädchen und das Foto
(Deutschland, 2009, 53mn)
WDR/ARTE
Regie: Marc Wiese







per E-Mail verschicken




Facebook
Twitter
RSS

