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20/11/07

Ein Telefon-Interview mit dem finnischen Bass Matti Salminen

von Teresa Pieschacón Raphael


- Vom finnischen Schulsystem hört man seit der Pisa-Studie sehr viel Gutes; wie steht es mit der Musikerziehung in Ihrer Heimat?

Ich war ja hauptsächlich in Deutschland tätig und weiß wenig davon. Ich bin gerade in der Sauna und schaue auf die schöne Landschaft. Es ist ein schöner sonniger Abend. Leider habe ich mich mit Schulen nicht auseinandergesetzt, ich hatte nur mal gehört, daß die Musik auch hier immer weniger eine Rolle spielt. Ich bin sowieso kein großer Freund von dem Musikhochschulsystem, weil dort im künstlerischen Bereich mehr die Mittelmäßigkeit gefördert wird als die Persönlichkeit. Wirkliche Persönlichkeiten gehen sowieso ihren eigenen Weg.

- Sie wurden 1945 in Turku geboren, entstammen einer Arbeiterfamilie. Wie entdeckten Sie Ihre Begabung?

Meine Eltern waren gewöhnliche Arbeiter, die hart gearbeitet haben. Klassische Musik hat kaum eine Rolle gespielt. Aber irgendwann haben sie gemerkt, dass mir das Singen Spass machte. Ich kam in einen Kinderchor, habe dort als Sechsjähriger im Sopran mitgesungen und die Dame, die den Chor leitete hat mir wahrscheinlich den Weg geebnet.

- Sie selbst hatten auch ein Tischlerhandwerk erlernt?

Ich habe dort gearbeitet, wo die Schiffe gebaut wurden. Meine Mutter ist sehr früh gestorben und mein Vater konnte die Familie nicht allein ernähren und deshalb mußten wir alle arbeiten. Ich wußte zwar, ich will etwas in Richtung Musik machen, aber mir war noch nicht klar, was. Ich habe einiges gemacht, war auch als Schlagersänger unterwegs, bis 1966 an der finnischen Nationaloper eine Position als Chorsänger frei wurde. Bei mir zuhause hatte man andere Dinge im Kopf. Meine Mutter hätte bestimmt nichts dagegen gehabt, mit meinem Vater aber hatte ich große Probleme. Ein Arbeiterkind ... wie soll ich das ausdrücken... , das sich mit klassischer Musik auseinandersetzt, hatte damals keinen guten Ruf. Doch an einem meiner Geburtstage hat er sehr viele Jahre später dann gesagt: „Junge, wenn ich gewußt hätte, dass Du das so gut kannst!“Vor zweieinhalb Jahren ist mein Vater gestorben

- Zwei Meter sind Sie groß.

Nicht mehr ganz.

- Welchen Einfluß hatte Ihre Physiognomie auf Ihre Laufbahn?

In meiner Anfangszeit an der finnischen Oper hat der Intendant gesagt: ‚Mein Problem ist, daß der Mann sehr teuer wird‘. Weil soviel Stoff für meine Kostüme gebraucht wurde (Lachen). Mir selbst hat meine Größe keine Probleme bereitet. Ich habe Schuhgröße 48 und in Amerika finde ich immer die passende Kleidung. Manche Kritiker empfanden mich zu groß für eine historische Figur, die ja wesentlich kleiner waren.

- Inwiefern hat Ihr Gesang von der finnischen Sprache, die ja sehr vokalreich ist, profitiert?

Sehr, wirklich sehr. Zudem sind wir ein Volk, das viel singt. Früher wurde in der Schule viel gesungen, das wird heute nicht mehr so getan, soweit ich informiert bin. So kommen wir auf das Thema zurück. Zudem sind heute für die meisten die elektronischen Medien interessanter. Das finde ich nicht unbedingt gut. Ich habe zwar in diesem Moment am rechten Ohr auch ein Handy, die vielen technischen Erneuerungen sind sehr praktisch und komfortabel. Und auch die Industrie ist wichtig, gerade für unser Land. Doch sie nehmen uns auch sehr sehr viel weg, vor allen Dingen im künstlerischen Bereich. Innerhalb von fünfzig Jahren haben wir eine unglaubliche Entwicklung gemacht, ich bin ja noch ein Nachkriegskind. Wir werden sehen, ob das gut war. Auch dass wir ständig erreichbar sein müssen, empfinde ich als eine Belastung.

- Der größte Luxus wird sein, nicht erreichbar zu sein.

Ja, das ist ein wirklicher Luxus und deshalb würde ich das Gespräch so langsam zu Ende bringen (Lachen).

- Noch ein paar Fragen. Ihre Stimme wurde stets als Naturereignis gefeiert. Wie sehr ist man in Gefahr, sich nur auf die eigene Stimmopulenz zu verlassen und die Interpretation darüber zu vernachlässigen?

Die ist bei manchen da. Doch eine schöne Stimme alleine ist nur die halbe Miete. Die Persönlichkeit, die Darstellungskunst ist viel wichtiger. Man hört sogar lieber nicht so schöne Stimmen, die aber umso intensiver eine Figur, eine Stimmung zeichnen können. Es gibt natürlich Rollen, bei denen die Größe der Stimme eine Rolle spielt, aber meistens geht es um Nuancen, um Vielfältigkeit, Ausdruckskraft, um Kanten und Ecken. So eine auf schön polierte Stimme hat für mich keine Bedeutung. Leider gibt es eine Tendenz zu einem Schöngesang und viele Lehrer achten nicht mehr auf den wahrhaftigen Ausdruck und die gute Darstellung. Ohne selbst Erfahrung auf der Bühne gesammelt zu haben, kann man das auch selbst sehr schwer vermitteln.

- Bass-Figuren sind ja meist weise, majestätische Figuren. Gewinnt ein Bass mit dem Alter an Autorität?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe als 24Jähriger zum ersten Mal den König Philipp in Don Carlo gespielt; einen spanischen Monarchen. Wenn man daran zurückdenkt ist das doch völliger Blödsinn! Der hatte ja einen alten unglaublichen Charakter. Das war eine Notsituation, man brauchte mich in Finnland. Und dann habe ich das gemacht. Heute denke ich, um Gottes willen!

- Zugleich finden sich im Bass-Fach auch die düsteren Charaktere wie Hagen oder Boris. Was macht Ihnen mehr Spass, die guten oder die schlechten?

Ich fand alles sehr spannend. Ist denn Sarastro ein guter Mensch? Ob König, Priester oder Teufel; jede Rolle hat ihre ganz eigenen Farben.

- Es heißt, Aulis Salinnen habe Ihnen in seiner Oper „Lear“ (Uraufführung 2000) die Titelpartie auf den Leib geschrieben. Was mußte er berücksichtigen?

Das sagt man, aber beschäftigt hatte er sich schon Jahre vorher damit. Er war sehr glücklich darüber , dass ich das mache. Aber es ist übertrieben zu sagen, er hätte das eigens für mich geschrieben. So und jetzt bin ich ein Schurke und gehe wieder in die Sauna.

Erstellt: 16-08-04
Letzte Änderung: 20-11-07