Die Nordwestpassage entlang der Nordküste Kanadas ist die kürzeste Verbindung zwischen dem atlantischen und dem pazifischen Ozean. Doch am Rande der Arktis, jenseits des 60. Breitengrads blockiert sommers wie winters Packeis den Seeweg. Schon im 16. Jahrhundert machten sich Forscher und Abenteurer auf die Suche nach der kürzesten Route zwischen Europa und Asien. Viele ließen dabei ihr Leben, manche ihre Ehre. Seit Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts beobachten Wissenschaftler, dass die globale Erwärmung den Charakter der Nordwestpassage verändert. Das Eis schmilzt immer schneller. In 20 Jahren könnte die Nordwestpassage erstmals vollständig eisfrei sein. Über den wirtschaftlichen Perspektiven einer solchen Entwicklung treten zwei gravierende Aspekte scheinbar in den Hintergrund: Die Folgen für die Umwelt und das Leben der angestammten Bewohner dieser Region, der Inuit. Der Geopolitiker Jean-Christophe Victor (Mit offenen Karten), Sohn des französischen Polarforschers Paul-Émile Victor sieht das weiße Paradies bedroht.
Welche geopolitischen Konsequenzen hätte die ganzjährige Passierbarkeit der Nordwestpassage? Nach den Erkenntnissen der Wissenschaft könnte diese in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren Realität werden.Eine eisfreie Nordwestpassage würde vieles verändern. Die Ausbeutung der Bodenschätze im Polargebiet – Nickel, Cadmium, möglicherweise Uran, mit Sicherheit Diamanten - würde sich ebenso vereinfachen wie der Zugriff auf die Ölvorkommen in der Arktis. Dies wiederum würde eine Reihe juristischer Fragen aufwerfen: Wer hätte beispielsweise die Hoheitsrechte auf die Gewässer im Norden Kanadas? Diesbezüglich gibt es ja bereits Streit zwischen Kanada und den USA. Kanada betrachtet die Gewässer als kanadisches Hoheitsgebiet, während die USA den Standpunkt vertreten, es handle sich um internationale Gewässer. Wäre die Nordwestpassage ab 2015 oder 2020 eisfrei, würde dies die Seewege für den internationalen Schiffsverkehr erheblich verkürzen, ähnlich wie der Durchbruch des Panamakanals und des Suezkanals. Kürzere Seewege bedeuten weniger Treibstoffverbrauch, weniger Personalkosten, geringerer Versicherungsaufwand. Also, insgesamt erhebliche Kosteneinsparungen. Andererseits wäre eine solche Entwicklung ökologisch gesehen eine Katastrophe. Eigentlich sollte die Sorge hierum im Vordergrund stehen. Regelmäßige Messungen zeigen, dass die Polarkappen schmelzen. Grönlands Gletscher ziehen sich zurück, das Packeis kommt jedes Jahr später, der Eisaufbruch erfolgt Jahr für Jahr früher. Es geht nicht um die „mögliche Erwärmung der Erdatmosphäre in der Zukunft“, wir haben es hier mit eindeutigen Fakten zu tun!
Inzwischen ist bekannt, dass die Inuit schon heute sehr unter der Zerstörung ihres Lebensraums durch Umweltverschmutzung leiden. Eine Zunahme des Schiffsverkehrs entlang der arktischen Küste würde die Problematik noch verschärfen. Was sollen wir tun? Uns über die Aussicht auf neue wirtschaftliche Möglichkeiten freuen oder uns um die sich anbahnende ökologische Katastrophe und das humanitäre Drama sorgen?Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Einerseits ist es verständlich, dass man sich über neue wirtschaftliche Möglichkeiten freut. Andererseits fürchtet man die katastrophalen Auswirkungen auf die Umwelt. Was ist richtig und was falsch? Soll man die Erdölvorkommen ausbeuten, damit die Inuit in Lohn und Brot kommen – nicht wissend, wie viel sie tatsächlich von der wirtschaftlichen Entwicklung profitieren werden? Schauen wir uns doch einmal an, wie es den Inuit Grönlands nach 1953 ergangen ist. Damals hat die dänische Regierung ihnen die vollen staatsbürgerlichen Rechte zuerkannt und ihre Gleichstellung mit der dänischen Bevölkerung gesetzlich verankert. Im Hinblick auf die medizinische Versorgung und den Zugang der Inuit zur Bildung ist dieses Gesetz durchaus positiv zu werten. Doch die traditionelle Wirtschaft der Inuit, ihre reiche Kultur, ihre Traditionen und ihre Gesellschaftsstrukturen wurden dadurch zerstört. Die Menschen aus dem Süden brachten den Inuit nicht nur Medikamente, sondern auch Alkohol. An ihm sind ganze Dörfer zugrunde gegangen und tun es noch heute. Ich weiß ehrlich nicht, wie ich Ihre Frage beantworten soll.
Zu diesem Thema gibt es zurzeit eine sehr interessante Ausstellung im Museum für Völkerkunde in Paris. Sie heißt Groenland Ammassalik: contact und zeigt, wie die Inuit sich selbst sehen und wie wir sie wahrnehmen. Die Organisatoren präsentieren auch Technologien, mit deren Hilfe die Inuit ihre Identität und ihre Traditionen in Teilen zurückgewinnen und an die nachfolgenden Generationen weitergeben können. Der Einzug der Moderne ist also nicht nur zerstörerisch. Doch reicht das Positive aus, um die radikale Zerstörung der Inuit-Gesellschaft durch den Alkohol aufzufangen? Ich weiß es nicht. Außerdem ist die Abhängigkeit von Wohlfahrt Ursache vieler psychischer und anderer Probleme.
Sie haben kürzlich in einem Interview erzählt, dass Sie ihren Vater Paul-Émile Victor insgesamt nur zweimal auf seinen Reisen ins ewige Eis begleitet haben, einmal in die Arktis und einmal in die Antarktis. Und dennoch sagen Sie, dass Sie das Gefühl haben, mit den Inuit aufgewachsen zu sein. Können Sie uns das erklären?
Als ich 20 Jahre alt war, habe ich sechs Monate lang in der Antarktis gejobbt. Das war eine tolle Erfahrung. Später sind wird dann nach Grönland gereist. Auch das war fantastisch. Ich war nicht oft in Grönland, weil ich mich aufgrund meines Studiums mehr nach Asien hin orientierte und nicht so sehr in Richtung Nord- oder Südpol. Außerdem wollte ich nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten. Wir haben zwar zusammen ein Buch über die Antarktis geschrieben - Planète Antarctique, erschienen 1992– dennoch kam mir nie der Gedanke, mit meinem Vater auf seinem Fachgebiet konkurrieren zu wollen. Als meine Geschwister und ich noch klein waren, sprachen wir zu Hause ständig von den Inuit. Damals hat man sie noch Eskimos genannt. Wenn mein Vater von seinen Reisen zurückkam, brachte er Fotos und Zeichnungen mit. Nach und nach wurden wir mit den Inuit vertraut. Sie waren Teil unseres Lebens und uns dennoch fremd. Wir haben dadurch auch gelernt, dass Anderssein eine Bereicherung und keine Bedrohung ist. Das meine ich, wenn ich sage, wir seien mit den Inuit aufgewachsen. Vor zwei Jahren war ich in Grönland, um eine Ausstellung über meinen Vater und seine Arbeit zu eröffnen. Mein Vater hatte ein oder zwei Jahre lang mit einer Inuit-Frau namens Dumidia zusammen gelebt. Während meines Aufenthalts habe ich Dumidias Kinder kennen gelernt. Mein Vater und Dumidia hatten keine gemeinsamen Kinder. Dumidias Kinder stammen aus ihrer Ehe mit einem Inuit und sind heute um die vierzig Jahre alt. Das Treffen mit ihnen ging mir sehr nahe. Dumidia hatte ihnen viel von meinem Vater erzählt. Er spielte in ihrem Leben eine so große Rolle, dass sie ihre jüngste Tochter ihm zu Ehren Viktoria nannte!
Wie stehen Sie zur Polarforschung? Haben Sie persönlich Polarforscher kennen gelernt? Lesen Sie deren Expeditionsberichte? Interessieren Sie sich für Abenteurer dieser Art?
Ob ich Polarforscher kenne? Selbstverständlich! Mein Vater war ja einer. Er hat uns sehr viel von seinen Reisen erzählt. Er hat ständig darüber gesprochen. Obwohl ich damals noch sehr jung war, kann ich mich auch an eine Begegnung mit Edmund Hillary erinnern. Hillary bezwang als Erster den Mount Everest. Er suchte das Abenteuer nicht an den Polen, sondern auf den höchsten Gipfeln der Erde. Ich erinnere mich auch an Eigil Knuth, einen Dänen, den ich sehr mochte. Er und mein Vater haben gemeinsam Grönland mit dem Hundeschlitten durchquert. Außerdem kann ich mich an den Ethnologen Robert Gessain erinnern. Er hat ebenfalls mit meinem Vater zusammen gearbeitet. Und an einige Piloten der US-Army, die sich auf Flüge in die Polarregionen spezialisiert hatten. Mein Vater hat viel mit Amerikanern zusammen gearbeitet. Doch das meiste, was ich über Polarforschung weiß, hat mir mein Vater erzählt.
Natürlich habe ich auch die Expeditionsberichte großer Forscher gelesen. Ich bewundere Menschen wie Ella Maillart, David Nil, John Franklin, John Ross, Robert Scott, Roald Amundsen, William Edward Parry und Heinrich der Seefahrer sehr. Einfach unglaublich, auf welche Entdeckungsreisen Portugals König die Seefahrer Bartolomäus Diaz und Vasco da Gama geschickt hat! Diese Entdecker imponieren mir mehr als alle Fernsehmoderatoren zusammen!
Und um Ihre letzte Frage zu beantworten: Ja, ich interessiere mich für die moderne Polarforschung. Ich will wissen, was weiter mit den Inuit geschieht. Ich glaube, es ist heute vieles anders. Die geographische Erforschung der Erde ist abgeschlossen. Mein Vater gehörte einer Forschergeneration an, die die letzten geographischen Geheimnisse gelüftet hat und sich dann ausschließlich wissenschaftlichen Forschungsarbeiten zuwandte. Es gibt geographisch nichts mehr zu entdecken. Doch Abenteurern wie dem Südafrikaner Mike Horn zolle ich großen Respekt.






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