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ARTE erinnert an das dunkle Kapitel der Sklaverei und stellt Persönlichkeiten ins Licht, die mit Mut und Engagement für Freiheit und Gleichheit eintraten. Was ist geblieben von Kings Traum eines Amerikas ohne Rassenbarrieren? Wie leben Schwarze und Weiße heute in den USA zusammen?

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ARTE erinnert an das dunkle Kapitel der Sklaverei und stellt Persönlichkeiten ins Licht, die mit Mut und Engagement für Freiheit und Gleichheit eintraten. Was (...)

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09/06/08

Ein außergewöhnlicher Archivfund

Interview mit der Historikerin Oudin-Bastide

Caroline Oudin-Bastide, wie sind Sie auf diese Geschichte gestoßen?
Durch Zufall! Ich forschte im Übersee-Archiv in Aix-en-Provence über die Arbeit in der Sklavenhaltergesellschaft auf den französischen Antillen, und dabei stieß ich auf den Brief des Friedensrichters Belletête an den königlichen Staatsanwalt. Ich fand diesen Brief wahnsinnig interessant! Und je mehr ich mich mit diesem Fall beschäftigte, umso deutlicher sah ich die ganze
© The Menil Collection, Houston
Geschichte vor mir. Ich habe dann die Literaturangaben dazu in meinem Rechner gespeichert und die ganze Sache irgendwo in meinem Kopf abgelegt und mir gesagt, dass ich eines Tages sicher etwas damit anfangen werde, ohne jedoch eine genaue Vorstellung davon zu haben. Als Sie mich fragten, ob ich eine Idee für eine Dokumentation über die Sklaverei hätte, ist mir der Fall Spoutourne sofort wieder eingefallen.

Stellt diese Geschichte in der damaligen Kolonialgesellschaft eine Ausnahme dar?
Nein, keineswegs! Sie ist durchaus beispielhaft, denn sie macht verschiedene Aspekte der Sklavenhaltergesellschaft deutlich: die im System angelegte Gewalt, die Straffreiheit der Herren, die konservative Haltung der Kolonisten, aber auch die Rolle der Sklaven als treibende Kraft in der Geschichte. Das einzig Außergewöhnliche an dieser Geschichte ist, dass drei junge Richter, die nach der Reform der Kolonialjustiz von 1828 aus Frankreich gekommen waren, sich bemühten, sie ans Licht zu bringen, und dass die Sklaven eine gewisse Unterstützung seitens des Gouverneurs erfuhren, der es leid war, sich von den Kolonisten beschimpfen zu lassen.

Diese Sklaven sind immerhin zu einem Richter gegangen. War das damals üblich?
Das war es zu dieser Zeit keineswegs. Bis 1848 (Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien – A.d.Ü.) geschah das aber immer häufiger, doch handelte es sich meistens um Initiativen Einzelner und nicht um kollektive Beschwerden wie im Fall der Sklaven der Spoutourne-Plantage. Die Tatsache, dass dies im Februar 1831 geschah, also kurz vor dem Aufstand in Saint-Pierre, zeigt im Übrigen, dass sich die Sklaven auf verschiedene Weise zu wehren verstanden.

Ihr Buch und dieser Film handeln von demselben Thema. Was hat Ihnen diese Erfahrung gebracht?
© Grand Angle Productions
Die Vorarbeiten zum Film haben mich dazu veranlasst, meine Forschung auszuweiten. Dieser Fall hat sich als so vielschichtig erwiesen, dass ich es lohnend fand, ein Buch darüber zu machen. Die Arbeit am Film hat mir sehr viel gebracht. Wenn man mit einem Regisseur zusammenarbeitet, muss man diesen anderen Blick auf die Dinge akzeptieren und sich auf die Herangehensweise des Künstlers einlassen. Der Film vereinfacht die Geschichte, er setzt auf die Gefühle der Zuschauer, aber die historische Wahrheit bleibt dadurch unangetastet. Im Buch versuche ich dagegen, das Geschehen und die Zusammenhänge so detailliert wie möglich darzustellen. Zugleich hat der Film auch das Buch bereichert. Philippe Labrune hat mich durch seine Fragen veranlasst, gewisse Aspekte der Geschichte auszuarbeiten, die ich sonst vielleicht im Dunkeln gelassen hätte.

Zum Beispiel?
Philippe wollte wissen, was aus den Akteuren dieser Affaire geworden ist, was aus dem Friedensrichter Belletête, dem Gouverneur und natürlich den geflohenen Sklaven geworden ist. Was ich darüber herausbekommen konnte, diente Philippe als Schlusspunkt seines Films. Ich bin in meinem Buch ganz ähnlich verfahren, indem ich mich im Epilog an das Schicksal der nach Sainte-Lucie entkommenen Sklaven herantaste und in einem Postskriptum den weiteren Werdegang einiger Schlüsselfiguren darstelle. Auf diese Weise hat die Filmerzählung den historischen Bericht beeinflusst.

Philippe Labrune hat einen Zeitgenossen in die Erzählung eingeführt. Stört sich eine Historikerin nicht daran?
© Grand Angle Productions
Nein. Es ist ja keine x-beliebige Entscheidung. „Von Ketten befreit“ ist ein Geschichtsfilm, und es geht darin auch um Erinnerung und Gedenken - im Film durch den Erzähler verkörpert. Diese Auseinandersetzung ist für die Bewohner der Antillen, Guyanas, von La Réunion usw. natürlich sehr nützlich, aber darüber hinaus ist sie für die aufgrund ihrer Kolonialgeschichte pluralistische französische Gesellschaft eine Notwendigkeit. Dabei geht es aber keinesfalls um Rache, sondern darum, durch die wahrheitsgetreue Darstellung historischer Ereignisse gegen das anzukämpfen, was der aus Martinique stammende Schriftsteller Patrick Chamoiseau das „dunkle Gedächtnis der Sklaverei“ genannt hat, das Rassismus und Diskriminierung weiter trägt und schürt.

Das Interview führte Pascale Cornuel, ARTE

Von Ketten befreit. Ein ungewöhnlicher Film
Interview mit dem Regisseur Philippe Labrune mit Videos aus dem Film


Erstellt: 27-05-08
Letzte Änderung: 09-06-08