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02/07/04

"Ein großes Beispiel an Menschlichkeit"

Interview mit Ebbo Demant, Autor der Dokumentation "Pablo Neruda"


Pablo Neruda wäre am 12. Juli 2004 hundert Jahre alt geworden. Wenn Sie nicht allein deshalb einen dokumentarischen Film über Pablo Neruda machen wollten, warum dann?

Erstens, weil Neruda neben Gottfried Benn und Allen Ginsberg der wichtigste Lyriker meiner „wilden“ Freiburger Jugendjahre Anfang der Sechziger war und diese Lese-Orientierung nie aufgehört hat. Und zweitens, und vor allem, weil sich mit der Biografie Nerudas die politische und kulturelle Entwicklung eines Jahrhunderts exemplarisch nacherzählen lässt – dazu einmal aus nichteuropäischer Perspektive.

Als Zuschauer Ihres Dokumentarfilms hat man das Gefühl, von einem sich umschlingenden Wort- und Bilderstrom weggerissen zu werden. Man treibt - ohne zu ertrinken - auf einer warmen Woge dahin. Die Bilder und Texte stehen also in einem besonderen Verhältnis zu einander...

Das war natürlich die größte Herausforderung: die filmische Umsetzung der Texte. Ein gewiss schmaler Grat, auf dem wir uns zu bewegen hatten. Die Bilder mussten den Texten entsprechen, ihnen zugehörig sein, ihre Wirkung spiegeln, konkrete Bezüge offen legen, sich einordnen. Keinesfalls durften sie die Worte „totschlagen“. Zudem sollten sie nicht rein illustrativ sein, sondern sich neben den Texten behaupten. Auch eine übertriebene subjektive künstlerische Überhöhung oder Deutung wäre absolut fehl am Platze gewesen. Da kann man sich bei Nerudas Texten nur lächerlich machen. Weil ein großer Teil, der größte Teil der im Film verwendeten Texte, inklusive der lyrischen, auch geografische Bezüge haben, hielten wir uns an Nerudas Orte. Es hat sie überall noch gegeben. So galt es vor allem, sie unverkünstelt umzusetzen.

Wie muss man sich die Recherche zu diesem Film vorstellen? Am Anfang stand das Wort Nerudas?

N atürlich habe ich alles von Neruda, was in deutscher Übersetzung vorliegt, noch einmal gründlich nachgelesen. Das war die Basis. Dazu dann die wichtigen Texte über Neruda, besonders die Biografien von seinen Freunden und Weggefährten Volodia Teitelboim und Jorge Edwards. Schließlich galt es herauszufinden und zu sammeln: Filme, Fotos, Interviews, unveröffentlichte Texte. So fanden wir beispielsweise in ARD-Archiven wahre Schätze. Neruda-Interviews vom Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, in denen er viel von sich und seinem Lebensweg erzählt. Neben seinen Erinnerungen „Ich bekenne, ich habe gelebt“, „Um geboren zu werden“ und natürlich der Lyrik mit biografischen Bezügen, bilden diese Interviews einen wesentlichen Teil des dem Film zugrunde liegenden Textes. Und dann diejenigen zu suchen und zu finden, die Neruda noch gekannt hatten, die relevante Beziehungen zu ihm hatten, die für die Darstellung seines Lebens von Bedeutung waren, Freundinnen und Freunde, Wegbegleiter, Zeitzeugen. Die waren natürlich fast alle schon sehr alt und bei manchen war die Erinnerung bereits etwas verblasst, aber es gab dann doch noch einige - nicht alle von ihnen sind im Film zu sehen, die viel über den Freund und Dichter zu erzählen hatten.


Neruda, der über ein großes Charisma verfügte, erscheint in Ihrem Film auch als ein einsamer, depressionsanfälliger Mann, der sehr von Frauen abhängig war. Sie wollten also nicht nur einen Mythos weitertragen - oder?

Will man einer Person, die man beschreibt, gerecht werden, so darf man nicht in Respekt vor dem Mythos verharren. Auch Neruda war nur ein Mensch, mit vielen Schwächen. Keiner hat das besser gewusst, als er selbst. Es gibt da ein sehr humorvolles selbstkritisches Gedicht von ihm: „Autorretrato“. Und die Frauen – bei manchen Damen, die wir befragten, mittlerweile weit jenseits der 60, leuchteten heute noch die Augen in schönster Erinnerung.

Halten Sie es für möglich, dass ein Schriftsteller heute noch eine solche literarische und politische Bedeutung in internationalen Zusammenhängen erlangen kann?

Nein. Wer liest heute noch Gedichte??? Wir leben in einer Zeit der Verdummung und Kulturzerstörung.

Abseits seiner historischen Bedeutung: Was kann uns die Person Pablo Neruda für die Gegenwart sagen?

Dazu vielleicht zwei Beispiele. Neruda, der Dichter und damalige Diplomat war es, der hunderten von spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen die Flucht ins chilenische Exil ermöglicht hat, dabei wahrscheinlich vielen das Leben rettete. Es war seine Idee, er hat sie gegen viele politische Widerstände in Chile durchgesetzt, er saß bei der Einschiffung im französischen Trompeloup tagelang am Kai an einem kleinen Holztisch und führte Familien zusammen. Der Dichter Neruda hat ein großes Beispiel an Menschlichkeit gegeben. Zum anderen: Neruda hat ohne Zweifel den Diktator und Mörder Stalin besungen. Geblendet, fehlinformiert, unkritisch, distanzlos. Das hat ihn selbst in dieser Sache später sprachlos gemacht. Auch dieses Beispiel hat seine Wirkung durchaus bis in die Gegenwart.


Das Interview führten Oliver Kopitzke und Gabi Schlattmann.


>>> Klicken Sie hier für mehr Informationen zum Dokumentarfilm „Pablo Neruda".

Bild: Nerudas Biograph Volodia Teitelboim


Erstellt: 02-07-04
Letzte Änderung: 02-07-04