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Cannes 2007 - Cannes zum 60. Geburtstag: - 11/09/08

Eine Bilanz der Festivalpreise



Ein Vitalitätsbeweis für das Kino und das Festival!

Besser hätte es kaum laufen können: Zum 60. Jubiläum ist das Filmfestival Cannes mit einem seiner überzeugendsten Wettbewerbsprogramme angetreten, Filmwirtschaft und Filmstars waren stark und zahlreich vertreten, aber dennoch stand das reibungslose und entspannt verlaufende Festival ganz eindeutig im Zeichen der Filmkunst – und schließlich traf eine kompetent besetzte Jury auch noch völlig überzeugende Entscheidungen.

Es gab zwar keinen eindeutigen Favoriten in diesem außerordentlich gut besetzten Wettbewerb, aber die Goldene Palme für den rumänischen Beitrag „4 luni, 3 saptamini si 2 zile“ („Vier Monate, 3 Wochen und zwei Tage“) von Christian Mungiu dürfte von niemandem in Frage gestellt werden. Das gilt auch für den Regiepreis an Kritikerliebling Julian Schnabel und seine stilsichere, auch filmästhetisch anspruchsvolle Bestsellerverfilmung „Le scaphandre et le papillon“ („Die Taucherglocke und der Schmetterling“), und natürlich für den Drehbuchpreis an Publikumsliebling Fatih Akin und seine großartig erzählte Filmgeschichte „Auf der anderen Seite“. Schon nach der Premiere war Akins Film besonders für den eigenen Erzählrhythmus und die gelungene Verknüpfung der verschiedenen, parallel verlaufenden Handlungsfäden gelobt worden. Der geborene Erzähler Akin bedient sich hier virtuos der zunehmend beliebten („Iñarritu-Syndrom“) Parallelmontage mehrerer Einzelgeschichten und Figuren, ohne sich darin zu verlieren. Dafür erhielt er abseits des Wettbewerbs übrigens auch gleich noch den Preis der Ökumenischen Jury.
Vielleicht nicht ganz so unumstritten ist der neben der Palme zweitwichtigste „Große Preis der Jury“ für „Mogari No Mori“ („The Mourning Forest“) der japanischen Regisseurin Naomi Kawase. Der wunderbar gefilmte, aber mit einer etwas aufdringlichen Naturmetaphorik und buddhistischen Weisheiten überladene Film, verschenkt einen Teil seiner Intensität an Redundanzen und didaktische Fingerzeige.

Alle angestrengten journalistischen Versuche, das Festival irgendwie auf einen Nenner zu bringen, oder ihm ein Oberthema zu geben („Starke Frauen“, „Kino der Enkel“ etc.) laufen übrigens angesichts der breiten und tiefen Vielfalt des Weltkinos, das in 12 Tagen gezeigt wurde, völlig ins Leere, und sie werden auch überhaupt nicht gebraucht. Denn unabhängig davon, ob sie den hohen Erwartungen immer wieder gerecht werden können, begegnet man hier den großen Meistern von Alexander Sokurov über Kim Ki-duk und Gus Van Sant, bis zu Quentin Tarantino und den Coen-Brüdern (die wahrscheinlich nur leer ausgingen, weil sie schon so viel gewonnen haben), und kann gleichzeitig einen so wunderbaren Film entdecken wie „Secret Sunshine“ des bei uns noch weitgehend unbekannten Südkoreaners Lee Chang-dong. Er verpackt seine Kritik an übertriebener Selbstdisziplin und der hinter freundlichen Fassaden versteckten Ignoranz der südkoreanischen Leistungsgesellschaft in die ergreifende Geschichte einer jungen Frau, deren Kind entführt und ermordet wird. Die aufmerksame Jury gab der unglaublich intensiven Do-Yeon Jeon dafür erfreulicherweise den Preis für die beste weibliche Hauptrolle.

Eine kluge Entscheidung der Festivalleitung war es auch, als Eröffnungsfilm diesmal nicht den üblichen Blockbuster zu wählen – das All-Star-Sequel „Ocean’s Thirteen“ hatte seinen Auftritt in der Festivalmitte – sondern mit Wong Kar Wai und „My Blueberry Nights“ den Akzent gleich zu Beginn eindeutig auf die Filmkunst zu legen. Schade nur, dass Denys Arcand mit seinem das Festival abschließenden Film „L’âge des ténèbres“ („Das Zeitalter der Dunkelheit“), nicht mehr die Qualität seiner früheren Arbeiten erreicht.

Abgesehen von Roman Polanskis erfrischendem kleinen Wutausbruch auf der Pressekonferenz des sehr gelungenen und vergnüglichen Geburtstagsfilms „Chacun Son Cinéma“, als ihn die meist eher schlichten Fragen („Gefällt Ihnen Cannes?“, „Lieben Sie das Kino?“) verständlicherweise nervten, gab es nicht einmal einen Skandal in diesem Jahr zu vermelden. Dabei war die angebliche Großfürstin dunkler, erotischer Obsessionen, Asia Argento, gleich in drei Filmen vertreten, aber selbst ihre hingebungsvollen Rottweiler-Zungenküsse in Abel Ferraras enttäuschendem „Go Go Tales“ waren viel zu bieder für eine Provokation oder gar eine Debatte. Womöglich das einzige, was es in diesem Jahr zu kritisieren gab.

Thomas Neuhauser


Sechzig Lenze und das Leben geht weiter

Der sechzigste Geburtstag des Festivals von Cannes wurde begleitet von der schönsten Filmauswahl, die man sich für einen internationalen Filmwettbewerb vorstellen kann. So waren während der gesamten Zeit deutlich weniger Äußerungen über die potentiellen Gewinner zu hören als normalerweise, erschwerte die tagtäglich auf den Leinwänden unter Beweis gestellte filmische Qualität doch jedes frühe Urteil. Gestern Abend war denn auch zu vernehmen, dass die Jury aus hochkarätigen Künstlerpersönlichkeiten unter dem Vorsitz von Stephen Frears sich bei der Preisvergabe äußerst schwer getan habe. Aber Wagemut gekoppelt mit dem richtigen Blick führte zur Entscheidung, und die Auszeichnung Cristian Mungius mit der Goldenen Palme für seinen Film „4 luni, 3 saptami si 2 zile“ („4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) erscheint wie eine perfekte Schlussfolgerung des ganzen Festivals. Sie steht auch für die Anerkennung des neu entdeckten rumänischen Films, eines kraftvollen, vielschichtigen Autorenkinos (von Regisseuren wie Cristi Puiu und Corneliu Porumboiu). Der Film von Cristian Mungiu ist eine unerbittliche, kompromisslose Studie über die rumänische Gesellschaft in der Post-Ceauşescu-Ära. Er erzählt von Otilias und Gabitas erschütternden Erfahrungen vor dem Hintergrund einer heimlichen Abtreibung, was den Zuschauern gleich zu Beginn des Wettbewerbs stark zu schaffen machte. „4 luni, 3 saptami si 2 zile“ ist nicht nur meisterlich gemacht (Drehbuch, Regie und schauspielerische Leistungen sind hervorragend), sondern musste auch mit einem äußerst knappen Budget (600.000 €) auskommen, weshalb er umso mehr die Auszeichnung in Gold verdient, denn er beweist, wie es Cristian Mungiu auf der Bühne sagte, dass es möglich ist, einfache und starke Geschichten auch ohne große Stars umzusetzen.

Die Vergabe des Großen Preises an „Mogari no mori“ der japanischen Regisseurin Naomie Kawase, des Spezialpreises zum 60. Festivaljubiläum an „Paranoid Park“ von Gus Van Sant und des Preises der Jury an „Stellet Licht“ von Carlos Reygadas (gleich auf mit „Persepolis“ von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud) zeugt vom Bestreben der Jury, vor allem fragile, neuartige Filme auszuzeichnen, die sich am Rande des Experimentellen bewegen und von vollendetem Formalismus sind. Wie es Naomi Kawase bei der Preisübergabe sehr bewegend deutlich machte, ist diesen Filmen die Suche nach einer Wahrheit gemeinsam, „die man nicht sehen kann, die nicht greifbar und im Bereich des Unsichtbaren angesiedelt ist“.

Der Preis für die beste Hauptdarstellerin ging an die Koreanerin Jeon Do-yeon, deren Präsenz und Ausstrahlung in Lee Chang-dongs feinsinnigem und zugleich brutalem Drama „Secret Sunshine“ weit über die Leistungen ihrer Konkurrentinnen hinausging. Konstantin Lavronenko wurde als bester männlicher Darsteller für seine düstere Rolle in „Izgnanie“ des Russen Andrej Zviagintsev ausgezeichnet – sicherlich zum Nachteil von Javier Bardem in „No country for old men“ der Brüder Coen oder von Jake Gyllenhaal in „Zodiac“ von David Fincher, was bestätigt, dass sich die Jury durch die Vergabe irgendwelcher Preise an die großen amerikanischen Publikumsfilme reingewaschen hat.

Der Preis für das beste Drehbuch ging schließlich an Fatih Akin aus Deutschland für seinen Film "Auf der anderen Seite“ und verleiht dessen internationalem Standing sicher ein gerechtfertiges Fundament. Die einzig wirklich umstrittene Entscheidung betrifft die Auszeichnung von Julian Schnabel als bester Regisseur für „Le scaphandre et le papillon“, einen Film, der während der ganzen vierzehn Festivaltage kontroverse Debatten ausgelöst hatte, während andere, verdienstvollere Werke natürlich ungewürdigt blieben.

Dennoch ist abschließend festzustellen, dass das Festival von Cannes seinen Geburtstag auf allen Ebenen in einem äußerst konzentrierten Rahmen und im Geiste dessen begangen hat, was es lebendig macht, nämlich einer unumstößlichen Liebe zum Kino.

Olivier Bombarda

Die Preisträger der 60. Filmfestspiele im Überblick

Erstellt: 28-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08