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1968

1968 - ARTE geht auf die Barrikaden! Themen-Schwerpunkt

1968

Dienstag, 15. April 2008 ab 21.00 Uhr - 24/07/08

Eine Kindheit ohne Zwang und Zeigefinger?

Themenabend


Der legendäre Protest der Jugend im Mai 1968 gegen etablierte Normen und Vorstellungen hat die Gesellschaft in Europa nachhaltig verändert. Der Themenabend wirft einen Blick zurück auf die Zeit vor 40 Jahren und fragt nach den Auswirkungen der großen Revolte von 68 auf die nachfolgende Generation.

© ARTE F / Claude Bourquelot
Die große Protestbewegung vom Mai 1968 wird völlig unterschiedlich wahrgenommen: Sie gilt als erschreckend und großartig zugleich. Großzügige Utopien stehen neben absurden Entgleisungen. Und verrückte Träume wurden inzwischen von der Wirklichkeit eingeholt.
Die 68er-"Revolution" war ein Ereignis mit vielen Facetten. Daran erinnert der Themenabend und regt zum Nachdenken über das Erbe dieser Zeit an. Wie hat die damalige Jugend den "Mai 68" erlebt, und was hat sie von ihren Vorstellungen an ihre Kinder weitergegeben?
Zwei ebenso bewegende wie amüsante und aussagekräftige Dokumentarfilme stoßen die Debatte über die große Revolte von 1968 zum 40. Jahrestag erneut an.
Mit diesem Themenabend eröffnet ARTE den Programmschwerpunkt "1968". Die einzelnen Sendungen im Überblick:


Vitruve - Die etwas andere Schule
Dokumentation, Frankreich 2008, Erstausstrahlung, 45 Min.
Regie: Stéphanie Kaïm

© ARTE F / Claude Bourquelot
In den 70er Jahren galt die Vitruve-Schule im 20. Pariser Arrondissement als ganz besondere Lehranstalt. Die Grundsätze, die die Pädagogik dieser Schule bestimmten, orientierten sich an den Idealen der 68er-Bewegung. Wichtig waren vor allem egalitäre und antiautoritäre Erziehung. 32 Jahre später, im Dezember 2007, treffen sich einige der ehemaligen Schüler mit ihren damaligen Lehrern. Sie tauschen Erinnerungen aus und diskutieren über die Auswirkungen der Vitruve-Erziehung und der 68er-Bewegung auf ihre Lebenswege.

Zouzou, Cyrille, Juliette, Rafaelle, Abraham, Barbara, Mathieu und Murielle - allesamt Kinder von 68ern - haben in ihrer Kindheit eine besondere Schule besucht: die Vitruve-Schule im 20. Pariser Arrondissement. In dieser Schule sollte in den 70er Jahren eine "revolutionäre", auf den Idealen vom "1968" basierende Pädagogik zur Anwendung kommen. Wesentliche Grundsätze waren eine egalitäre und antiautoritäre Erziehung, Feminismus, sowie die Förderung von Kollektiv und politischem Engagement.

Entstanden war die Initiative als Reaktion auf ein rigides Frankreich mit archaischen Sitten. Das traditionelle Schulwesen war überkommenen, strengen Regeln unterworfen. Die Lehrer-Schüler-Beziehungen gestalteten sich nach überholten Mustern, die in eklatantem Gegensatz zur wirtschaftlichen Entwicklung Frankreichs in den boomenden Nachkriegsjahrzehnten standen. Das Konzept der Vitruve-Schule, das die Fesseln der Erziehung in einer erstarrten Gesellschaft sprengen wollte, begeisterte viele Eltern. Der Ansatz bestand darin, die Kinder schon von klein auf anders zu erziehen, damit sie als Erwachsene die Gesellschaft verändern könnten.

Was ist nach 32 Jahren aus den Kindern geworden? Haben sie dieses Erbe in ihrem Leben umgesetzt oder es verworfen? Die meisten von ihnen sind unkonventionelle Lebenswege gegangen. Sie fühlen sich am Rande der Gesellschaft zuhause und pflegen diesen Unterschied. Ihnen bedeutet die persönliche Freiheit viel, und sie kommen mit Autorität und Hierarchien schlecht zurecht. Dieses große Bedürfnis nach Freiheit ist mitunter nur schwer mit den Anforderungen des Lebens vereinbar.

Ist es eine Chance oder eine Last, mit solchen utopischen Werten aufzuwachsen? Inwiefern hat sich das Erbe vom "1968" auf die persönlichen Lebenswege dieser Menschen ausgewirkt? Wie findet man als Erwachsener seinen Platz in einer Gesellschaft, die von Eltern und Lehrern beständig als schlecht und veränderungsbedürftig bezeichnet wurde? Und wie ist es, sich permanent als Außenseiter zu fühlen? Dieses Paradox verdeutlicht und hinterfragt die Dokumentation.


Nackt und frei in Amsterdam
Dokumentation, Frankreich 2008, Erstausstrahlung, 45 Min.
Regie: Yvonne Debeaumarché

© ARTE F
Im Jahr 1970, zwei Jahre nach der großen 68er-Revolte, fand in Amsterdam das legendäre "Wet Dream Film Festival" statt, das erste Underground-Festival des erotischen Films. Doch nicht nur auf der Leinwand brachen die Dämme und wurde gegen sexuelle Tabus verstoßen. Rund um das Festival fand man sich zu spektakulären Orgien zusammen. Die Dokumentation hat mit einigen der Teilnehmer von damals gesprochen.

Zwei Jahre nach dem großen Schock von 1968 fand in Amsterdam - damals die Stadt aller Tabuüberschreitungen und europäisches Epizentrum der sexuellen Revolution - ein skandalträchtiges Festival statt. Als erstes Underground-Festival des erotischen Films war das "Wet Dream Film Festival" eines der symbolträchtigsten Ereignisse dieser Jahre, in denen Sex als die Speerspitze aller gesellschaftlichen Utopien galt. "Vorher herrschte sexueller Notstand. Zu dem Festival gingen wir aus Provokation, um das Bürgertum und die Katholiken auf die Palme zu bringen", erinnert sich Siné, Illustrator beim französischen Satireblatt "Charlie Hebdo".

In dem Alternativtheater, in dem die für den "Goldenen Phallus" nominierten Filme gezeigt wurden, galt das Motto "Alles ist erlaubt". Mit den bunten Hemden fielen dort auch die bislang in Liebesbeziehungen geltenden moralischen Schranken. Triebe und Wünsche konnten und sollten sich in kreativen Sexspielen frei entfalten.

© ARTE F
Zum Abschluss des Festivals charterten die Veranstalter im Amsterdamer Hafen ein Schiff. So gingen nach einer Woche Filmfest 350 Teilnehmer auf eine nächtliche Nordsee-Kreuzfahrt, auf deren Programm Musik, Drogen und Sexorgien standen. Nackt und frei fühlten sich die Passagiere dieser "Arche Noah der 70er Jahre" wie im Garten Eden. In einem Text über die Kreuzfahrt schrieb der Schriftsteller Georges Marbeck: "Wir wollten ohne Eifersucht die Vielfalt unserer Wünsche leben, aus unserem Leben sollte nicht das langsame Dahinsiechen werden, das uns eine von Atombombe, Kunststoff und Coca-Cola geprägte Kultur als Lebensmodell vorgab".

Die Dokumentation befragt Teilnehmer dieses einzigartigen Festivals und der abschließenden Orgie: den Zeichner Siné, den "Marianne"-Journalisten Guy Sitbon, die Schriftsteller Georges Marbeck und Catherine Robbe-Grillet sowie den Amerikaner Jim Haynes als Veranstalter des Festivals und Leitfigur der europäischen Gegenkultur der 70er Jahre. Welche Erinnerungen haben sie an das Ereignis? Was dachten und fühlten sie damals? Warum haben sie am "Wet Dreams Festival" teilgenommen? Welche Utopien hatten sie, und was ist ihnen davon geblieben? Anhand ihrer zum Teil noch immer verklärten Erinnerungen fängt die Dokumentation die Atmosphäre jener Zeit ein und verdeutlicht Sinn und Tragweite der erotischen und politischen Träume von damals.


Gesprächsrunde
Diskussion, Frankreich 2008, ARTE F, Erstausstrahlung, 27 Min.
Moderation: Daniel Leconte
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Eine Kindheit ohne Zwang und Zeigefinger?
(120mn)
ARTE F
Wiederholungen : 19.04.2008 um 00:20

Erstellt: 28-03-08
Letzte Änderung: 24-07-08