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Pressekonferenz mit Daniel Barenboim - 18/08/05

Eine Mauer zwischen Musik und Politik?

Hat dieses Musikprojekt keine politische Dimension?

Eine Stimme aus dem Publikum: Ich würde gern auf das Datum des Konzertes zurückkommen. Haben Sie das Datum festgelegt? Wussten Sie, dass es mitten im Zeitraum des Abzuges aus den Kolonien liegt? Stand der 21. August schon lange fest?

Daniel Barenboim: Den 21. August haben wir vor der Terminbekanntgabe des Abzuges festgelegt, es geschah völlig unabhängig davon. Glauben Sie mir, es steht Ihnen frei, mir zu glauben oder nicht, aber glauben Sie mir, in dieser Sache spielt nicht das geringste politische Kalkül eine Rolle.

Eine Stimme aus dem Publikum: Verzeihen Sie, Herr Barenboim, aber ich kann Ihnen nicht glauben. Denn in dem Film sagen Sie, Sie wollen nichts als Musik machen, aber gleichzeitig gibt es mehrere Anspielungen auf politische Probleme, wie das der Mauer.
Die Umstände werden nicht beschrieben, so dass die Sache nur von einer Seite beleuchtet wird. Es wird gesagt, dass eine Mauer errichtet wurde, es wird aber nicht gesagt, warum diese Mauer errichtet wurde. Ich finde, dass es dabei nicht ausschließlich um Musik geht, dahinter steckt auch Politik.

Daniel Barenboim: Nein. Ich werde Ihnen sagen, warum nicht. Die Anspielungen auf die Mauer werden von den jungen Leuten im Film gemacht, die reden...

Eine Stimme aus dem Publikum: Ja, palästinensischen jungen Leuten! Da sind nur Palästinenser…

Daniel Barenboim: Es tut mir Leid, aber Sie haben nicht richtig hingesehen. Wie viele Palästinenser kommen Ihrer Meinung nach in dem Film vor? Denn, wissen Sie, nicht alle Araber sind Palästinenser!
Die Anspielung auf die Mauer, von der Sie sprechen, hat ein junger Mann aus Syrien gemacht. Er ist überhaupt kein Palästinenser. Eine junge Palästinenserin spricht auch darüber. Ich möchte ihnen nicht vorschreiben, wie sie zu denken haben und ich will sie auch nicht daran hindern zu denken, was sie wollen.

Eine Stimme aus dem Publikum: Nein. Ich spreche von der Szene, in der Sie mit Palästinensern in einer Gegend stehen und Ihnen erklärt wird, wie die Mauer errichtet werden wird. Sagen Sie nicht, dass es dabei ausschließlich um Musik geht, Herr Barenboim!

Daniel Barenboim: Aber ich sage doch gar nicht, dass es dabei ausschließlich um Musik geht. Ich sage, dass wir abgesehen von der Musik und durch die Musik zwischenmenschliche Beziehungen entstehen lassen, vor allem zwischen Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilen, die Leidenschaft für Musik.

Eine Stimme aus dem Publikum: Sie hegen auch eine gewisse Verachtung gegenüber den Israelis, wenn Sie sagen, dass sich keiner der Israelis vorstellen könnte, dass ein Ägypter mitspiele...

Daniel Barenboim: Nicht nur… auch Edward Said, er ist Araber, er war Palästinenser…

Eine Stimme aus dem Publikum: Ja, aber in dem Film sagen Sie…

Daniel Barenboim: Aber er sagt es auch! Entschuldigen Sie, es tut mir Leid, aber weder in Frankreich, noch in den USA oder in Deutschland stellt man sich die Ägypter als leidenschaftliche Musiker vor, die sich Beethovens Sinfonien widmen. Das ist ein Teil der Kultur dieses Landes, den wir nicht kennen. Ein sehr wenig entwickelter übrigens, und die Einstellung der arabischen Regierungen, besonders der syrischen und der ägyptischen, wird in dem Film in einer kurzen Szene von Edward Said selbst sehr stark kritisiert!
Es wäre eine Geste der Verachtung, wenn ich sagen würde: Was weiß man in Frankreich schon über Bruckner! Ja, das wäre eine Geste der Verachtung und ich habe es übrigens heute in Paris gesagt… Die Ägypter sind kein Volk, das man mit klassischer Musik in Verbindung bringt.
Wissen Sie, das Projekt ist an sich paradox. Denn gäbe es keinen Konflikt, wäre das Projekt nicht notwendig. Ägypter würden nach Tel Aviv gehen, um dort an der Musikakademie zu studieren, Israelis würden vielleicht woanders hingehen und das Projekt wäre nicht notwendig…

Eine Stimme aus dem Publikum: Es gibt Schulen in Israel, es gibt zumindest eine Schule in Jaffa, da studieren Musiker aus…

Daniel Barenboim: Auch aus Syrien? Auch aus Jordanien? Und auch aus Ägypten? Nein, das was Sie sagen, stimmt nicht. Es gibt eine Schule in Jaffa, an der nicht nur Juden studieren, aber die Studenten sind alle israelische Staatsbürger. Juden, Palästinenser, Christen und Moslems. Aber darum geht es hier nicht. Wir sprechen hier über die ganze Region und über all die verschiedenen Länder.
Man darf nicht vergessen, dass dieser Konflikt aus zwei unterschiedlichen Teilen besteht, zwischen denen es vielleicht eine Verbindung gibt, die aber an sich voneinander unabhängig sind. Da ist einerseits der israelisch-palästinensische oder wenn Sie so wollen der jüdisch-palästinensische Konflikt und andererseits der Konflikt zwischen dem Staat Israel und all den anderen ihn umgebenden arabischen Staaten.
Dies sind zwei getrennte Konflikte, die offensichtlich miteinander zu tun haben. Aber man darf die Dinge nicht durcheinander bringen, man kann nicht sagen, dass Araber an der Schule von Jaffa studieren. Es sind israelische Staatsbürger. Und ich bin sehr froh, dass es sie gibt …
Sie haben den Pianisten Salim Abou Dechka gesehen, und es gibt noch andere, Palästinenser, Araber, israelische Staatsbürger, die die Möglichkeit haben zu spielen. Sie spielen im Israel Philharmonic Orchestra, sie arbeiten in Israel und das ist gut so.


Video (4/7) (5'38"; Real video)



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Erstellt: 10-08-05
Letzte Änderung: 18-08-05