Paris: Der Blick des Zuschauers gleitet von den Dächern auf die von Fußgängern und Autofahrern bevölkerte Straße. Aus dem Off erklingt eine gereizte, mit ernster Musik unterlegte Stimme: „Wenn man wenigstens jemandem böse sein könnte. Wenn man sich wenigstens irgendwie nützlich fühlen, irgendwo hingehen könnte. Aber was haben die einem gelassen? Eine verheißungsvolle Zukunft? Den gemeinsamen europäischen Markt? Es bleibt einem ja praktisch nichts anderes übrig, als sich hoffnungslos zu verlieben. Und das ist das Schlimmste überhaupt.“ Jetzt schwenkt die Kamera den Bürgersteig entlang bis zu Hippo (Hippolyte Girardot), und die Musik wird lebhafter. Der junge Mann geht fröhlichen Schrittes die Straße entlang und bleibt kaum stehen, als ein Barkeeper mit der Frage auf ihn zukommt: „Willst du ne Partie Poker spielen, und hat dein Bruder ‚was’ für mich?“ Dann betritt Hippo seine überbelegte Wohnung, geht beim Anruf einer Freundin nicht ans Telefon, schreitet nicht gegen seinen Bruder, einen erfolgreichen Drogendealer ein, verlässt die Wohnung und steigt in sein Auto, das er vor dem Haus abgestellt hat. Aber ein Wagen, auf dessen Beifahrersitz eine hübsche junge Frau sitzt, versperrt ihm den Weg. Da sie keinen Führerschein hat, hilft ihr Hippo aus der Klemme und fährt den Wagen weg. Während dieser kurzen Aktion ist es bereits um ihn geschehen: Schon bald hat er sich hoffnungslos in die intelligente und ernsthafte junge Frau namens Nathalie (Mireille Perrier) verliebt ...
Eine neue Generation von Filmemachern
Eric Rochant gehört dem „jungen französischen Autorenkino“ an, das Mitte der 80er-Jahre mit den beiden Newcomern Leos Carax und Olivier Assayas verbunden wurde, aber keine einheitliche Bewegung darstellte. Rochants mit einem César ausgezeichneter Kurzfilm „Présence féminine“ veranlasste den Produzenten Alain Rocca, den 28-jährigen Regisseur mit einem Langfilm zu betrauen, was insofern ein Abenteuer war, als keiner von beiden bis dahin einen abendfüllenden Spielfilm gedreht hatte. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: „Eine Welt ohne Mitleid“ (1989) wurde mehrfach ausgezeichnet (Preis Louis Delluc, Preis der Kritik in Venedig, César für den besten Debütfilm, César für den besten Nachwuchsdarsteller an Yvan Attal usw.), war aber vor allem ein Publikumserfolg. Beides ermöglichte Roccas Filmfirma Lazennec Productions, gleich anschließend mehreren eigenwilligen Filmemachern eine Chance zu geben (z.B. Christian Vincent, der ein Jahr später mit „Die Verschwiegene“ ebenso erfolgreich war) und anderen die Angst vor dem Risiko zu nehmen. So setzte sich Arnaud Desplechin, der zusammen mit Rochant das Drehbuch von „Eine Welt ohne Mitleid“ geschrieben hatte, beispielsweise kurz danach auch als Regisseur durch.
Solider Aufbau
Auf den ersten Blick kommt „Eine Welt ohne Mitleid“ recht leichtfüßig daher, erweist sich jedoch bei näherem Hinsehen als erstaunlich gut aufgebaut. So werden Elemente, die im ersten Teil wie hingetupft wirken – die Fahrt entlang der kurvenreichen Straße vor dem Wohnhaus, die Polizeikontrolle im Auto, das „Ausschalten“ des Eiffelturms mit einem Fingerschnalzen (eine legendär gewordene Szene), der Streit mit den Politessen über einen Strafzettel - im zweiten Teil wiederholt und bekommen dort ihren tieferen Sinn: Über die reine Symmetrie hinaus treiben sie die Handlung voran. In den Maße, wie Hippo aus seinem Panzer heraustritt und sich auf andere einzulassen beginnt, verliert er die Leichtigkeit, mit der er bis dahin durchs Leben ging.
Vor November 1989
Hippolyte Girardot, der seinem untypischen Helden das für die Rolle erforderliche Quentchen an Exzentrik und Unreife verlieh, prägte dem Film seinen Stempel auf. Darüber hinaus ist „Eine Welt ohne Mitleid“ die Art Momentaufnahme einer Übergangszeit: Einmal erfährt man beiläufig, dass die Berliner Mauer noch steht, ein anderes Mal wird man durch eine Radiomeldung mit der noch herrschenden Apartheid konfrontiert. Und man erinnert sich: am Ende desselben Jahres fiel die Mauer, ein Jahr später begann die Abschaffung der Rassendiskriminierung in Südafrika … Eric Rochants Film spiegelt die Atmosphäre der damaligen Zeit wider und wirft einen Blick auf die Gesellschaft, in dem sich Ironie und Scharfsinn mischen.
Jenny Ulrich






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