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ARTE Journal - 13. Januar 2010 - 13/01/10

Eine kurze Geschichte der Kreml-treuen Jugendorganisation „Naschi“

Der Präsident wird zur Ikone gekürt

Im Jahr 2000 findet Russland allmählich seinen Weg aus dem Chaos, das nach den Jahren der Perestroika und durch den Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden war.
Seit Dezember 1999 wird die russische Föderation von einem früheren KGB-Obersten geleitet: Wladimir Putin. Abgesehen von medial inszenierten Reisen in den Kaukasus hält sich der neue Präsident eher im Hintergrund. Zunächst wenig erfahren im Umgang mit der Öffentlichkeit, lernt Putin nach und nach, mit dem Volk zu kommunizieren.
Auf der internationalen Bühne weiß der Kremlchef zu beeindrucken. Es gelingt ihm, Russland wieder in die internationale Gemeinschaft einzugliedern. Die Russen danken es ihm, denn Putin gibt ihnen das Gefühl, ihren Stolz wieder zu erlangen. Der Patriotismus erlebt einen neuen Boom in Russland, während der Präsident gleichsam zur Ikone stilisiert wird.

Russlands Jugend erweckt den Personenkult zu neuem Leben

Währenddessen bemüht sich eine wachsende Zahl von Jugendlichen darum, die Aufmerksamkeit von Wladimir Putin zu erregen. Sie versammeln sich mehrmals pro Monat vor dem Kreml, tragen T-Shirts mit seinem Konterfei und dem Slogan „Iduschie vmieste“ - zu Deutsch "Gehen wir gemeinsam“. Gemeinsam mit Putin.
Doch zunächst ignoriert der Präsident seine jungen Anhänger... Er hat wichtigeres zu tun: 2003 steht er im Wahlkampf für eine weitere Amtszeit. 2004, organisieren die „Idushie vmieste" ihr Netz und dehnen es auch über Moskau hinaus aus – bis nach Sankt Petersburg.
Wer sich der Organisation anschließen will, muss sich wahren Verhören unterziehen. Alles wird genau geprüft, sogar, welche Bücher man liest. Die jungen Putin-Adepten gerieren sich als Hüter der Moral und machen die „Reinigung der russischen Literatur“ zu ihrer Aufgabe. Autoren wie Viktor Pelewin oder Wladimir Sorokin etwa sind ihnen zu dekadent. Diese beiden talentierten Schriftsteller prangern nämlich die Probleme der russischen Gesellschaft an: Gewalt, Sex, Drogenhandel oder die Orientierungslosigkeit der Bürger.
Die selbst ernannten Kremltreuen äußern gegen solche Autoren Drohungen. Sie organisieren sogar eine Bücherverbrennung, bei der sie Werke von Pelewin und Sorokin öffentlich verbrennen. Auch durch andere spektakuläre Aktionen machen sie auf sich aufmerksam.
Putin gewährt den Jugendlichen, die ihn verehren, schließlich den Ritterschlag.

Von der Jugendgruppe zu den Brigaden

2005 werden aus den «Iduchie Vmieste" dann "Naschi" ("Die Unseren“). Die Bewegung wird fortan wie eine Brigade organisiert. Sie betreibt zahlreiche Aktivitäten: Da sind die Sommercamps, wo man Kampfsport trainieren kann, aber auch politische Reden schreiben lernt. In Moskau organisiert man auch nächtliche Patrouillen, um den „guten russischen Bürger“ zu schützen, der weder trinkt, noch raucht, noch Drogen nimmt, und der, wie Wladmir Putin, Sport treibt.
Bei den Parlamentswahlen 2007 organisiert "Naschi" seine eigenen Umfragen, welche die Organisation dann großzügig dem Kreml präsentiert. Nach eigenen Angaben hat die Organisation heute 100.000 Mitglieder, eine Zahl, die niemand nachprüfen kann, zumal viele Jugendliche dafür bezahlt werden, an Veranstaltungen von "Naschi" teilzunehmen.
Dagegen gilt es als sicher, dass die Putin-Anhänger in Moskau und Sankt Petersburg an Einfluss gewonnen haben. Mittlerweile gehört es dort fast schon zum guten Ton, Mitglied der Organisation zu sein. Es ist zumindest nützlich, um ein Praktikum oder einen Job bei den russischen Behörden oder in den großen russischen Konzernen zu finden, in denen der Kreml massiven Einfluss hat.
Und Wladimir Putin besucht inzwischen jedes Jahr das Sommercamp von „Naschi“, um die jungen Patrioten zu unterstützen.

Claire Stephan
(Arte journal 13.01.10)




So beschreiben zeitgenössische russische Autoren ihr Land:


  • Wladimir Sorokin: « Der Tag des Opritschniks », Roman, Kiepenheuer & Witsch
    Russland im Jahr 2027. Russland wird vom der "Gossudar" regiert, dessen Macht unbegrenzt ist. Seine Leibgarde, die "Opritschniki", (durchaus am KGB orientiert) setzt diese Macht kompromisslos durch. Das Land hat sich vom Westen abgeschottet und mit einer "Großen Russischen Mauer" umgeben. "Der Tag des Opritschniks" ist eine schmerzhafte Satire, eine negative Utopie im Sinne von Huxley, Orwell und Burgess.

  • Viktor Pelewin: „Das heilige Buch der Werwölfe“, Roman, btb Verlag
    Die Prostituierte Ahuli wird von ihrer Kundschaft hoch geschätzt, denn sie weiß kenntnisreich zu parlieren. Doch die anschließenden wilden Liebesspiele lässt sie nur in der Fantasie ihrer Freier stattfinden, die Ahuli hypnotisiert hat. Sie bezieht ihre Energie aus den wüsten Träumen ihrer Kunden. Eines Tages aber trifft sie auf einen Mann, der sich nicht hypnotisieren lässt. Er ist Generalleutnant der Staatssicherheit ….

Erstellt: 13-01-10
Letzte Änderung: 13-01-10