05/08/02
Einführung
Einführung in die Baruya-Gesellschaft
Die soziale Organisation der Baruya ist die eines Stammes ohne Häuptling, dem fünfzehn Clans angehören, von denen acht
Nachkommen der Flüchtlinge aus Menyamya sind und sieben von lokalen absorbierten Gruppen abstammen. Die Clans sind in Sippen unterteilt, die wiederum in Segmente zerfallen. Der Wohnsitz ist patrilokal, und es sieht so aus, also habe jede Sippe ursprünglich jeweils an einem anderen Ort gelebt. Doch die ständige Blutrache und die Möglichkeit, bzw. in bestimmten Fällen die dringende Notwendigkeit, bei Heiratsverwandten oder Verwandten mütterlicherseits Schutz zu suchen, führten zur Koexistenz und zur Verschränkung um den zentralen Kern von Sippensegmenten herum, die zu verschiedenen Clans gehören.
Die Baruya leben in einer Höhe von 1500 bis 2000 m am Fuße ausgedehnter und dicht mit Primär- (feuchter Tropenwald) und Sekundärwald bewachsen sind. Der Sekundärwald wird aus einer Vegetation gebildet, die man im Allgemeinen in den auf 1800 bis 2300 m Höhe gelegenen Tarogärten anlegte und danach 15 bis 25 Jahre brachliegen ließ. Unterhalb von 2000 m macht der Wald immer mehr Grassavannen Platz, zumeist die Folge eines zu intensiven Brandrodungsbaus durch die Populationen, die von den Baruya nach ihrer Ankunft vertrieben wurden. Vor dem Auftauchen von Eisenwerkzeugen wurden die mit hohem und hartem Gras (Imperata cylindrica) überwucherten Savannen nicht genutzt. Um das Gras zu schneiden und vor allem die Strünke und Wurzeln auszureißen, verfügten die Baruya zu jener Zeit lediglich über Bambusmesser und Grabpflöcke. Heute können diese kargen Böden mit Hilfe von Spaten und Macheten bearbeitet werden. Nach der Einstellung der Stammesfehden, die es erforderlich gemacht hatten, die Dörfer in schwer zugänglichen Höhenlagen zu errichten, wurden die Gärten allgemein wieder in tiefer gelegene, wärmere Zonen verlegt. Die Region liegt etwa drei Grad vom Äquator entfernt. Es fällt reichlich Regen, und die jahreszeitlichen Schwankungen sind beträchtlich. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind aufgrund der Höhenlage sehr ausgeprägt: von 30° um die Mittagszeit geht die Temperatur bis auf 8° oder 9° in der Nacht zurück. Der Ackerbau ist die hauptsächliche wirtschaftliche Tätigkeit, die durch Schweinezucht und eine beachtliche Salzproduktion aus pflanzlichen Stoffen ergänzt wird. Das gefilterte und in drei bis vier Pfund schwere Barren auskristallisierte Salz diente in früheren Zeiten als Geld. Bis 1940 benutzten die Baruya zur Waldrodung oder zur Herstellung ihrer Waffen und Werkzeuge verschiedene Arten von Dechseln mit Klingen aus poliertem Stein. Sie verwendeten Beinpfrieme, Bambusmesser und Netze aus Pflanzenfasern. Wie wir jedoch gesehen haben, waren in den letzten zehn Jahren vor der Ankunft der ersten Weißen über die intertribalen Handelskanäle Eisenaxt und Machete bis zu den Baruya gelangt, die sie gegen Salzbarren eintauschten. Die Baruya hatten ohne äußeren Anreiz oder Druck ihre Salzproduktion beträchtlich erhöht, um ihre alten Steinwerkzeuge durch diese neuen Produktionsmittel zu ersetzen. Dieser Substitutionsprozess war noch nicht ganz abgeschlossen, als der Erkundungstrupp von Jim Sinclair 1951 in ihr Territorium eindrang.
Das Hauptanbauprodukt sind Süßkartoffeln, die in der die Dörfer umgebenden, entwaldeten Zone und im Sekundärwald relativ intensiv angebaut werden. Der Taro spielt in der Ernährung eine weit geringere Rolle, ist jedoch für den zeremoniellen und sozialen Bereich von großer Bedeutung. Er wird im Primärwald auf frisch gerodeten Böden oder in bewässerten Gärten angebaut.Techniken zur Entwässerung der nassen Böden oder zur Bewässerung mittels Gräben oder sogar Rohren aus Bambus oder ausgehöhlten und aneinandergefügten Pandanus-Stämmen sowie mit Hilfe sich an die Höhen anschmiegenden, kleinen Terrassen, mit denen die Erosion an den Steilhängen noch für eine Weile aufgehalten werden kann, beweisen, dass die Baruya
intensive Formen des Ackerbaus durchaus kennen, auch wenn sie die Brandrodung und das Aufschürfen des Bodens mit dem Grabstock bevorzugen. Jagen und Sammeln spielen für die Ernährung nur eine geringe Rolle, sind jedoch von großer zeremonieller Bedeutung.
Der Boden ist Gemeinschaftsbesitz, d. h. alle Nachkommen eines gemeinsamen Vorfahren sind Mitbesitzer der Felder sind, die dieser Vorfahre gerodet hat. Überall markieren von den ersten Anbauern gepflanzte Cordylinebüsche die Eigentumsgrenzen. Dennoch wird die Nutzung des Bodens flexibel gehandhabt, jeder kann ohne Weiteres von seinen Verwandten mütterlicherseits oder von den Brüdern seiner Frau die Erlaubnis einholen, eine Parzelle ihres Bodens als Garten zu bearbeiten. Bedingung dafür ist, ihnen bei Bedarf den gleichen Dienst zu erweisen. Die Frauen behalten ihr Leben lang das Recht, den Boden ihrer Vorfahren zu bearbeiten, sie erben ihn jedoch nicht und können ihn daher auch nicht ihren Kindern übertragen.
Alle materiellen Tätigkeiten der Baruya wie Jagen und Sammeln, Ackerbau, Viehzucht, Salzgewinnung, Waffen- und Werkzeugherstellung, Anfertigung von Kleidern und Schmuck, Hausbau usw. vollziehen sich im Rahmen einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung, nach der genau festgelegt wird, was jeder Einzelne entsprechend seinem Geschlecht und Alter tun kann und muss. Diese Aufgaben werden später noch genauer untersucht. Man könnte sagen, dass jeder Baruya mehr oder weniger geschickt alles machen kann, was zu machen ist, wobei sich jedoch bei Tätigkeiten, die wie die Herstellung des Schmucks künstlerisches Geschick erfordern, einige durch ihren Geschmack und ihre Kunstfertigkeit besonders hervorheben. Bei den Männern gilt dies für die Herstellung von Korbwaren, in die sie Federn einflechten und dann auf dem Kopf tragen, und bei den Frauen für die Herstellung von Netzen und Armbändern aus Fasern, die sie färben und unter sich und den Männern verteilen. Es gibt jedoch eine Produktionstätigkeit, die der einfachen, nach Geschlechtern vorgenommenen Arbeitsteilung nicht unterliegt und die ein echtes, spezialisiertes Handwerk darstellt: die Gewinnung von Salz aus der Asche einer speziell dafür angebauten Pflanze. Hier werden äußerst komplexe Vorgänge wie Verdampfung und Kristallisierung von Männern durchgeführt, die dieses technische und magische Geheimnis von einem ihrer Verwandten oder ihrer Nachbarn erlernt haben.
All diese Aufgaben werden je nach Schwierigkeits- oder Dringlichkeitsgrad und unter Berücksichtigung der den Baruya verfügbaren materiellen Produktionsmittel entweder individuell oder gemeinschaftlich erledigt. So arbeiten alle Männer eines Dorfes zusammen, um zu dem für die Taropflanzung erforderlichen Zeitpunkt den Primärwald zu roden, oder die Frauen schließen sich zusammen, um das für das Decken der Dächer benötigte Stroh zu ernten und zu transportieren. Wie wir noch später sehen werden, entstehen aus dieser Zusammenarbeit soziale Beziehungen, die zunächst verwandtschaftliche Beziehungen sind (mehr der Heirats- als der Blutsverwandtschaft) und dann zu Beziehungen der Nachbarschaft und des gemeinsamen Wohnsitzes werden.
Quelle: Maurice Godelier, Die Produktion der Großen Männer. Macht und männliche Vorherrschaft bei den Baruya in Neuguinea, Campus Fachbuch, 1987, ISBN: 3593336545
Erstellt: 23-06-04
Letzte Änderung: 05-08-02