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de:bug#49 - 15/03/06

Elektronik, die Laune macht - Jean Jacques Perrey

Patentante Piaf


Jean Jacques Perrey ist einer der unbestrittenen Pioniere der elektronischen Musik. Ein Avantgardist mit Sinn für Albernheiten. Spätestens seit sein Stück "E.V.A." von Fatboy Slim remixt wurde, ist er wieder in aller Munde. Mit 76 Jahren veröffentlicht Perrey ein neues Album.

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Jean-Jacques Perrey (* 1929) kam über Umwege zur elektronischen Musik. Er brach sein Medizinstudium ab, weil er im Radio die Ondioline hörte, einen Synthesizer erfunden von Georges Jenny. Er wurde Vorführer des Instruments und spielte in den 1950er Jahren Tourneen mit Charles Trenet und Edith Piaf. Piaf vermittelte ihm Kontakte in die USA, wo er von 1960-1970 lebte und die Kunst der Tonband-Kollage, die er von Pierre Schaeffer erlernt hatte, als erster in Popmusik integrierte. Für Disney vertonte er Cartoons, Alfred Hitchcock wollte mit seiner Musik einen Vergnügungspark auf dem Mond eröffnen. Mit Gershon Kingsley, der später "Popcorn" komponierte, veröffentlichte er auf Vanguard zwei Alben, die Popmusik und Elektronik lange vor "Switched On Bach" erstmalig zusammenführten. Auf seiner Solo-LP "Moog Indigo" (1970) fand sich der Track "E.V.A.", eines der meistgesampelten Stücke aller Zeiten. Zurück in Europa arbeitete Perrey in Frankreich sowohl für Radio und Fernsehen als auch für Theater und Ballett. In den 90er Jahren wurde Perrey von einem Journalisten aus den USA wiederentdeckt und 1993 zu einem weiteren Album überredet, das nun im Frühjahr 2006 erscheint. Anfang Februar ist er in Berlin zu Gast bei der Transmediale und wird einen Vortrag über sein Lebenswerk halten. Beim Club Transmediale 2006 hat er ein Konzert geben, auf dem er auch die gerade restaurierte Ondioline spielte. Perrey lebt heute am Genfer See.
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Debug: 1953 Jahre wurde aus dem Medizin-Studenten Perrey ein Handelsvertreter für die Ondioline, einer Frühform des Synthesizers, entwickelt von Georges Jenny. Ein drastischer Schritt. Wie kann so etwas passieren?


Perrey: Ganz einfach, man muss die Ondioline im Radio hören und gleichzeitig merken, dass man dem Medizin-Studium nicht gewachsen ist. Wir obduzierten an der Universität zu diesem Zeitpunkt Leichen und ich fiel regelmäßig in Ohnmacht. Ich hörte ein Konzert auf Radio France, bei dem die Ondioline verwendet wurde. Ich war fasziniert von den neuen Klängen, die dieses Gerät produzieren konnte. Also rief ich im Sender an und bekam schließlich die Nummer von Jenny. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir bereits das Klavierspielen beigebracht, Noten konnte ich allerdings nicht lesen. Herr Jenny gab mir eine Ondioline. Ein halbes Jahr später besuchte ich ihn wieder und spielte für ihn. Die linke Hand am Klavier, die rechte Hand an der Ondioline. Diese Kombination hatte Jenny bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehört und er stellte mich als Vorführer ein. In den kommenden Jahren reiste ich dann über die Musikmessen in Europa und stellte das neue Instrument vor. Meine kleinen Konzerte waren offenbar genau richtig, denn Herr Jenny in Paris bekam viele Aufträge für das Instrument, er kam kaum hinterher und musste Leute einstellen, um die Aufträge zu bewältigen ...


Debug: Sie spielten bald Ondioline für Charles Trenet und auch Edith Piaf. Wie kam es, dass sich so berühmte Musiker für dieses kleine neue Instrument interessierten?

Perrey: Edith war sehr an neuen Sounds interessiert, Sounds, die die Menschen noch nicht gehört hatten. Sie wollte die Ondioline mit dem Orchester verbinden, das sie auf Tourneen begleitete. Da sie meine Patentante war, konnte ich schlecht nein sagen. Ende der 1950er Jahre war sie auf Tour in den USA, kam zurück und rief mich an. Sie sagte: Du musst nach Amerika, dort wirst du mit der Ondioline zum Star. Sie kümmerte sich um alles. Sie mietete das Columbia-Studio in Paris für mich, um ein Demo aufzunehmen. Dieses Band schickte sie nach Amerika und eine Weile später bekam ich Post mit einem Flugticket nach New York. Auf dem Ticket stand ganz groß: Bitte kommen Sie! Geschrieben hatte das Carroll Bratman, der in New York ein Studio und einen Instrumenten-Verleih betrieb. Er wurde in meinen ersten Jahren in Amerika mein Sponsor. Er war fasziniert von der Ondioline, richtete mir ein komplettes Studio ein mit allen elektronischen Geräten, die damals verfügbar waren, und ich machte das, was ich auch schon in Europa gemacht hatte ... ich führte das Instrument vor. Nur ... in Amerika lief das alles ein bisschen anders. Meine erste Vorführung war in der Johnny-Carson-Show im Fernsehen. Überhaupt war ich ständig im Fernsehen. Die Amerikaner mochten den kleinen Franzosen mit dem putzigen Akzent, der diese komischen Klänge aus einem kleinen Kasten zauberte. Ich konnte ja kein Englisch, ich lernte die Sprache durch das Zuhören, genau wie damals das Klavier. Und natürlich lernte ich die schlimmen Worte zuerst. Das hat wohl geholfen. Auch in den USA wurde die Ondioline ein großer Erfolg.

Debug: Was hat Sie persönlich an dem Instrument fasziniert?

Perrey: Auch die Sounds. Warum immer nur Klavier spielen, wenn es andere Möglichkeiten gibt, sich auszudrücken. Ich merkte schnell, dass es meine Begabung war, den Menschen diese neuen Sounds zu geben, sie ihnen vorzuspielen. Das ist das Geschenk, das ich mitbekommen habe. Wenn es etwas Neues gibt, muss man die Menschen langsam damit vertraut machen, sie da abholen, wo sie stehen. Ich erinnere mich an eine Demonstration in Köln beim WDR. Dort sah ich zum ersten Mal einen Vocoder, ich war hingerissen. Im Studio für elektronische Musik sah ich ein ganz ähnliches Instrument wie die Ondioline, eine deutsche Erfindung. Es wurde aber kein Erfolg, weil sich niemand fand, der mit dem Instrument durch die Welt zog und es den Menschen nahe brachte ... Ich hatte immer die Idee, dass ich Platten machen wollte mit den neuen, elektronischen Sounds. Ich wusste, dass ich es schaffen kann, auch wenn ich kein ausgebildeter Musiker war. In Amerika hatte ich schließlich die Gelegenheit dazu.


Debug: Da kamen die elektronischen Instrumente genau im richtigen Moment. Auf der Bandmaschine konnte man alles simulieren und Schritt für Schritt konstruieren.

Perrey: Und man muss die richtigen Menschen treffen im richtigen Moment. Ich war drei Jahre in Amerika, als ich Walt Disney auf einer Party traf. Er hatte mich im Fernsehen gesehen und verfrachtete mich nach Hollywood, um mit der Ondioline Cartoons zu vertonen. Dieser Job hatte große Auswirkungen auf meine Karriere, nicht nur finanziell. Die tägliche Parade in den Disneylands dieser Welt wird noch heute mit meiner Musik unterlegt. Andere Menschen, die ich sehr schätze, gaben mir einfach Kraft. Salvador Dali zum Beispiel. Ich traf ihn in New York auf der Straße. Auch er hatte mich im Fernsehen gesehen und sprach mich an. Ich nahm ihn mit ins Studio. Zu dieser Zeit arbeitete ich an meiner Version vom "Flight of the Bumblebee". Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, das Stück nur mit echten Sounds umzusetzen, die ich bei Imkern und ihren Bienenstöcken aufgenommen hatte. Ich saß drei Tage nur an der Bandmaschine und habe Tape-Schnipsel geklebt. Als Dali ins Studio kam, war ich noch längst nicht fertig. Ich hatte nur die Hauptmelodie als Tape-Loop. Das Band schlang sich mehrmals durch das Studio. Er sagte, dieses Stück sei doch schon sehr abgedroschen, also spielte ich ihm meine Version vor, baute die Lautsprecher um ihn herum auf, es war alles sehr stereo, und als das Band zu Ende war, kam keine Reaktion. Er saß einfach nur da. Ich war schockiert. Schließlich zwirbelte er seinen Schnurrbart, sprang auf und rief: "Das ist unfassbar. Du bist komplett verrückt." Solche Begegnungen machen Mut.


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TRACKS
Donnerstag, den 16. März 2006 um 00.05 Uhr
Wiederholung am Dienstag, den 21.03 um 01.35 Uhr
Redaktion: BR
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Erstellt: 15-03-06
Letzte Änderung: 15-03-06


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