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08/11/04

Elephant

Ein Film von Gus van Sant


Synopsis: Ein ganz normaler Tag an einer amerikanischen High School. ELEPHANT begleitet ein Dutzend Schüler bei ihren unterschiedlichen Erfahrungen. Zwei Brüder sorgen dafür, dass das Leben aller aus der Bahn geworfen wird: Sie begehen ein Massaker an ihrer Schule, und erschießen gnadenlos jeden, der ihnen über den Weg läuft.
 

 
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Allemagne123[1].jpg.imageData Im vergangenen Jahr 2002 zog Michael Moores Dokumentarfilm BOWLING FOR COLUMBINE - der ebenfalls im Wettbewerb in Cannes zu sehen war - viel Aufmerksamkeit auf sich, und regte die Diskussion um Gewalt an Schulen, insbesondere Amerikanischen an. Dieses Jahr erzählt uns Gus Van Sant seine Spielfilmversion desselben Themas. Er schickt uns in einen verstörenden Albtraum, der gerade durch seine Stille und Besonnenheit schockiert. Nach seinen High-Budget-Filmen PSYCHO (1998) und FINDING FORRESTER (2000) wendete sich Gus Van Sant mit GERRY (2002) erstmals wieder seinen Wurzeln des Independentfilms zu, und setzt seine Arbeit mit kleinem Budget bei ELEPHANT fort.
 
Dabei liefert er nur Fragen, keine Antworten. "Sobald du anfängst, etwas in einer bestimmten Richtung zu erklären, gibt es fünf andere Möglichkeiten, die man damit verneint. Außerdem gibt es die Möglichkeit, eine Erklärung für etwas zu finden, was nicht notwendigerweise eine Erklärung haben muss."
 
Kameramann Harris Savides folgt den zwölf Schülern jeweils einzeln. Oft sieht man die Schauspieler nur von hinten, wie sie Wege in ihrer Schule zurücklegen, und anderen Schülern begegnen. So entsteht Kommunikation, oder auch nicht. Der Zuschauer bekommt zwölf verschiedene Perspektiven eines einzigen Schultages an einer High School, die zu völlig unterschiedlichen Erfahrungen führen. Dabei überlappen sich die Geschichten, die mal aus der einen, mal aus einer anderen Perspektive erzählt werden. Einer ist glücklich, ein Mädchen fühlt sich ganz einsam, drei Freundinnen, die schönsten Mädchen der Schule sonnen sich darin, von den Jungs bewundert zu werden. Die Kamera folgt den beiden Attentätern - zwei Brüdern - genauso neutral wie den anderen Schülern - jeder soll sich sein eigenes Bild machen können.
 
Noch bevor Gus Van Sant das Drehbuch geschrieben hat, hat er mit dem Casting zu seinem Film begonnen. Er wollte sichergehen, dass er alle Haupt- und Neben Rollen mit echten Schülern besetzen konnte. So hat er unter 3000 Bewerbern 12 authentische Gesichter gefunden, denen der Zuschauer glaubt.
 
Der seltsame Titel ELEPHANT bezieht sich auf einen gleichnamigen BBC Film von Alan Clarke aus dem Jahre 1989, der alltägliche Gewalt in Nordirland beschreibt. Alan Clarke betitelte seinen Film damals so, weil er sagte "Diese Gewalt ist genauso leicht zu ignorieren, wie ein Elefant im Wohnzimmer." Gus Van Sant schließt sich dieser Meinung an. Er hat einen Film gedreht, der verstört, weil die Gewalt gnadenlos explosiv und fast unvorhersehbar ausbricht. Sein Film endet mit einer wunderschönen Einstellung eines bewölkten Himmels, über dem Luwig van Beethovens ‚Für Elise' ertönt. Das Musikstück, das der eine Amokläufer eben noch gespielt hat, kurz bevor er sich das Maschinengewehr umgeschnallt hat.
 
Allemagne123[1].jpg.imageData Nana A.T. Rebhan
 
 
france123[1].jpg.imageData „Elephant" beschreibt einen scheinbar ganz normalen Tag an einer Schule im Nord-Osten Portlands, der in einem Blutbad endet. Man sollte Gus Van Sants letzten Film „Gerry" nicht unterschätzen, bei dem der Regisseur mit einem minimalistischen Drehbuch und einem kleinen Filmteam arbeitete und den Darstellern so die Gelegenheit gab, ihr Improvisationstalent zu entfalten. Diese Erfahrungen waren für Van Sant von höchster Bedeutung, denn sowohl der Erfolg von „Gerry" als auch seine persönliche Zufriedenheit mit dem Werk, durch das er nach eigener Aussage neue Erkenntnisse für die Regiearbeit gewann, haben ihn bestärkt. Mit „Elephant" setzt er den eingeschlagenen Kurs konsequent fort.
 
Gus Van Sant hegt - wenn auch verhaltener als Larry Clark - ein großes Interesse für die amerikanische Jugend. „Elephant" ist die filmische Verarbeitung eines Verbrechens, bei dem junge Leute mehrere Mitschüler ermordeten: Eine Bluttat, die Amerika zutiefst erschütterte. Dabei versucht der Regisseur zu keinem Zeitpunkt, die Hintergründe der Tat auch nur ansatzweise zu erklären. Er verzichtet im Gegenteil völlig auf langatmige psychologischen Analysen. Vielmehr geht es ihm um die Rekonstruktion des Alltäglichen, d.h. um einen realistischen Ansatz, zu dem die Besetzung mit in einem aufwändigen Casting ausgewählten amerikanischen Jugendlichen ohne Filmerfahrung entscheidend beiträgt.
 
Van Sant entwickelt Figuren, die durch ihre Authentizität beeindrucken. Auch diesmal greift er zwischendurch gezielt auf ruhige, statische Elemente zurück. Geschickt werden die Musik und das Schweigen eingesetzt; eine besondere Bedeutung kommt den Bewegungen in Zeitlupe und im Zeitraffer sowie den Nahaufnahmen zu. Wie auch in „Gerry" ist der neue, wichtige Ansatz Van Sants für den Zuschauer unmittelbar erkennbar.
 
In „Elephant" wird die zeitliche Achse stellenweise aufgebrochen, indem der Regisseur ein- und dieselbe Szene nacheinander aus dem Blickwinkel mehrerer Personen beschreibt, oder aber die Perspektive von außen wählt, bei der die Kamera den jungen Leuten minutenlang durch das Labyrinth der Schulhausgänge folgt. Den Gewaltszenen verleiht der Regisseur durch die strikte Einhaltung seiner Prinzipien eine beängstigende Dimension. Die Kunst, ein Gleichgewicht zwischen sich plötzlich entfesselnder Gewalt und Momenten der Ruhe zu erzeugen, beherrscht Gus Van Sant vollkommen. Schon alleine aus diesem Grund steht fest, dass er zu den ganz großen Regisseuren gehört.
 
france123[1].jpg.imageData Olivier Bombarda
 
 
Das Bonusmaterial: Die Gestaltung des Menues der DVD hätte einen Design Preis verdient. Auf minimalistische Weise spielt sie mit dem Titel und den langen Einstellungen des Films. In der Menueendlosschleife etwa bauen sich nacheinander – ausgehend von der Illustration eines Elefanten – mehrere parallele Fenster auf, in denen je ein Schüler einen endlosen Gang entlangläuft und die Kamera ihm folgt (mit O-Ton). Nach ungefähr 30 Sekunden schließt sich das erste Fenster wieder, dann das zweite usw. Übrig bleibt der Elefant, zu hören ist Musik Beethovens, die im Film verwendet wird.
 
Beachtlich ist außerdem, daß es dem Verleih gelungen ist, den BBC Film auf die DVD zu nehmen, der titelgebend für Van Sants Film ist. Alan Clarke drehte 1988 einen knapp 40-minütigen Film über Gewalt in Nordirland. Kommentarlos reiht er darin Szenen aneinander, in denen jeweils bewaffnete Männer einen verhältnismäßig langen Weg zu Fuß zurücklegen, eine oder mehrere Personen erschiessen und danach weitergehen, als sei nichts gewesen. Mehrere Dutzend Morde begleitet der Film in seiner dokumentarischen Herangehensweise, und regt dabei zum Denken an. Warum werden diese Menschen umgebracht? Was haben Sie getan? Wer bringt sie um? Antworten liefert der Film keine, Fragen stellt er viele.
 
Im Making Of bekommt man als Zuschauer ein gutes Gefühl dafür, wie eine leerstehende Schule in Portland in eine große Filmkulisse umfunktioniert wird. Riesige Projektoren werden angekarrt, für die täglichen Muster, lange Kleiderstangen hängen voll mit den Kostümen der Kids. Der Zufall wird gerne berücksichtigt, etwa wenn Gus Van Sant es mag, „wie der Hund an Johns Bein hochgesprungen ist“. Im Film gibt es diese Szene, kurz bevor das Massaker beginnt, der Hund springt in leicht verzögerter Zeitlupe am Bein des Jungen hoch und fliegt durch die Luft – ein schöner Moment, der in Erinnerung bleibt. Der hellblonde John mit dem Stier auf dem gelben T-Shirt weiß: “Gewalt entsteht durch eigene Unsicherheit bei Menschen“ und die mollige Michelle, die im Film eine Außenseiterin spielt, ergänzt: „Gewalt ist für mich eine Tat, die dem Menschen das Selbstwertgefühl nimmt.“ Leider ist nach 12 Minuten das Making Of zu Ende. Gerne hätten wir dem Regisseur noch ein wenig über die Schulter geguckt, wenn er sein 35mm Material selbst am Schneidetisch anlegt. 
 
Aber es gibt ja noch das Interview mit Gus Van Sant, gedreht am 23. Juli 2003 in seinem Haus in Portland, Oregon. Der Hausherr sitzt barfuß, mit Jeans und einfachem T-Shirt bekleidet auf einem Sessel. Im Hintergrund ist die Küche des Appartements zu sehen, ein GUMMO Plakat seines Freundes Harmony Korine hängt an einer Wand. Das Interview auf der DVD ist strukturiert, indem kurz die jeweilige Frage eingeblendet wird. Wie nah ist der Film am Cinéma Vérité? Wie zeigen Sie gewöhnliches Leben? Wie filmen Sie Gewalt? Verwenden Sie Archetypen? Wie drehen Sie mit Teenagern? Haben Sie viel improvisiert? Und natürlich: Warum passiert das Schreckliche?  Wach blickt er in die Kamera, und bevor er antwortet lässt er sich Zeit nachzudenken. Doch auf die letzte Frage gibt es keine Antwort, will Gus Van Sant auch keine Antwort geben. „Wir wollen wissen, warum etwas geschieht, damit wir uns sicher fühlen können, damit wir wissen, wir sind nicht Teil davon. Wenn man etwas identifiziert, dann kann man es auch kontrollieren. Es liegt in der Natur des Menschen, herausfinden zu wollen, warum etwas geschieht. Aber es gibt keine Antwort auf die Frage: ‚Warum?’.“
 
Nana A.T. Rebhan
 
Sprachen:
Englisch, deutsch, deutsche Untertitel

 
Extras:
- Trailer
- Elephant, Film von Alan Clarke, BBC Noridirland
- Making Of
- Interview mit Gus Van Sant
- Trailershow

Erstellt: 08-11-04
Letzte Änderung: 08-11-04