
PROLOG :
Schon im Januar 2007 hatte es den ersten Schriftverkehr mit den « media relations » der Joint Task Force gegeben.
Die Liste der vorzuweisenden Dokumente ist lang: Detaillierter Lebenslauf, Übersetzung der letzten drei Reportagen, ein Photo und eine eigenhändig unterschriebene Erklärung zu „kooperieren“. Damit erkenne ich die Grundregeln der Zusammenarbeit der Armee mit der Presse in Guantanamo an.
In acht Punkten die Liste all dessen, was nicht gefilmt oder gezeigt werden darf: Keine Gesichter von Gefangenen, keine Sicherheits- Einrichtungen, keine Radaranlagen, keine Antennen, nicht den Küstenstreifen „Windmill Beach“, keine Gefangenentransporte und auch keine Vertragsarbeiter aus Kuba oder Haiti. Die Liste dessen, was zu filmen erlaubt ist, ist wesentlich kürzer.
Unter Punkt 8 steht fett: „Aus Sicherheitsgründen wird täglich bzw. am Ende der Dreharbeiten in Guantanamo eine Sichtung des Bildmaterials durchgeführt.“ Es folgt ein lakonischer Satz: „Ebenfalls aus Sicherheitsgründen können Bilder gelöscht werden.“
Die Regeln sind klar.
Sechs Monate später vor Ort werden diese Grundregeln von unseren Begleitern buchstabengetreu angewendet. Die US-Armee erfüllt minutiös den unterzeichneten Vertrag.
Anfang März erhalten wir zunächst die Erlaubnis, das Lager zu besuchen. Danach wird die Erlaubnis zurückgezogen und für September neu erteilt.
Montag, 3. September - REISE
Internationaler Flughafen von Fort Lauterdale, Florida.
Ein kurzer Moment Sorge: Auf den Bildschirmen am Terminal 4 ist keinerlei Flug der Air Sunshine nach Guantanamo aufgerufen.
Erst nach einigem Suchen finden wir in einem Untergeschoss den kleinen Schalter der Fluglinie. Nach Gitmo – so wird Guantanamo hier genannt – fliegen keine Militärmaschinen. Nur die Gesellschaften „Sunshine“ oder „Lynx Air“. Für 400 Dollar pro Person. Beim Einchecken ist die per Email erhaltene „Area Clearence“ fast genauso wichtig wie das Flugticket. Der Schalterangestellte prüft das Gewicht des Gepäcks ebenso wie das der Passagiere. Der Grund: Die zweimotorige Turboprop hat kaum Platz für 15 Passagiere und ist nicht mehr ganz frisch.
Wir sind vier Journalisten auf dem Hinflug: Eric, mein Kameramann und ich – sowie zwei Kollegen von Reuters aus Miami: Die Redakteurin Jane und ihr Photograph Joe. Sie sind schon über zehn Mal in Guantanamo gewesen.
Die anderen Passagiere sind Vertragsarbeiter, die für die Armee arbeiten. In Guantanamo herrscht wirtschaftlicher Aufschwung. Der Fluglärm verhindert jedes Gespräch.
Nach dreieinhalb Stunden Flug, bei dem der kubanische Luftraum sorgsam umgangen wird, landen wir zwischen grünen Hügeln und Buchten – es ist feucht und heiß. Am anderen Ende der Piste ein Truppentransporter, ein Soldat bewacht die Landebahn. Auf einer Anhöhe eine gigantische Kuppel. Offensichtlich ein Radar. Welcome to Guantanamo – gemacht für und von der Armee…
ANKUNFT
Zunächst die Formalitäten. Nach der oberflächlichen Gepäckkontrolle kommt ein afro-amerikanischer Soldat auf uns zu: „Hallo, Sie sind sicher Laurent…“ – unsere Passfotos sind offenbar einprägsam. Es ist Heeres-Feldwebel Michael Owens – dahinter unser zweiter Begleiter, Robert Clowney von der US-Marine. Sie tragen unterschiedliche Uniformen, denn in Guantanamo arbeiten Soldaten verschiedener Waffengattungen in der Joint Task Force. Von den 1800 Soldaten, die hier Dienst tun, gehören 900 zum Heer und 600 zur Marine. Der Rest sind Luftwaffenangehörige, Marineinfanteristen oder Zivilisten.
Owens stammt aus New Orleans, Clowney aus Kalifornien. Der eine spricht, der andere hört zu und raucht. Sie sind sympathisch … und professionell. Mit Ihnen gibt es nicht die geringste Abweichung vom Programm. Sie sind die „Morgen-Mannschaft“.
Ob wir ab jetzt filmen dürfen, frage ich Owens. Antwort: „Nein, Sie müssen das Briefing morgen abwarten und meine Anweisungen, was und was Sie nicht filmen dürfen.“ Ich hätte nicht fragen sollen.
Wir kommen zur Fähre: Die Militärbasis wird durch einen Meeresarm zweigeteilt. Durch dessen Mitte fahren Frachter zum Hafen von Guantanamo-Stadt, der zum sozialistischen Kuba gehört. Früher durften Journalisten und Anwälte nur auf der Flughafenseite bleiben (Leeland) und mussten jeden Tag auf die andere Seite übersetzen – dorthin, wo (auf Windland) die Haupt-Anlagen des Marinestützpunkts liegen und auch die Haftlager. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.
Die Überfahrt dauert 20 Minuten. In der Bucht ankert ein Sportfischerboot – Angeln gehört zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Bewohner von Guantanamo Bay.
In Windland angekommen, besteigen wir einen weißen Ford-Transporter – unser Fahrzeug für die nächsten Tage. In Guantanamo sind allerdings alle Transporter weiß und vom gleichen Hersteller – und mehrmals wird es uns passieren, dass wir zusammen mit unserer Begleitung suchen müssen, bis wir das richtige Auto finden.
Schon um 18.30h neigt sich der Tag. Das Personal im „Hotel“ sind Philippinos. Die Zimmer: Regelrechte Wohnungen mit Wohnzimmer, Esszimmer, Küche, zwei Bädern und zwei Schlafzimmern. Ein riesiger Kühlschrank sorgt für Eindruck und spendet Eiswürfel. Auf der Terrasse steht ein Grill. Im Fernseher laufen 30 verschiedene Kanäle, auch das Armee-Programm. So üppig war ich selten auf einer Drehreise untergebracht – beim Einschlafen denke ich noch: So, nun sind wir tatsächlich „embedded“.
Dienstag, 4. September 2007
BRIEFING
Um 7h30 das erste Briefing. Zum Auftakt: « Die Vereinigten Staaten befinden sich im Krieg… » Die Tonart ist klar. In Guantanamo sitzen keine Kriminellen, sondern Feinde, die man vom Kriegsschauplatz entfernen musste. Die Armee hat also alle Rechte, die Männer hier festzuhalten. Und wenn sie hier einsitzen, dann nicht ohne Grund. Ein Sophismus, der bedeutet: Die Armee irrt sich nicht. 400 Häftlinge wurden seit 2002 nach Guantanamo verbracht.
Wie und der Feldwebel erklärt, fielen die „feindlichen Kämpfer“ in Guantanamo nicht unter die Bestimmungen der Genfer Konvention. Dennoch behandele man sie nach deren Regeln. Was u.a. auch bedeutet, dass man sie vor der Neugier der Öffentlichkeit zu schützen habe. Im Klartext: Journalisten dürfen nicht mit den Häftlingen reden. Wobei der Feldwebel stets einen feinen Unterschied macht und nicht von Gefangenen oder Häftlingen spricht, sondern lediglich von „Insassen“.
BESUCH DES LAGERS
Während die Stimmung auf dem Marinestützpunkt noch relativ verschlafen wirkt, spürt man hinter dem nächsten Hügel, wo „Camp Amerika“ liegt, die Spannung in der Luft.Sichtausweise sind offen zu tragen, unser Fahrzeug wird streng kontrolliert, sogar mit Spiegeln von der Unterseite inspiziert. Die Soldaten auf ihren „Hummer“-Fahrzeugen tragen Splitterwesten. Ein Hauch von Bagdad weht hier über der Briefing-Aussage: „Wir befinden uns im Krieg…“
Hat man sogar hier Angst, dass Al Kaïda Bomben oder Kriegsschiffe schicken könnte?
Die Größe des Lagers ist erstaunlich. Im inneren gibt es mehrere, mit doppelten Stacheldrahtverhauen abgeriegelte, kleinere Abteilungen. Dazwischen Wachtürme. Über dem Hauteingang flattert eine riesige Flagge mit den „stars and stripes“. Auch außerhalb des Lagers tragen die Soldaten Waffen, drinnen sind sie schussfertig geladen.
Mittlerweile besteht unsere Eskorte aus Feldwebel Owens und seinem Kollegen Clowney, dem Soldaten Wolff, einer jungen Luftwaffenangehörigen und einem älteren Zivilisten, Richard, der wie sich später herausstellt, beim Geheimdienst arbeitet und unser Drehmaterial zensiert.
Für die Besichtigung des Lagers Nummer 1 haben wir genau zwanzig Minuten. Ein Gang mit leeren Zellen, ein kurzer Aufenthalt in einer offenen, leeren Zelle, wo alle den Häftlingen ausgehändigten Objekte aufgereiht liegen: Decke, Gebetsteppich, graue Kleidung (orange ist für die Widerspenstigen) seife, Zahnbürste, Zahnpaste. An der Wand hängen ein Koran und eine Art Zwangsjacke falls ein Häftling ausrastet. In einer Ecke ein Ball, an der wand ein Auszug aus der Genfer Konvention und auf dem Boden ein Pfeil, der nach Mekka weist. Daneben eine Entfernungsangabe 12600 Kilometer.Aus einem Nebenhof dringen Geräusche zu uns: Offenbar Häftlinge, die Fußball spielen. Sehen können wir sie nicht. Das wird hier in diesem Lager der einzige Kontakt mit ihnen gewesen sein.
In der Bibliothek stehen, wie die junge Leiterin sagt, 6 000 Titel, in 18 Sprachen. Zeitschriften über Tiere und Fußball seine am meisten begehrt. Und natürlich: „Harry Potter“
Gleich daneben Lager Nummer 4. « Mittlere Sicherheit ». Hier leben die Gefangenen zu acht in Schlafsälen, dürfen auch gemeinsam essen und miteinander reden.Als wir in den zentralen Hof kommen, sehen wir zwei Häftlinge. Sie verschwinden umgehend in ihre Zellen. Wir bekommen einen leeren Schlafsaal vorgeführt: An der Wand ein TV-Flachbildschirm hinter Plexiglas – offenbar als Belohnung für besonders führige „Insassen“
Der Morgen endet im Krankenhaus: Der Chefarzt zeigt uns seine wohlgefüllte Apotheke und auch den nagelneuen OP. Laut unabhängigen Quellen sollen zwischen 20 und 60 Häftlinge im Hungerstreik sein. Einer seit über 700 Tagen. Der Chefarzt ist auf solche Fragen vorbereitet. Er zeigt uns lediglich das entsprechende Magensonden-Besteck. Und dass die meisten dadurch nur die Stimmung hochhalten wollten…
Nach einigen Minuten stößt ein Psychologe dazu und behauptet, der mentale Zustand der Insassen sei hier wesentlich besser als in den meisten amerikanischen Gefängnissen. Weniger Schizophrene und Psychosen, weniger Medikamente. Was immer dies auch heißen mag.
Am Nachmittag die Besichtigung von Camp 5 und 6. Sie wurden 2004 bzw. 2006 gebaut. Während Camp Delta mit seinen Holz- und Metallbaracken noch provisorisch wirkt, machen „5“ und „6“ den Eindruck, definitiv und auf Dauer existieren zu sollen. Gebaut wurden sie wie ein Hochsicherheitstrakt.
Die Besichtigungstour ist dieselbe wie vorher. Keine Gesichter der Aufseher, keine Schwenks. Ein komfortabler Sessel im Verhörzimmer – wer weiß wie bequem es wirklich ist, hier zu sitzen. In Camp 5 werden die gefährlichsten Insassen festgehalten. Diejenigen, die Washington einmal verurteilen will.
Vor dem Lager 6 ist eine Tafel angebracht: Mit den Namen der drei Gründerväter: George W. Bush, Dick Cheney et Donald Rumsfeld. Ob sie wenigstens so in die Geschichte eingehen werden?
Um 16 Uhr ist die Drehzeit zu Ende. Danach werden die gedrehten Kassetten gesichtet. „Für sie wie für uns der peinlichste Augenblick.“ Es scheint ihnen in der Tat keinen Spaß zu machen. Vor allem Sicherheitsaspekte scheint die Zensur zu leiten: Die O-Töne der Wächter werden erst gar nicht angehört – aber jede Antenne, jedes Wasserreservoir, jeder Wachturm werden rausgeschnitten. Ebenso jedes Gesicht eines Wächters oder etwa eines Gefangenen.Mittwoch, 5. September 2007
Ein Morgen als Tourist
Erste Etappe: das Lager X-Ray. Es war in den ersten Monaten 2002 genutzt worden. Bekannt sind die Bilder der Orangen gekleideten Männer hinter Drahtgittern. Heute ist das Lager verwaist und von Vegetation überwuchert. Man erhalte das Lager lediglich aus dem Grund, um aller Welt zu zeigen dass es nicht mehr in Betrieb ist.KANTINE
Hier zu drehen ist ohne Einschränkungen erlaubt. Sogar die Gesichter der philippinischen Vertragsarbeiter dürfen wir zeigen. Obwohl das nicht zum Thema gehört.
Die Verantwortliche, Frau Sam, zeigt uns geflissentlich jeden Herd und jeden Kühlschrank. Und unterstreicht mehrmals wie sehr man hier darauf achtgebe, das normale Essen für die Wächter nicht mit dem nach islamischem Ritus zubereitete für die Insassen zu vermischen. 5 200 bis 5 700 Kalorien bekommen die Insassen täglich. Sollten die Zahlen stimmen wäre das mehr als das Doppelte einer normalen Erwachsenenration.
Donnerstag, 6. September 2007
ABFAHRT
Um 5.30h werden wir abgeholt – nehmen die Fähre zurück und stehen umgehend vor der alten Kiste der „Air Sunshine“. Eigentlich gilt unsere Drehgenehmigung 4 Tage – wegen der Flugdaten werden es jedoch bloß zwei.
Während das Flugzeug im Sonnenaufgang über die glänzenden Dächer von Camp Delta kreist, finde ich in den uns ausgehändigten Unterlagen ein Blatt mit dem Titel: „JTF-GTMO Media-Survey“. Darin werden wir Journalisten gebeten, doch Verbesserungsvorschläge zu machen, „ damit die ‚Joint Task Force’ die Qualität und die Professionalität ihres Besichtigungsprogrammes weiter verbessern kann…“
Ich habe das Formular nie ausgefüllt.
Denn um Qualität zu liefern, muss ich meine Arbeit als Journalist und Reporter machen können: Informationen sammeln und überprüfen, und bei Filmaufnahmen eine eigene Auswahl treffen…
Gesehen habe ich in Guantanamo – nichts.







per E-Mail verschicken
Besuchtour in Guantanamo : die offiziellen Dokumente
ARTE Reportage: Guantanamo – eine Ortsbesichtigung
Facebook
Twitter
RSS

