Darsteller: Banlop Lomnoi, Sakda Kaewbuandee
Frankreich/Thailand/Italien/BRD, 2004, 118’
Wettbewerb Cannes 2004
- 18. MAI: Apichatpong Weerasethakul un der thailändische Film
Heute am siebten Tag des Festivals ist außer dem Film der Coen-Brüder noch ein weiterer im Wettbewerb zu sehen. Es handelt sich um eine echte Premiere, denn der Beitrag kommt aus Thailand, das bisher noch nie auf dem Festival vertreten war. Eigentlich schade! Was Jury und Publikum heute geboten wird, ist ein echtes Meisterwerk.
Reportage sehenSynopsis: Der junge Soldat Keng und Tong, sein Freund vom Land, verbringen eine unbeschwerte Zeit miteinander - mal in Tongs Familie auf dem Dorf, mal nachts in der Stadt in Karaoke-Bars oder im Kino. Eines Tages ist Tong verschwunden, sein Dorf lebt in Angst – eine wilde Bestie fällt über die Kühe der Bauern her. Einer thailändischen Sage nach kommt es gelegentlich vor, dass Menschen sich plötzlich in wilde Tiere verwandeln. Keng macht sich auf die Suche nach seinem verschollenen Geliebten.
Kritik: Eine unglaubliche Freundlichkeit und der Ausdruck von Glück liegen in den Gesichtern dieser beiden jungen Männer. Die Zeit, die sich miteinander verbringen, verläuft so langsam und unbeschwert, dass es scheint, als würde man einer nostalgischen Reise in die verklärte Vergangenheit bewohnen. So ist es auch – der 1970 geborene thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul beschäftigt sich wie bereits in seinem letzten Film „Blissfully Yours“, der 2002 in Cannes den Hauptpreis der Nebenreihe „Un Certain Regard“ gewann, mit den eigenen Erinnerungen – an die verflossene Liebe, an Märchen oder Volkssagen und die Landschaft seiner Kindheit, aus der heraus sie entstanden. Weerasethakul ist im Dschungel im Nordosten Thailands aufgewachsen, er wurde als Sohn zweier Ärzte in der Provinz geprägt vom Gegensatz zwischen dörflicher Idylle und dem schnellen Wachstum seiner Heimatstadt Khon Kaen. In seinen Filmen kehrt er stets zurück in den geheimnisvollen Dschungel seiner Kindheit, der, wie er selbst sagt, die Rolle eines Protagonisten zukommt.
Diesmal werden die nostalgischen Erinnerungen so übermächtig, dass sie die Gestalt einer tropischen Krankheit annehmen. Sie macht das Weiterleben für Tong in seinem Soldatenalltag unmöglich. So wird der Dschungel für ihn im zweiten Teil des Films zum einzigen Ort, an dem diese Krankheit, die eigenen Träume, Sehnsüchte einen angemessenen Ausdruck finden können, wenn auch keine Heilung, sondern nur ein nostalgisches Verschmelzen mit der Vergangenheit stattfinden kann. Seinen Film hat Weerasethakul im zweiten Teil aufgebaut wie eine Volkssage – Kapitelüberschriften und Illustrationen vom Mensch in Tiergestalt künden von der Verwandlung des Menschen in einen Tiger. Die Suche des Soldaten Keng nach seinem Freund kommt mit minimalen dramatischen Spannungsmomenten aus. Mit Tong, der immer tiefer in den Dschungel eintaucht, verfällt der Film stattdessen in einen wunderbaren, wenn auch unheimlichen Trancezustand. Mit einem Taschenlampenkegel folgt die Kamera den verschlungenen Lianen in die Baumwipfel, die nächtlichen Stimmen des Dschungels sind eine neue Sprache, die Tong erst erlernen muss. Den meckernden Affe hoch in den Bäumen verleiht Weerasethakul an einem bestimmten Punkt per Untertiteln eine Stimme– er „spricht“ den Soldaten an und liefert ihm so den Schlüssel für eine mögliche Wiederbegegnung, die Verschmelzung mit dem verloren gegangenen Geliebten. Minutenlang starren Tong und der Tiger sich an – die Seelenwanderung glückt und Tong nimmt seine ‚tropical malady’ endgültig an.
Martin Rosefeldt






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