
Frankreich 2009, 163 Min.
Regie: Gaspar Noé
Mit Paz de la Huerta, Nathaniel Brown, Cyril Roy, Philippe Nahon, Sara Stockbridge

Kritik: Fünfzehn Jahre lang hat das "Enfant terrible" des französischen Films, Gaspar Noé an diesem seinem Werk gearbeitet, mit dem er hofft, in den Olymp der Filmemacher aufsteigen zu können. Sein letzter, umstrittener Film, "Irreversible", mit dem er 2002 im Wettbewerb in Cannes vertreten war, war nur eine Art Vorstudie zu seinem erhofften ganz großen Wurf, "Enter the Void". Vor sieben Jahren beabsichtigte er vor allem, sein Publikum zu schockieren und zu faszinieren. Eine zehnminütige, explizite und brutale Vergewaltigungsszene, bei der Monica Belucci das Opfer spielte und eine visuell aufwendig rückwärts erzählte Geschichte taten ihr übriges. Selbst die Premiere verließen Hunderte von Zuschauern.
Mit "Enter the Woid" wagt er nun noch mehr: Gaspar Noé will mit seinem Film unter die Haut gehen, eintauchen in das Bewusstsein des Zuschauers, ihn mitnehmen auf einen einzigartigen Trip. Der Film entzieht sich der üblichen Erzählweise, wählt die subjektive Perspektive von Anfang an. Der Zuschauer IST also Oscar, sieht ihn nur, wenn dieser in den Spiegel sieht und ist ansonsten gezwungen, alles aus dessen Perspektive wahrzunehmen, selbst in dessen Rhythmus zu blinzeln - das Bild wird deshalb in regelmäßigen Abständen von ganz kurzen Schwarzblenden unterbrochen. Das mag alles erst einmal befremdlich wirken, ist aber ein spannendes Experiment, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Die Bereitschaft, sich auf eine ungewöhnliche Erfahrung einzulassen, die eng mit dem eigenen Unterbewusstsein verknüpft ist, ist nun mal die wesentliche Voraussetzung, um einen Drogentrip zu erleben. Und "Enter the Void" funktioniert wie ein Trip - wer hier nicht einsteigt, ist schon ausgestiegen, und wird diesen Film niemals mögen können.
Oscar raucht ein Pfeifchen DMT - eine Droge, die sofort wirkt, LSD nicht unähnlich - und los geht es. Er nimmt uns mit auf einen Ausflug ins nächtliche Tokyo, der schnell zu einer Nachtoderfahrung wird. Kleindealer Oscar wird von der Polizei erschossen, und schwebt fortan als Geist über den Menschen und Dingen, vor allem über seiner Schwester Linda, mit der er doch auf ewig vereint sein will. Gute zwei Stunden schwebt er da über allem, und die Kamera wählt stets seine Perspektive - über den Dingen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie aufwendig die Dreharbeiten und die SFX-Effekte für diese permanente Vogelperspektive gewesen sein müssen. Immer wieder bohrt sich die Kamera auch in Details, rast durch Blutbahnen, hebt winzige Teilchen durch ihre Makrofunktion hervor und endet wieder in ihrer Schwebeposition. Die letzte halbe Stunde, in der der Geist Oscars über Gästen eines japanischen Love-Hotels schwebt, die gerade Sex in diversen Stellungen praktizieren, ist äußerst amüsant - der Geist wählt aus, wo genau er wiedergeboren werden will.
"Enter the Void" ist eine freie, eine sehr freie Interpretation des Tibetanischen Totenbuchs: Es beschreibt den Prozess des Sterbens und der Wiedergeburt in drei Zwischenzuständen, die der Film als dramaturgische Struktur gewählt hat. Dies ist sicher kein Film für jeden. Aber er hat sich schon jetzt einen festen Platz in der Liste der Filme gesichert, die jeder Teenager, der sich für cool hält, gesehen haben muss.
Nana A.T. Rebhan







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( Arte Bewertung: 4 )





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