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17.10.2008 - 23.35 : tracks - 24/10/08

Entertainment through pain - Mit Skalpell und Nadel gegen Rollenklischees

Autor: Paul-Phillip Hanske


Mit Roberta Lima und Genesis P. Orridge portraitiert TRACKS zwei Künstler, die sich der Transgression verschrieben haben - und die es mit ihrer Kunst blutig ernst meinen.

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Roberta Lima sorgt für Gender-Trouble

Sie durchstecht sich die Oberschenkel und näht sie zusammen. Die 34-jährige Brasilianerin Roberta Lima macht Kunst mit ihrem eigenen Fleisch. Denn sie will das Bild des weiblichen Körpers zerstören. Zum Beispiel lässt sie sich Haut aus ihren Unterarmen schneiden, ohne Narkose. Oder aber sie verwandelt sich in ein blutiges Stück Frischfleisch.

Roberta Lima: "Ich komme aus Brasilien und dort ist der Körper der Frau stark sexuell aufgeladen und muss ordentliche Kurven haben. Ich konnte damit nie etwas anfangen und deswegen fühlte ich mich in Brasilien immer wie ein Freak. Aber seit ich in Europa bin, weiß ich, dass ich ganz einfach eine Feministin bin."

Das Donau Festival 08
Angst Obsession Beauty
vom 24. April bis zum 03. Mai 2008
In Krems, Österreich
Die Performance, die Roberta Lima beim Donaufestival in Krems aufführt, heißt „16 Stiche“. Die Künstlerin trägt ein Brautkleid – das Zeichen der weiblichen Unschuld aber auch der Entjungferung – angepinnt direkt auf ihre Haut. Sie will an ihrem eigenen Körper den Widerspruch von Lieblichkeit und Schmerz zeigen. Die riesigen Kanülen lässt sie sich tief durch ihr Fleisch treiben. Die Zuschauer gruseln oder amüsieren sich über den öffentlich zur Schau gestellten Schmerz. Roberta Limas Performance ist so etwas wie eine moderne Freak-Show. Freaks, vor allem aber Zirkus-Artisten haben die Künstlerin schon immer schwer beeindruckt.

Roberta Lima: "Zirkuskünstler sind ein sehr gutes Beispiel dafür, was ich unter subversiven Körpern verstehe. Diese Sachen faszinieren mich unglaublich – vor allem die Trapez-Künstler. Die mussten auf der einen Seite sehr feminin sein, denn die Bewegungen müssen fast wie beim Ballett sein. Aber sie sind auch sehr starke Wesen. Auf diese Weise waren Zirkusartisten die ersten Trans-Genders – und dieser Punkt interessiert mich."

Auch wenn Roberta Lima mit ihrer Kunst keine Geschlechtergrenzen überschreitet – so will sie doch für ordentlich Gender-Trouble sorgen. Richtig viel passiert bei ihrer Performance nicht – aber das Publikum wird hier mit einem anderen Bild von Weiblichkeit konfrontiert.

„Entertainment through pain“ mit Genesis P-Orridge

Auch sie – oder er? – will für Verwirrung in den Geschlechterbildern sorgen: Genesis P-Orridge. In den Siebzigern war Genesis P-Orridge der Sänger von Englands berüchtigtster Band: Der Industrial-Gruppe Throbbing Gristle. Er lief in faschistoiden Uniformen herum, machte brutalen Lärm-Sound und verstümmelte sich auf der Bühne. Vor ein paar Jahren ließ er sich zum Hermaphroditen, zu einem Zwitterwesen umoperieren. Die Operation wurde gefilmt – und dient heute als leicht schockierende Video-Projektion bei Psychic-TV-Konzerten. Mit seiner Umwandlung zum Zwitterwesen wollte sich Genesis P-Orridge an seine Lebensgefährtin, Lady Jaye, angleichen.

Genesis P-Orridge: "Es begann als Ausdruck unserer Liebe. Wir wollten einander aufsaugen - wie bei einem Orgasmus. Dieses Gefühl wollten wir die ganze Zeit haben. Also begannen wir, uns nachzumachen, uns gleich anzuziehen. Am Valentinstag 2003 ließen wir uns dann beide Brustimplantate einsetzen und wir wachten händchenhaltend aus der Narkose auf. Wir meinten es absolut ernst. Wir hatten noch mehrere gemeinsame Operationen, bis Lady Jaye im letzten Jahr starb. Und ich werde mich weiter und weiter operieren lassen, bis ich immer mehr aussehe wie sie."

Die Operationen sind für Genesis P-Orridge aber viel mehr als eine etwas freakige Liebeserklärung an Lady Jaye, die letztes Jahr überraschend an Herzversagen starb.

Genesis P-Orridge: "Ich wurde zum Hermaphroditen, dem Symbol der Zukunft, dem Ende des binären Systems. Computer sind schlechte Maschinen, denn sie arbeiten binär. Sie bestärken nur die Idee eines entweder/oder, die Spaltung in Gut und Schlecht, Kommunismus und Kapitalismus – und so weiter. Die Gesellschaft ist von einem großen Riss durchzogen. Unsere Aufgabe ist es, nach einer dritten Möglichkeit zu suchen. Das meinen wir, wenn wir von „Pandrogyn“ sprechen."

Geschlechterbilder werden weder Genesis P-Orridge noch die Künstlerin Roberta Lima abschaffen können. Aber beide sind so konsequent, wie man nur sein kann.

Erstellt: 13-10-08
Letzte Änderung: 24-10-08


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