27/09/06
Erinnerungen von Yaron Traub
aufgezeichnet von Teresa Pieschacón
Erinnerungen von Yaron Traub an Celibidache. Traub ist heute Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Orquesta de Valencia, Spanien
Künstler S-Z
- Anna und Ines Walachowski
- Interview mit dem Pianisten Lars Vogt
- Rolando Villazón und Anna Netrebko
- Salminen, Matti
- Savall, Jordi
- Seiffert, Peter
- Skride, Baiba
- Staier, Andreas
- Stromberg, Tom
- Thielemann, Christian
- Traub, Yaron
- Urmana, Violeta
- Vargas, Ramón
- Vengerov, Maxim
- Villazón, Rolando
- Volodos, Arcadi
- Wand, Günter
- Zinman, David
- Znaider, Nikolaj
Obwohl ich kein offizieller Schüler von Sergiu Celibidache war, bin ich dankbar für den einzigartigen und tiefen Einblick in die Musik, die er mir in vielen Proben und Konzerten vermittelte. Sein Charisma, seine inspirierende Musikerpersönlichkeit aber auch sein Wissen um die „Maschinerie“ eines Orchesters und Dirigierkunst, zeitigten die unglaublichsten musikalischen Ergebnisse. Diese Erfahrungen werden mich mein ganzes Leben begleiten und sind für mich ein leuchtender Wegweiser in meiner künstlerischen Laufbahn.
Mein Vater, langjähriger Konzertmeister der Israel Philharmonic, kannte Celibidache von vielen gemeinsamen Auftritten zu Beginn der 60er Jahre. „Wenn Du das Dirigieren erlernen möchtest, dann musst Du zu ihm!“, sagte er mir, als er bemerkte, dass es mir mit dem Dirigieren ernst war. Damit ich seinen Rat auch befolgte organisierte er für uns beide die Teilnahme an einem Celibidache- Seminar an der Universität in Mainz. In der gleichen Vorlesung lernte ich auch meine Frau kennen, die bereits bei den Münchner Philharmoniker engagiert war.
Ich habe lebhafte aber auch ambivalente Erinnerungen an die erste Begegnung mit Sergiu Celibidache, was wohl typisch ist, wenn einem Genie begegnet. Das Seminar fand vor Weihnachten statt, man probte einige Stücke aus dem Weihnachtsoratorium von Bach. Nachdem einige der Studenten sich abgemüht hatten mit einem simplen Choral, riss auch Celi der Geduldsfaden. Von seinem Platz aus in der hinteren Reihe dirigierte er das Werk zuende mit geradezu himmlischer Erleuchtung. Ich war ungemein beeindruckt.
Eine anderes Erlebnis hatte ich mit ihm in einer seiner Vorlesungen. Jung, naiv und des Deutschen noch nicht mächtig fragte ich ihn: "Wie kann man die Ohren entwickeln". Ich meinte natürlich "Wie kann man das musikalische Gehör entwickeln". Celi konnte der Versuchung nicht widerstehen zu spotten (was er gerne tat). "Was?“, antwortete er, „Willst Du etwa Elefantenohren haben???"
Eines der beeindruckendsten Dingen von Celibidaches Dirigierkunst war seine profunde Kenntnis der Partitur und seine Fähigkeit sein Musikverständnis zu vermitteln. Jeder Instrumentalist im Orchester wusste sofort über seine Funktion und seine Aufgabe im gegebenen Moment Bescheid. Seine Versessenheit, alle Nuancen und Details einer Partitur ans Licht zu heben führte oft zu den berüchtigten „langsamen“ Tempi. Der geneigte Zuhörer aber versank in ein magisches Klangmeer und wurde so um ein einzigartiges Erlebnis reicher. Ich hatte oft danach das Gefühl, dass ich manches Stück nicht mehr unbefangen hören konnte.
Daniel Barenboim, den ich über Celibidache kennen lernte, und der später mein Mentor und Freund wurde, erzählte unlängst, er habe Celi erzählt, er sei womöglich sein berühmtester „undercover“-Student. Ich glaube, ich selbst kann mich „glücklich“ schätzen, mit Celi, der kompromisslos und fanatisch sein konnte, auch einen richtigen Kampf ausgefochten zu haben. Diese Auseinandersetzung, die auch etliche seiner Schüler mit ihm hatten, ermöglichte mir, mich seinem Charisma zu entziehen, um meinen eigenen künstlerischen Weg zu finden. Ich erinnere mich lebhaft an eine Szene nach einem Konzert – ich wartete hinter der Bühne auf meine Frau – als er mich auf offener Bühne in Anwesenheit von vielen Musikern zurechtwies, weil ich einer Vorlesung am Tag zuvor nicht beigewohnt hatte und stattdessen den Geburtstag meiner Frau gefeiert hatte. "Du bist ein Dirigent und sonst nichts!“, herrschte er mich an. „Bis ich 35 Jahre alt war habe ich keinen einzigen Geburtstag gefeiert!" und stürmte in seiner durchgeschwitzten Konzertrobe davon.
Ich kündigte ihn später stolz an, ich würde mit Kollegen meiner Frau ein Orchester formen und ein Konzert dirigieren. Er war absolut dagegen und meinte, ich müsste erst noch zehn Jahre mit ihm lernen, bevor ich überhaupt ein Orchester dirigieren könnte. Wenn ich heute daran denke, hatte er womöglich recht. Damals aber dachte ich, er hielte mich für untalentiert. Ich hatte also meinen Auftritt. Damit war aber auch meine Beziehung zu diesen einzigartigen Mann zerstört. Dennoch besuchte ich regelmäßig seine Proben, kam durch geheime Seiteneingänge in den Saal, um ihn nicht seine Wut herauszufordern.
Nun bin ich selbst Direktor eines großen Symphonieorchesters und ich pflege die Erinnerung an diese Kraftquelle der Inspiration, die Celibidache für mich war. Oft denke ich darüber nach, „was er wohl gesagt oder getan hätte bei dieser oder jenen Passage“. Das gibt mir Mut und Kraft besonders in den Momenten, in denen ich nicht zufrieden bin mit den musikalischen Ergebnissen. Ich tröste mich mit den Umstand, dass Celibidache 40 Jahre älter war als ich. Und das lässt mich hoffen...
Aufgezeichnet von Teresa Pieschacón Raphael (Juli 2006)
Erstellt: 27-09-06
Letzte Änderung: 27-09-06