Fotogalerie
Rückblick auf das Filmfestival von Rom – in Arte Kultur
Beitrag von Gustav Hofer
Seit Beginn des Jahres sahen Italiens Hauptstädter dem ersten Filmfestival von Rom mit Ungeduld entgegen. Während die Einen der Cinema Festa Internazionale di Roma vom 13. bis 21. Oktober 2006 entgegenfieberten, betrachteten andere das Ereignis mit einer gewissen Skepsis, allen voran die Organisatoren der internationalen Filmfestspiele von Venedig. Die mehrheitlich kinobegeisterten Römer bedauerten es schon lange, auf ein eigenes Festival verzichten zu müssen. Frühere Vorstöße waren bislang stets im Sand verlaufen. Erst dem jetzigen Bürgermeister, Walter Veltroni gelang es zusammen mit Goffredo Bettini, Präsident des Auditorium Renzo Piano, den Römern zu ihrem Filmfestival zu verhelfen. Bettini stellte dafür das architektonisch beeindruckende Auditorium zur Verfügung, das vorwiegend für musikalische Veranstaltungen gebaut und 2002 eingeweiht wurde. So kamen die Römer endlich zu ihrem eigenen Filmfestival, das sich nun in eine Lücke des vollen Terminkalenders internationaler Filmfestspiele zwischen Venedig, Toronto und San Sebastian schiebt.
Den Veranstaltern war bewusst, dass sie einiges bieten mussten, um sich gegen die internationale Konkurrenz zu behaupten. Das Ziel war hoch gesteckt und das Budget mit 12 Millionen Euro großzügig bemessen. Der Einsatz hat sich gelohnt. Fast 30.000 Tickets wurden bereits im Vorverkauf gebucht und über 5.000 Akkreditierungen vergeben. Service, Logistik und Promotion standen ebenfalls unter dem Motto „nicht kleckern, sondern klotzen“. So fuhren zum Beispiel während des Festivals überall in der Stadt „Cinema“ Busse umher, die jeden Passanten, der wollte, kostenlos zu den Vorführungen brachte.
Kein Festival ohne Stars und ohne Stars kein Festival. Auch hier hatten die Veranstalter einiges aufzubieten. Nicole Kidman, Leonardo Di Caprio, Sean Connery, Harrison Ford, Monica Bellucci, Viggo Mortensen, Martin Scorsese und viele andere Großen der Filmwelt waren nach Rom gekommen. Auch Rom hatte seinen – völlig überdimensionierten – roten Teppich vor dem Auditorium, auf dem die Stars immer wieder stehen blieben, um Autogramme zu verteilen, sodass alle offiziellen Vorführungen erst mit mindestens einer Stunde Verspätung beginnen konnten. Rom feierte ein Filmfest, das in allererster Linie ein Fest für das Publikum war. Den Organisatoren dieses ersten „RomaFilmfest“ ist der schwierige Spagat gelungen, dem Publikum gute US-Produktionen zu liefern und dem Festival dennoch ein kulturell anspruchsvolles Image anzuhaften. Die ganze Stadt, bis hin zum Stand des Sockenverkäufers in der Via Veneto hatte sich mit Fotos von Fellini, Visconti, Rossellini und Mastroianni geschmückt. Überall fand man sie, die kleine Zeichen, die wahre Filmbegeisterung erkennen lassen und die Wahl der Ewigen Stadt als Austragungsort für ein Filmfestival rechtfertigen.
Im Übrigen ist den Veranstaltern Anerkennung dafür zu zollen, dass sie einen der wenigen Fauxpas der diesjährigen Mostra in Venedig wieder ausgebügelt haben: Rom würdigte den 100. Geburtstag von Roberto Rossellini und Luchino Visconti nicht nur durch eine Sondervorstellung der beiden Filme „Rom, offene Stadt“ (Rossellini) und „Ossessione“ (Visconti), sondern auch mit zwei gelungenen Ausstellungen. Eine davon befasste sich mit dem Film von Guy Maddin „My dad is 100 years old“ mit Isabella Rossellini, in der anderen wurden Kostüme und seltene Dokumente des adeligen Filmemachers Visconti gezeigt. So erfuhren beide Regisseure schließlich doch noch die Ehrung, die Italien ihnen schuldet.
Das Festivalprogramm konnte sich ebenfalls sehen lassen. In mehreren Kategorien traten über hundert Filme an. „Premiere“ und „Eventi Speciali“ waren nationalen und internationalen Premieren vorbehalten. Nicole Kidman eröffnete das Festival mit „Fur“ von Steven Shainberg. Shainberg nannte sein Werk (mit einem Anflug von Humor?) „An Imaginary Portrait of Diane Arbus“. Dahinter steht, dass es Shainberg untersagt war, Bilder der Fotografin Diane Arbus auch nur auszugsweise im Film zu verwenden. Arbus selbst tat den Film spontan als eine Art Remake von „Die Schöne und das Biest“ ab, mit lächerlich-harmlosen Figuren, in denen sich Nichts von dem trockenen, schneidenden Charakter der Fotografin wiederfindet. Angesichts dieser Aussage fällt es in der Tat schwer, in „Fur“ mehr als ein reines Fantasieprodukt zu sehen.
In „Alatriste“ mit Viggo Mortensen und Eduardo Noriega Agustin erzählt Regisseur Diaz Yanes von den Erlebnissen des Soldaten und Söldners Alatriste während des Achtzigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert. Der Titel ist Programm: 145 lange Minuten trauriger Trägheit. Da mutet Viggo Mortensons Loblied auf die „historischen“ Werke von Luchino Visconti vor Beginn der Vorstellung seltsam an ....
Martin Scorsese, von seinen römischen Fans wie ein Halbgott gefeiert, brachte mit „Unter Feinden“ (The Departed) einen ausnehmend effektreichen Beitrag mit nach Rom. Die Anleihen aus dem Hongkong-Original „Infernal affairs“ von Keung Lau und Siu Fai Mak sind nicht zu übersehen: ein Remake in bester amerikanischer Besetzung mit Leonardo Di Caprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg und Martin Sheen. Im geschickten Wechselspiel zwischen dem Undercover-Cop und dem Undercover-Mafioso bewegt sich Scorsese auf vertrautem Terrain. Sein Königsweg, der ihm vielleicht endlich den langersehnten Oscar bringen wird, jedoch diejenigen enttäuschen dürfte, die sich eventuell auf ein Fünkchen Neues von diesem erfolgreichen, produktiven Meister erhofft hatten.
In der Kategorie „Cinema 2006“ wurden 200.000 Euro Preisgeld für den besten Film vergeben. 16 Filme standen im Wettbewerb, wobei die Auswahl stärker als in anderen Kategorien, zufällig anmutete. Dabei könnte „Cinema 2006“ für die Zukunft des Festivals ausschlaggebend sein, weil Rom sich hier mit einem eigenen Profil von anderen internationalen Filmfestivals abheben könnte. Eine 50-köpfige Publikumsjury unter dem Vorsitz von Ettore Scola vergab in diesem Jahr die Auszeichnungen für den besten Film, den besten Schauspieler und die beste Schauspielerin. Die Zusammensetzung der Jury zählte zu den innovativsten Merkmalen des römischen Filmfestivals. „Jardins en automne“ (Gärten im Herbst) von Otar Iosseliani und „Le voyage en Arménie“ (Reise nach Armenien) von Robert Guédiguian liefen im Wettbewerb, obwohl man beide Filme bereits im Kino sehen konnte. Ein Verstoß gegen den Grundsatz, dass ein Festivalwettbewerb kommerziell ungenutzten Filmen vorbehalten sein soll. (Ariane Ascaride, die in „Reise nach Armenien“ die Hauptrolle spielt, bekam übrigens den Preis für die beste Schauspielerin.)Enttäuschend war auch die große Diskrepanz zwischen einzelnen Wettbewerbsbeiträgen. Besonders negativ hob sich „Nightmare detective“ von Tsukamoto Shinya ab. Dieser bluttriefende Streifen über die Suche nach der Ursache für eine Reihe mysteriöser Selbstmorde ist einfach schlecht.
Verwunderung rief die Tatsache hervor, dass „Les Ambitieux“ (Die Ehrgeizigen) von Catherine Corsini außer Konkurrenz lief. Eine Entscheidung, die vor allem die Regisseurin dieser amüsanten, im Pariser Literaturbetrieb angesiedelten Komödie überrascht zur Kenntnis nahm. Corsini besetzte die Judith mit der hervorragenden Karine Viard, mit der sie bereits in „La Nouvelle Eve“ (Die neue Eva) zusammengearbeitet hatte. Der Plot: Die kompromisslose Verlagsleiterin Judith trifft auf den jungen Schriftsteller Julien (gespielt von Eric Caravacca), der zu allem bereit ist, um nach oben zu kommen. Corsini beschäftigt sich in diesem Film wieder einmal mit ihren Lieblingsthemen Konkurrenzkampf, Erfolg und Ruhm. „Les Ambitieux“ erzählt vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte, geprägt von Misstrauen und endlosen Hoch und Tiefs, von den Ängsten, Fehlern und Schwächen moderner Menschen, die um den Preis unterdrückter persönlicher Wünsche und Bedürfnisse ständig nach Selbstverwirklichung im Beruf streben, und sie doch nie erreichen. Catherine Corsini sagt, sie habe während der Dreharbeiten hart mit ihren Schauspielern gearbeitet, um in jeder Szene das Beste aus ihnen heraus zu holen. Bei der Montage habe sie anschließend die besten Takes zusammengefügt und dabei bewusst auch auf Durchgängigkeit verzichtet, um sich dem Wesentlichen zu nähern. Herausgekommen ist ein überraschender, „bittersüßer“ Mix aus Tiefe und subtilstem Humor in einem konstant dynamischen und eleganten Umfeld. Ein gut gelungener Film.
Als bester Film des Wettbewerbs wurde die schwarze Komödie „Playing the victim“ des Russen Izobrajaya Zherty ausgezeichnet, eine moderne Adaptation von Shakespeares „Hamlet“. „Kino News“ wird sich mit diesem Film detaillierter befassen, wenn er in die Kinos kommt. Schließlich bleibt noch zu erwähnen, wen die Jury als besten männlichen Schauspieler ausgezeichnet hat: Giorgio Colangeli erhielt den Preis für seine Darstellung des Sparti. Sparti ist der Vater in „L’Aria Salata“, dem ausgezeichneten Erstlingswerk des italienischen Regisseurs Alessandro Angelini. Fabio (Giorgio Pasotti) arbeitet als Erzieher in einem Gefängnis. Dort begegnet er dem alten, störrischen Sparti. Bald begreift Fabio, dass Sparti sein Vater ist, der die Familie verließ als er noch ein kleines Kind war. Fabio ist deswegen noch immer wütend. Doch er beschließt, Sparti nichts zu sagen und dem Geheimnis nachzugehen, was den Vater seinerzeit bewog, die Familie zu verlassen. Mit seinem originellen Drehbuch und einer für ein Erstlingswerk erstaunlichen Konsequenz zeigt sich Angelini überraschend selbstbewusst. Er führt die Kamera stets ganz nah an die Schauspieler heran. Auf diese Weise gelingt es ihm, jede Regung einzufangen, ohne zu forcieren. Angelini fängt die Spannungen und Emotionen in zahllosen flüchtigen Momenten meisterhaft ein. Grandios gelingt es ihm zu zeigen, wie Fabio trotz seines aufgestauten Hasses gegen den Vater letzten Endes an dessen Stärke scheitert, denn Sparti ist ein Mann aus einer anderen Zeit, ein unüberwindbarer Fels, voller Verbitterung und Groll, aber dennoch der Stärkere. Die schwierige Beziehung der beiden Männer spitzt sich im Verlauf des Filmes zu. Diese Entwicklung ist vor allem deswegen so erschütternd, weil jeder Gedanke an Versöhnung ausgeklammert bleibt und selbst die schrittweise Annäherung von Vater und Sohn zum Scheitern verurteilt ist.
„L’Aria Salata“ zählt mit seiner sehr feinfühligen Art und seiner ungewöhnlichen Aufrichtigkeit zu den schönsten Beiträgen dieses Festivals. Ein Grund mehr, die Entscheidung der Publikumsjury zu begrüßen, Giorgio Colangeli als besten Schauspieler des Wettbewerbs auszuzeichnen, und mit ihm auch seinen Film. Schon deswegen ist Rom ein Gewinn.
Olivier Bombarda






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

