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22/02/05

Erziehung nach Auschwitz

Interview mit Dr. Matthias Heyl

Matthias Heyl ist Leiter der Pädagogischen Dienste an der Internationalen Begegnungsstätte in Ravensbrück, Autor und Herausgeber von Büchern zum Thema Erziehung nach Auschwitz.


Wie reagieren Jugendliche auf das Thema Holocaust? Haben Sie Veränderungen in den letzten Jahre beobachten können?
Es ist schwer, hier eine Aussage zu treffen, die nicht nur auf einem Ausschnitt persönlicher Erfahrungen beruht. Die sozialwissenschaftlichen Studien sind rar, die uns dazu Näheres und ausführlicher mitteilen würden. Manche nehmen eine "neue Unbefangenheit" wahr, andere eine wachsende generelle "Schlussstrichmentalität", und wieder andere aus der Generation der heute zwischen Fünfzehn- und Fünfundzwanzigjährigen behaupten, sie hätten so viel von dem Thema gehört, quasi die "permanente Projektwoche zum Nationalsozialismus", dass sie das alles nicht mehr interessiere. Fragt man die "Übersättigten" nach ihrem konkreten Wissen, tun sich ungeahnte Löcher auf - je lauter die Klagen, ließe sich sagen, desto größer das Unwissen. Da klingt das "Ich will oder ich kann es nicht mehr hören!" wie das Playback zum großelterlichen Refrain, man habe davon nicht gewusst, den eine amerikanische Journalistin unmittelbar nach Kriegsende als die "neue deutsche Nationalhymne" bezeichnete.
Ich treffe eine große Bandbreite an, und vieles ist durchaus ermutigend. Und es scheint auch das Interesse an Tätern und Zuschauern zu wachsen. Mich fasziniert es immer, wieviele Schulprojekte zum Thema "Jüdische Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler an unserer Schule" es gibt. Ich frage mich immer wieder: wo kamen eigentlich die Nazis, die Täter und Zuschauer her? Die Historikerin Monika Richarz hat einmal mit Blick auf die "Heimatgeschichten" zur nationalsozialistischen Judenverfolgung geschrieben, oft stelle sich diese als "Tat ohne Täter" dar. Das gilt es zu ändern.

Sollte also mehr über die Täter bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Unterricht gesprochen werden? Sollte jungen Leuten stärker vermittelt werden, dass auch Mitläufertum den Holocaust ermöglicht hat?
Adorno hat in seinem Aufsatz zur "Erziehung nach Auschwitz" bereits 1966 formuliert, dass es von größter Wichtigkeit sei, zu untersuchen, wie Täter zu Tätern geworden sind. Weder Eichmann noch jemand anderes wurden in SS-Uniform geboren. Und Beispiele wie das des NSDAP-Mitglieds und "Arisierungs"profiteurs Oskar Schindler zeugen davon, dass jemand auch wieder "die Kurve kriegen kann", um es etwas flapsig zu formulieren. Es war möglich, im Kleinen und im Großen. Aber der Mythos der gleichgeschalteten, ahnungslosen Gesellschaft lebt fort. Oft genug in kleinen Worten: da nennen manche noch immer Juden als "wegen ihrer Rasse Verfolgte". So ein Quatsch, aber eine alte, verquere Perspektive. Man tut so, als gäbe es eine jüdische Rasse, was wirklich Unsinn ist. Gleichzeitig behauptet man, um ihretwillen seien die Menschen verfolgt worden. Sie wurden aber wegen des Rassismus ihrer Verfolger verfolgt und ermordet. Dort, auf der Seite der Täter, muss man die Gründe suchen.

Gibt es neue pädagogische Ansätze einer "Erziehung nach Auschwitz" ? Oft wird beklagt, dass eine "Betroffenheitspädogik" Jugendliche überfordere und wenig erfolgreich sei.
Ich glaube, dass es sehr unterschiedliche Formen der pädagogischen Auseinandersetzung gibt, die Auschwitz zum Gegenstand haben, und was bei einer Gruppe "wirkt", "versagt" bei einer anderen. Was wollen wir? Ich erlebe in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, wo ich die pädagogische Arbeit verantworte, dass manche Lehrerinnen und Lehrer geneigt sind, den "Erfolg" unserer Arbeit in Tränen der Jugendlichen messen zu wollen. Manche erwarten, dass wir in einer zweieinhalbstündigen sonderpädagogischen Maßnahme mit einer gedenkstättenpädagogischen Marienerscheinung aus extrem fremdenfeindlichen kurzhaarigen Jungens gute, weltoffene Demokraten machen. Jugendliche sperren sich gegen derlei Formen einer "Choreographie" ihrer Emotionen, und ich verstehe das oft.
Ich möchte, dass die Jugendlichen, die zu uns nach Ravensbrück kommen, etwas über die Geschichte des Ortes mitnehmen, was bleibt. Es soll keiner sagen, er hätte davon nichts gewusst. Und ich möchte ihr Interesse wecken. Letztlich gilt es auch, mehr auf die Jugendlichen selbst zu hören. Und solange es möglich ist, sollten wir Überlebende und Nachgeborene zu Gesprächen und Begegnungen zusammenbringen. Manchmal helfen auch Begegnungen Gleichaltriger - etwa in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück. Aber sie sind kein Selbstzweck, sollten Unterschiede im Erinnern und Gedenken, in der Wahrnehmung dieser Geschichte nicht nivellieren.

Welche Formen der Vermittlung des Holocausts haben sich in den vergangenen Jahrzehnten bewährt?
Ich weiß es nicht, oder nur sehr bedingt. Woran bemessen wir das? Ein niederländischer Kollege überschrieb vor Jahren seinen Aufsatz zu dieser Frage mit "It's a long and winding road". Vielleicht sage ich etwas, was auf den ersten Blick merkwürdig klingt: um über dieses Thema reden zu können, ohne selber zu erkalten, braucht man ein Herz und einen guten Humor. Man benötigt die Kompetenz, Ausgleich zu schaffen. Und ein gewisses Misstrauen den eigenen Verdrängungswünschen gegenüber.

Interview: Yvonne von Zeidler Nori


Erstellt: 19-01-05
Letzte Änderung: 22-02-05