„Wenn es um die Filme von Jacques Demy geht, werd ich zur Tigerin“Auf der Berlinale 2004 war Agnès Varda gleich mit zwei Werken vertreten. Mit ihrem neuen Kurzfilm „Le lion volatile“ (Der flüchtige Löwe) und mit einem bereits 1970 entstandenen Werk „Peau d’âne“ (Eselshaut) von dem sie in Berlin eine restaurierte Fassung vorstellte. Die Witwe von Jacques Demy investierte viel, um einem Kinoklassiker ein neues Gewand zu verleihen
ARTE: Wie haben Sie „Peau d’âne“ restauriert?
Agnès Varda: Ich habe mehrere Monate mit Mathieu und Rosalie Demy an der Restaurierung von „Peau d’âne“ gearbeitet. Der Film war in einem schlechten Zustand. Die Rechte waren abgelaufen. Deshalb war er die letzten vier Jahre, wie man sagt, eingefroren. Wir mussten Bild und Ton restaurieren. Das ist sehr aufwendig und kostet sehr viel Geld. Die Bilder werden eingescannt, digitalisiert und dann wieder abfilmt, und zwar so, dass sich die neuen Bilder in den alten Streifen einfügen lassen. Dazu muss man die Originalfarben genau treffen. Für die Tonspur braucht man einen Spatializer. Auf jeden Fall ist das Ganze sehr zeitaufwendig. Man benötigt viel Geduld, muss sehr sorgfältig und mit Gefühl arbeiten, damit das Ergebnis gut wird. (…) Wir waren viel bei Eclair, wo wir die Farben für jede einzelne Einstellung neu abstimmten. Wenn man einen Film digital neu auflegen will, muss man an alles denken und ständig dabei sein, auch bei der Tonmischung, bei der Vorbereitung der Presseunterlagen, der Neugestaltung und dem Druck der Plakate usw. … Die digitale Fassung ist in den Pariser Kinos gezeigt worden und auf DVD erschienen. Außerdem haben wir eine sehr schöne DVD mit vielen „Extras“ produziert. (…) Meine Kinder und ich freuen uns deshalb sehr, dass Dieter Kosslick, der Leiter der Berlinale, den „Peau d’âne“ im Spezialprogramm der Berlinale gezeigt hat. Nur so, zum Vergnügen, just for Fun.
Ist „Peau d’âne“ der erste Film von Jacques Demy, den Sie restauriert haben?
Nein, es ist nicht der erste. Ich habe „Die Regenschirme von Cherbourg“, „Die Mädchen von Rochefort“ und „Eselshaut“ restauriert, so wie ich es angekündigt hatte. Ich habe immer gesagt, dass ich drei Werke von Jacques restaurieren werde. Wie schon gesagt, einen Film restaurieren kostet viel Zeit und Energie, ist aber auch sehr befriedigend, denn wenn man mit der Arbeit fertig ist, ist der Film wieder genauso schön wie das Original.
Ich mag es nicht, wenn Filme verfallen. Vor allem nicht, wenn es Filme von Jacques Demy sind. Da werde ich zur Tigerin. Nicht etwa, weil ich glaube, mit ihnen machen zu können, was ich will, ganz und gar nicht. Er hatte seine Art zu arbeiten und ich meine. Doch meine Kinder und ich möchten nicht, dass Jacques Filme in Vergessenheit geraten oder in einem schlechten Zustand gezeigt werden, mit Löchern, Streifen und verblichenen Farben. Die Produzenten waren oft froh, die Filme zu besitzen, doch für ihre Restaurierung wollten sie kein Geld ausgeben. Deshalb liefen sie so wie sie waren, mit blassen Farben, voller Schäden. Was wir tun, kann man Verwertung nennen, doch im Vorfeld dazu restaurieren wir das Werk sehr gewissenhaft und mit sehr viel Fingerspritzengefühl. Die Experten von Eclair haben wahre Wunder vollbracht. Alles ist jetzt neu und schön. Dass wir eine DVD-Ausgabe gemacht haben, entspricht dem Trend. Die Leute wollen sich die Filme heute zu Hause anschauen, darüber reden, bestimmte Szenen mehrmals ansehen und mehr über das Entstehen und die Hintergründe erfahren. Dazu eignet sich eine DVD besonders gut. Sie ist ein zeitgemäßes Kommunikationsmittel, das ich selbst nutze und mit dem ich auch arbeite. Aus diesem Grund habe ich auch zwei oder drei Monate investiert, um die entsprechenden „Extras“ rund um „Eselshaut“ zusammen zu stellen.
Welche Rolle spielten Sie bei der Entstehung des Films?
Ich habe mich nie in Jacques Dreharbeiten eingemischt. Umgekehrt übrigens auch nicht. Unsere Filme sind sehr verschieden. Sie unterscheiden sich in Form und Inhalt. Ich bewundere Jacques Filme unter anderem auch deswegen, weil ich sie mir selbst nie hätte ausdenken können. Und selbst wenn, wäre ich wahrscheinlich nicht fähig gewesen, sie zu drehen. (…) Meine Restaurierungsarbeit ist nur ein ganz bescheidener Beitrag zu „Peau d’âne“, eine Ergänzung. Ich habe ja am Original nichts verändert, sondern nur den alten Zustand wieder hergestellt. Jeder Techniker hätte das vielleicht genauso gut gekonnt wie ich, nur dass ich mehr Herzblut investiert habe.
Wie kam Jacques Demy auf die Idee, „Peau d’âne“ auf die Leinwand zu bringen?
Jacques liebte Märchen sein Leben lang. Während unseres gemeinsamen Aufenthalts in den USA von 1967 bis 1969, drehte er einen sehr schönen amerikanischen Film „Model Shop“ (Das Fotomodell). Danach wollte er zurück nach Frankreich. Er fühlte sich in Frankreich sehr wohl, war mit der Kultur und den Bräuchen dieses Landes sehr vertraut. Und mit seinen Märchen. Das alles wieder zu finden, machte ihm sehr viel Freude. Und da hat er sich unter allen Märchen von Perrault das eigenartigsten ausgesucht, um daraus einen Film zu machen. Die Geschichte ist ja auch sehr seltsam: Einerseits der Vater, der seine Tochter heiraten möchte, von seinem Vorhaben nicht abzubringen ist, und anderseits die Tochter, die sich vor dem Vater in einer Eselshaut versteckt. Jacques mochte dieses Märchen sehr.
Waren Sie bei den Dreharbeiten dabei?
Von allen Projekten, die Jacques gemacht hat, war ich bei den Dreharbeiten zu „Peau d’âne“ am häufigsten am Set. Es war zauberhaft! Einmal ging ich zusammen mit Rosalie hin. Sie trug ein hübsches Kleid und durfte deshalb bei den Statisten mitmachen. Bei den Aufnahmen zu Jacques anderen Filmen war ich nicht oft am Set. Aber ich habe ihn häufig an seine Drehorte begleitet, nach Chambord, in die Ile de France. Die Regionen Pays de la Loire und Ile de France haben uns übrigens bei der Restaurierung von „Peau d’âne“ finanziell unterstützt, weil wir in diesen wunderschönen Landschaften gedreht hatten. Ansonsten unterschied sich die Arbeit am Set wenig von Jacques anderen Dreharbeiten. Er war glücklich, wenn er drehen konnte und er mochte seine Schauspieler. Schließlich hatte er auch einige Filmgrößen aufzubieten: Jean Marais, nicht schlecht, Jacques Perrin, und bei den Frauen die wunderbare Delphine Seyrig, und die ebenso wunderbare Catherine! Er war glücklich. Mehr gibt es zu diesen Dreharbeiten eigentlich nicht zu sagen. Alles lief bestens.
Interview: Lionel Jullien
Foto von Agnès Varda: Pierre Terraz






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