In Griechenland tut sich besonders der Dichter Rigas Velestinlis, geboren 1757, hervor, indem er durch Lieder Nationalidentität schafft und politischen Einfluss gewinnt. Weite Verbreitung finden beispielsweise seine volkstümlichen Kampfgesänge, in denen er zum Sturm auf die „Stadt der sieben Hügel“ (Konstantinopel) aufruft. Außerdem entwickelt er eine Wandkarte, auf der die von den Griechen seit der Antike kolonisierten Landschaften verzeichnet sind. Der politisch orientierte Dichter gründet eine geheime revolutionäre Gesellschaft und verfasst ein Befreiungsprogramm für die Balkanvölker unter dem Titel „Große Idee“, der die Idee eines „Groß-Griechenland“ propagiert. Dieser neue republikanische Staat soll den gesamten Balkan und Kleinasien umfassen und unter griechischer Führung stehen. Velestinlis ist geistiger Vorkämpfer und erster Märtyrer des griechischen Freiheitskampfes gegen die Türkenherrschaft. Doch er wird verraten und 1798 wegen Hochverrats in Belgrad hingerichtet.

(19. Jahrhundert)
Folge 5 der 6-teiligen Geschichtsreihe „Wir Europäer!“
WDR/ORF/MDR/arte
Produktion: TAG/TRAUM, Köln
in Co-Produktion mit Fischerfilm, Wien

Auf wirtschaftlicher Ebene kommt es ebenfalls zu Umwälzungen: Die Industriegesellschaft stürzt die Agrargesellschaft. Eine aufstrebende Industrialisierung verspricht Wohlstand. Einer, der von dieser Entwicklung profitiert, ist Alfred Krupp, geboren 1812 in Essen. Krupp ist ein Unternehmer, der Patriotismus und Geschäft zu verbinden weiß. Im Ausland wird Krupp mit dem politisch und wirtschaftlich aufstrebenden Preußen-Deutschland identifiziert. Dieses „Label“ ist ihm sehr willkommen, denn sein Patriotismus ist nicht nur eine Geisteshaltung, sondern Kalkül für seine Verkaufsstrategie. 1866 schießen Krupps Kanonen den Weg frei zur nationalen Einheit der Deutschen. Mit der erfolgreichen Reichsgründung wird das Deutsche Reich bis 1900 zur größten europäischen Wirtschaftsmacht.
Zugleich entsteht mit der Nationenidee aber auch „das Fremde". Man erkennt sich selbst, indem man sich vom Anderen abgrenzt. Minderheiten entstehen. Eine nationale Kultur löst die internationale Kultur Alt-Europas ab. Französisch ist nicht mehr länger die herrschende Kultursprache.
Erfolg und Wohlstand helfen, Nationalbewusstsein zu entwickeln und eine neue Heimat zu erkennen. Schnell wird die eigene Nation mit Größe und Überlegenheit gleichgesetzt und Europa in Nationalismusdünkel verwickelt. Gegenmittel wie Pazifismus, Sozialismus und Internationalismus setzten ebenfalls ein - werden jedoch vom wachsenden Nationalgedanken überdeckt.
Die Konkurrenz der Nationen schafft eine neue Qualität ideologischer Feindschaft, die an religiöse Intoleranz erinnert. Ein ungehemmtes Aufrüsten beginnt. Diese bedrohliche Entwicklung erkennt die Pazifistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner, geboren 1843 in Prag, frühzeitig. Sie ist keine Gegnerin des Nationengedankens an sich, weist aber konsequent darauf hin, dass es mit dem „romantischen Nationalismus“ vorbei ist und stattdessen aggressives Waffengeklirr, nationaler Überlegenheitspathos und imperiales Sendungsbewusstsein von den europäischen Nationen Besitz ergriffen hat. Dagegen setzt sie die internationale Idee des Pazifismus, der Abrüstung und Konfliktregelung. In ihren Schriften sieht sie voraus, dass der überzogene Nationalismus die europäischen Völker in Kriege stürzen wird. Jede Nation versteht sich als Mittelpunkt der Welt. Der nationale Narzissmus mündet in die Weltkriege des 20. Jahrhunderts.







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