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Wir Europäer! (6/6) - 26/11/08

Europa erfindet sich neu

20. Jahrhundert


„Wir Europäer“ erzählt die gemeinsame Geschichte zahlreicher Länder innerhalb Europas, die im Laufe von Jahrhunderten die in ihr lebenden Menschen nachhaltig geprägt hat - weit über Landesgrenzen hinaus. Dabei interessieren die wesentlichen Ideen und Entwicklungen, die Europa definieren und die Europäer bis heute charakterisieren und beschäftigen. Im Mittelpunkt jeder Folge steht eine zentrale Idee, die ihre Epoche grundlegend geprägt hat.
Folge 6- Europa erfindet sich neu - beschäftigt sich im 20. Jahrhundert mit dem Thema „Was ist aus den europäischen Ideen und Idealen geworden? Durch die Katastrophen des Jahrhunderts zur Neuerfindung Europas.“ Durch die exemplarischen Lebenswege der vier Persönlichkeiten Dolores Ibarruri, Hannah Arendt, Jean Monnet und Vaclav Havel wird Geschichte personifiziert und damit spannend und erlebbar gemacht.

„In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen“, sagt der englische Außenminister angesichts des Ersten Weltkrieges (1914-1918). Acht Millionen Tote, über 16 Millionen Verwundete - nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder an der „Heimatfront“ sind traumatisiert. Europa steht unter Schock - und hat keine Zeit, sich davon zu erholen. Nur 20 Jahre später beginnt Deutschland auch den Zweiten Weltkrieg (1939-1945).

Hannah Arendt, geboren 1906 in Hannover, eine jüdische Publizistin und Gelehrte, ist eine der ersten, die frühzeitig bemerkte, dass das nationalsozialistische Regime wieder in den Krieg führen wird und dass es aktiv zu bekämpfen sei. Sie steht damit im Gegensatz zu vielen gebildeten Deutschen, teilweise sogar mit jüdischem Hintergrund, die sich mit dem Nationalsozialismus arrangieren wollten. In ihren bis heute prägenden Schriften kreist Arendt um ein Konzept von „Pluralität“ im politischen Raum: Demnach besteht zwischen Menschen eine potentielle Freiheit und Gleichheit in der Politik, die verlangt, regelmäßig die Perspektive des anderen einzunehmen. Diese Einstellung wird erst später als wirksam und wertvoll erkannt und immer wieder aufgegriffen werden, um bei der erneuten Annäherung der europäischen Nationen zu helfen.

Aber nicht nur weltweit, auch innerhalb der Nationen wird gekämpft. So tobt der Spanische Bürgerkrieg von 1936 -39. Einer seiner bedeutendsten Politikerinnen ist Dolores Ibárruri Gómez, geboren 1895 und genannt „La Pasionaria“. Die kämpferische Frau aus einfachsten Verhältnissen und ohne Bildungshintergrund wird eine der wichtigsten Sprecherinnen der Kommunistischen Partei (PCE). Sie ist eine begnadete Rednerin, die Menschen mitreißen kann. Ibárruri gilt als überzeugte Stalinistin, setzt sich aber ebenso leidenschaftlich für die Verbesserung der Frauenrechte ein. Sie wird von den spanischen Behörden verfolgt und mehrmals verhaftet. Von ihr stammt der viel zitierte Satz: "Lieber stehend sterben, als auf Knien leben".

Die Weltgeltung der europäischen Mächte ist durch die zahlreichen Kriege verspielt, Amerika wird an ihre Stelle treten. Dennoch gehen in Europa - auch mit US-Hilfe - die Lichter langsam wieder an. Der Eiserne Vorhang, der den Kontinent seit Ende des Zweiten Weltkrieges trennte, fällt und die Nationen nähern sich einander wieder. Eine bedeutende Rolle dabei spielt Jean Monnet, geboren 1888 in Cognac. Er gilt als einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft und wird als "Vater Europas" bezeichnet. Vor seiner politischen Karriere in Frankreich vollzog er eine beeindruckende und internationale Wirtschaftskarriere: Am bekanntesten wurde er als der Architekt, der die Pläne zum Zusammenschluss der westeuropäischen Schwerindustrie verwirklichte. Er avancierte er zu einem der einflussreichsten Wirtschaftslenker Europas.

Europa erfindet sich neu
(20. Jahrhundert)
Folge 6 der 6-teiligen Geschichtsreihe „Wir Europäer!“
WDR/ORF/MDR/arte
Produktion: TAG/TRAUM, Köln
in Co-Produktion mit Fischerfilm, Wien
In den 90er Jahren überwinden weitgehend friedliche Revolutionen die Diktaturen des Kommunismus. So beispielsweise die „Samtene Revolution“, die für den politischen Systemwechsel der Tschechoslowakei vom autoritären Sozialismus zu einem demokratischen System steht. Maßgeblich beteiligt daran ist Václav Havel, geboren 1936 in Prag.1989 wird er auch Präsident der Tschechoslowakei. Unter anderem durch sein Wirken vollzieht sich der Wechsel innerhalb weniger Wochen und weitgehend gewaltfrei. 1998 wird Havel der Westfälischen Friedenspreis und 2004 die Freiheitsmedaille („The Presidential Medal of Freedom“) verliehen, die höchste zivile Auszeichnung in den USA.

Europa besteht nun aus vielen neuen Nationen auf der Basis demokratischerer Verfassungen und hat sich auf Grundlage typisch europäischer Errungenschaften, die im Verlauf gemeinsamer Geschichte entstanden sind, abermals erfunden. Am Ende der Epoche scheint der alte Kontinent wie Phoenix aus der Asche wieder auferstanden zu sein.

Die sechste und letzte Folge der Reihe resümiert, was das 20. Jahrhundert aus den europäischen Errungenschaften, die in den fünf vorangegangenen Folgen vorgestellt wurden, gemacht hat:

- Was ist aus dem Individualismus geworden? Wie Mündigkeit und freier Geist (die Grundwerte moderner europäischer Identität) verschwinden und ihre Bedeutung zurück erlangen (Europa beginnt zu denken, Folge 1).
- Was wird aus dem Kapitalismus? Wie der Kommunismus dagegen gesetzt und wieder überwunden wird (Europa erfindet den Kapitalismus, Folge 2).
- Was ist aus den Ideen von Frieden und Freiheit geworden? Wie sie gänzlich verloren gehen und neu gewonnen werden (Europa erringt den Frieden, Folge 3 und Europa erkämpft die Freiheit, Folge 4).
- Was hat sich die Idee von Nation und Volkssouveränität entwickelt? Wie sie zerstört und wieder entdeckt wird (Europa entdeckt die Nation, Folge 5).

Wir Europäer!
Sonntag 9. Mai 2010 um 18.15 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2008, 44mn)
WDR

Erstellt: 11-11-08
Letzte Änderung: 26-11-08