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Wir Europäer! (4/6) - 26/11/08

Europa erkämpft die Freiheit

18. Jahrhundert


„Wir Europäer“ erzählt die gemeinsame Geschichte zahlreicher Länder innerhalb Europas, die im Laufe von Jahrhunderten die in ihr lebenden Menschen nachhaltig geprägt hat - weit über Landesgrenzen hinaus. Dabei interessieren die wesentlichen Ideen und Entwicklungen, die Europa definieren und die Europäer bis heute charakterisieren und beschäftigen. Im Mittelpunkt jeder Folge steht eine zentrale Idee, die ihre Epoche grundlegend geprägt hat.
Folge 4 - Europa erkämpft die Freiheit - beschäftigt sich im 18. Jahrhundert mit dem Thema „Wir sind das Volk: Freiheit und Mitbestimmung statt Herrscherwillkür.“ Durch die exemplarischen Lebenswege der drei Persönlichkeiten Oliver Cromwell, Marie Gouze und Tadeusz Kosciuszko wird Geschichte personifiziert und damit spannend und erlebbar gemacht.

Im 18. Jahrhundert fechten die Europäer im Namen der Freiheit heftige Kämpfe aus. Es geht sowohl um die Freiheit des Einzelnen, als auch um die des Volkes. Herrschaftssysteme und Gesellschaftsordnungen werden gründlich verändert, erste Demokratien entstehen und neue Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Gemeinwohl prägen die europäische Mentalität nachhaltig.

Europa erkämpft die Freiheit
(18. Jahrhundert)
Folge 4 der 6-teiligen Geschichtsreihe „Wir Europäer!“
WDR/ORF/MDR/arte
Produktion: TAG/TRAUM, Köln
in Co-Produktion mit Fischerfilm, Wien
Als Mutterland der Freiheitsbewegung gilt Frankreich mit seiner französischen Revolution. Im Paris des Jahres 1789 ertönt: „Die Natur hat die Menschen frei und gleich geschaffen“. Nachahmer gab es überall auf der Welt und weniger auffällige Vorläufer dieses Freiheitskampfes in England. So forderte der Engländer Oliver Cromwell, geboren 1599 in Huntingdon, eine dauerhafte Repräsentation des neuen Bürgertums im Parlament, ohne dessen Zustimmung Beschlüsse des Königs Charles I. keine Gültigkeit haben. Er kämpft gegen einen uneinsichtigen, absoluten Herrscher „von Gottes Gnaden“, der keine Einschränkung seiner Machtbefugnis duldete. Als der englische König sich weigert, erzwingt Cromwell mit seiner „neuen“ Armee, der „New Model Army“, seine Ziele, klagt den König des Hochverrats an und läst ihn hinrichten. Damit wird in Europa zum ersten Mal ein Präzedenzfall geschaffen: eine Regierung ohne Monarch.

In Frankreich gehen die Revolutionäre ähnlich konsequent mit ihrer Herrscherin um: Auch Marie Antoinette wird geköpft. Sie soll den bekannten Satz „Wenn Sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen“, hinterlassen haben. Diese Willkür, nach der die Herrschaft soziale Fürsorge nach Gutdünkel verteilt, soll ein Ende haben. Die Aufklärung geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus gleich ist und dass nur die Gesellschaft den Menschen ungleich mache.

Doch auch die Revolutionen sorgen nicht für vollkommene Gleichberechtigung, beispielsweise in der Geschlechterfrage. Frauen haben nach wie vor bedeutend weniger Rechte als Männer. Das beschäftigt auch Marie Gouze, geboren 1748 in Montauban und bekannt unter dem Namen „Olympe de Gouges“. Durch ihre öffentlichen Auftritte, Reden, Plakataktionen und Theaterstücke vor, während und nach der Französischen Revolution macht sie den vorwiegend männlichen Revolutionsverwaltern deutlich, dass der Freiheitsbegriff genauso für Frauen gelten muss. Sie kämpft gegen die „herr“-schenden Verhältnisse im doppelten Wortsinn: gegen die Machthaber aus Monarchie, Aristokratie und Klerus und gegen Männer, die Frauen, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Position, keinerlei Rechte zugestehen wollen. Doch ihre „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ von 1791 findet erst im 20. Jahrhundert Eingang in die Verfassung Europas. Sie wird im Terrorjahr 1793 auf dem Schafott hingerichtet.

Die Demokratisierung Europas setzt sich dennoch weiter fort: Der Mensch soll nun nur noch dem eigenen Willen gehorchen und nicht länger einem fremden unterworfen sein.

Dieser Auffassung war auch Tadeusz Kosciuszko, Freiheitskämpfer aus Polen. Inspiriert von Studienaufenthalten in Frankreich und praktischen Erfahrungen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, kämpfte er innerhalb Polens gegen die Privilegien des Adels, der den überwiegenden Teil der Bevölkerung unterjocht und in einem recht- und bildungslosen Zustand belässt. Als Preußen und Russland den polnischen Versuch einer freiheitlichen, republikanischen Verfassung durch eine Invasion beenden, fordert Koscuiszko mit dem von ihm organisierten Aufstand die Freiheit der Nation - erfolglos. In der Schlacht von Maciejowice 1794 wurde er verwundet und geriet in die russische Gefangenschaft.

Doch er ist ein Beispiel dafür, dass die persönliche Freiheit Motor für die Freiheit des Volkes ist. Volkssouveränität statt Herrscherwillkür setzt sich nach und nach durch. Statt Zensur gilt nun Meinungs- und Pressefreiheit. Die Gesellschaftsschicht der Bürger wird stärker: „Wir sind das Volk“ rufen sie und stürzen im Namen der Freiheit ihre Herrscher. Absolutistische Regime werden enthauptet, Nationen und Demokratien geboren.

Wir Europäer!
Sonntag 9. Mai 2010 um 16.15 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2008, 44mn)
MDR

Erstellt: 11-11-08
Letzte Änderung: 26-11-08