"20 years of Being Confused" schreibt sich das European Media Art Festival in Osnabrück auf seine Poster. In diesem Jahr wurde es bereits zwanzig Jahre alt. Volljährig ist es also schon länger und dennoch immer noch angenehm „verwirrt“.
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| Logo des European Media Art Festival |
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„Verwirrt“ in dem Sinne, dass hier eine Verschmelzung stattfindet. Das European Media Art Festival ist Schnittstelle von Kunst mit Film mit Video mit visueller Performance. Vom 25. bis 29. April 2007 verwandelte sich Osnabrück, die Stadt „des Friedens“ in die Metropole der internationalen Medienkunst. Rund 200 neue Medienkunstarbeiten wurden in thematisch organisierten Programmeinheiten gezeigt, darunter viele Welt- und Uraufführungen. Das Festival, das sich in seinen Anfängen ganz dem Experimentalfilm widmete, zeigt Film als Kunstwerk für Kinos, in Ausstellungen und auch in Performances.
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| Candice Breizt Ausstellung "Mother" |
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Ein besonderes Highlight des Festivals ist die Ausstellung „Final Cut – Medienkunst und Kino,“ die noch bis zum 20. Mai in der Kunsthalle Dominikanerkirche zu sehen ist. Internationale Künstler wie Paul McCarthy, Alex Mc Quilkin, Mischa Kuball, Klaus von Bruch, Candice Breitz, Mark Lewis, Christoph Girardet, Bjørn Melhus, Peter Tscherkassky, Christoph Draeger und Clemens von Wedemeyer haben sich Gedanken gemacht über die Codes des Kinos und über ihre eigene Faszination mit diesem Medium. Sie haben es kritisch hinterfragt und beschäftigen sich mit den medienspezifischen, politischen, sozialen und psychologischen Aspekten des Kinos. Ergebnis sind künstlerische Arbeiten, die mit Sehgewohnheiten brechen und diese dadurch dem Zuschauer umso deutlicher vor Augen führen. Candice Breitz etwa konzentriert Filmszenen in ihrem Videoloop „Mother.“ Auf sechs Monitoren laufen sehr kurze, ausgewählte Szenen aus Hollywoodfilmen, in denen es um das Thema Mutterschaft geht. Meryl Streep, Susan Sarandon, Diane Keaton, Shirley McLaine, Julia Roberts und Faye Dunaway geben ihr Bestes. In der Installation sind sie vor schwarzem Hintergrund freigestellt auf den Monitoren zu sehen, die miteinander in einen Dialog treten. Auf Monitor Nummer drei etwa schreit Julia Roberts „Gib mir mein Kind zurück!“ während Susan Sarandon auf Monitor Nummer fünf in Schluchzen ausbricht und jammert: „Ich konnte doch nichts dafür...“ Eine faszinierende Sampling-Choreografie.
Clemens von Wedemeyers Installation „Big Business“ ist eine Neuinterpretation eines anarchisch-komischen Stummfilm-Klassikers von 1929. In dem gleichnamigen Slapstick Film „Big Business“ zerlegen Laurel und Hardy ein Auto. Auch in von Wedemeyers Installation wird ein Auto von Männern zerlegt, der Film wird auf eine große Leinwand projiziert. Der Film wirkt sehr aggressiv, jegliche Komik des Originals ist verloren gegangen. Erst wenn man sich das „Making Of“ ansieht, das im selben Raum auf einem eher kleinen Monitor zu sehen ist, wird die Absicht des Künstlers klar. Von Wedemeyer hat in der Jugendhaftanstalt Waldheim gedreht, die Protagonisten seines Films sind die Gefangenen. Der Künstler will herausfinden, was passiert, wenn der Film und seine Fiktion mit der Realität ihrer Entstehung konfrontiert werden.
Weiterer Bestandteil des EMAF war erneut das Internationale Studentenforum, das sich als Kontakt- und Medienbörse versteht. Hier fanden Studenten diverser Kunstakademien und Designhochschulen zusammen, es gab eine Ausstellung der besten studentischen Arbeiten.
Die Abende boten jeweils die Möglichkeit, elektronischen Klängen zu lauschen und dabei visuell auf hohem Niveau unterhalten zu werden. So faszinierte etwa die Gruppe D-Fuse aus London mit einer live gemixten Performance. Matthias Kispert und Barney Steel reisten durch Shanghai, Guangzhou und Chongqing und sammelten dort Bilder von Stadtansichten und Geräusche. In ihrer Live-Performance Latitude [31°10N/121°28E] verbinden sie diese miteinander. Es entsteht eine Vielfalt an Bildern und Klängen, die das urbane Leben der exotischen Metropolen beschreiben, verdichten und neu komponieren. Inspiriert wurden sie von der Idee, sich durch eine Stadt treiben zu lassen, die Sogwirkung, die ihre Bilder- und Geräuschwelten entfalten sind beeindruckend.
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| Addictive TV: The eye of a pilot |
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Die anderen Stars der britischen AV-Szene, Addictive TV sorgten in einer weiteren Performance für intelligente Unterhaltung. Sie remixten das 8mm Farbfilmmaterial, das der Pilot Raymond Lamy auf seinen Flugreisen in den 50er Jahren filmte. Addictive TV entführten das staunende Publikum nach Karachi, Ivory Coast, Saigon, Tahiti und San Francisco. „The Eye of the Pilot“ lenkt das Interesse auf Orte und auf das Reisen an sich – beides ist längst nicht mehr so exotisch in einer Welt der Billigflieger. Vor wenigen Monaten wurde Addictive TV vom DJ Magazine erneut zu den weltbesten VJs gekürt.
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Unter dem Begriff „D-Fluxx“ wurden auf einem Kongress verschiedene Positionen und Strömungen in der Medienkunst vorgestellt. Mischa Kuball und Martin Lorenz stellten etwa Jean-Luc Godards Werk anhand von Ausschnitten seiner Arbeit vor, und der Künstler Mark Lewis erzählte über seine Arbeiten, die auch in der Ausstellung „Final Cut“ zu sehen sind. Birgit Hein, Professorin an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HFBK) war Ehrengast des Festivals. Sie hielt eine Vorlesung und präsentierte verschiedene Filmprogramme, darunter Andy Warhols „Kitchen“ (1965), in dem in einer weißen Küche ein Mord begangen wird, und „Beautiful Filmjewels“, diverse Kurzfilme von Jack Smith aus den Jahren 1957-1968.
Einige dieser spannenden Programmteile entgingen mir allerdings, denn ich – Autorin dieses Artikels – war in der diesjährigen Jury, die den Preis der deutschen Filmkritik an den Besten Deutschen Experimentalfilm vergeben hat. Die deutschen Experimentalfilme wollten natürlich alle erstmal von unserer Jury gesichtet werden, und es waren nicht wenige: über 77. Das ist Arbeit, viel Arbeit und es kostet viel Zeit. Schließlich will man ja jedem Werk gerecht werden. Die anderen drei Jury-Mitglieder kannten das Festival seit seiner Gründung, einer von ihnen ist sogar Gründungsmitglied. Wir hatten eine sehr gute gemeinsame Zeit. Nach der Sichtung so vieler Experimentalfilme begann ich noch experimenteller als sonst zu träumen. Schwierig war es, sich für einen einzigen Gewinnerfilm zu entscheiden, denn gerade experimentelle Filme verfügen über eine unglaubliche Vielfalt an Ausdrucksmitteln, weil sie ja auf jegliche Handlung verzichten können – wenn sie wollen. Schließlich entschieden wir uns – nach langen Diskussionen – für Jan Peters Film „Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde.“ Unsere Jury-Begründung: Peters gelingt es, die gesellschaftliche Realität von Arbeitslosigkeit und Minijobs so humorvoll wie hintersinnig zu kommentieren und sie gleichzeitig pointiert bloß zu stellen. Dabei nutzt er souverän und auf vielfältige Weise die Möglichkeiten des Experimentalfilms – eine Satire, die Performance, Fiktion, Dokumentation und Experiment beständig miteinander verknüpft. Jan Peters konnte bei der Preisübergabe, am Samstag den 29.4. leider nicht anwesend sein – aber über eine Videoverbindung konnten wir ihn live auf die große Leinwand projizieren. Eine durchaus angemessene Alternative für ein Medienkunstfestival, wie ich finde.
Nana A.T. Rebhan