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Stanley Kubrick

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Stanley Kubrick

Stanley Kubrick - Reihe - 26/10/07

Eyes wide open – Kubricks Visionen

Interview mit Jan Harlan


Stanley Kubrick war einer der letzten großen Autorenfilmer. Seine Filme prägen das Kino bis heute, seine Bilder brannten sich ins kulturelle Gedächtnis ein. Zur Retrospektive seiner Filme auf ARTE sprach das ARTE Magazin mit Jan Harlan, seinem Schwager und langjährigen Mitarbeiter.

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„Stanley war mit meiner Schwester verheiratet, da lernt man sich beim Tischtennis kennen, beim Spielen mit den Kindern …“, erzählt Jan Harlan. Eines Tages fragte ihn sein Schwager, ob er ihm nicht bei der Realisierung eines Films über Napoleon helfen wolle. Der Film wurde nie gedreht, doch Jan Harlan begleitete fortan als ausführender Produzent so erfolgreiche Produktionen wie „The Shining“, „Full Metal Jacket“ oder „Eyes Wide Shut“. Nach Kubricks Tod drehte er den preisgekrönten Dokumentarfilm „Kubrick – Ein Leben für den Film“, der am 21. November auf ARTE ausgestrahlt wird. Mit dem ARTE Magazin sprach Jan Harlan über die Arbeit und die Ansprüche seines Schwagers und Freundes.


ARTE: Herr Harlan, Stanley Kubrick hat mit seinen Filmen alle Genres einmal durchdekliniert – vom Antikriegsfilm über Horror und Komödie bis hin zu Science-Fiction. Hat er sich in keinem Genre wiedergefunden?
Jan Harlan: So unterschiedlich die Filme sind, tragen sie doch alle eine Handschrift, haben sie doch alle einen gemeinsamen Nenner: die menschliche Eitelkeit und Emotion, die stärker ist als unser Wissen, unsere Bildung und unsere Fähigkeit, analytisch zu denken. Das sehen wir beispielsweise, wenn wir uns verlieben, dann ist alle Logik weg, das sehen wir auch bei den emotionalen Reaktionen auf den 11. September 2001.

ARTE: Wieso hat Kubrick sich so sehr für die Macht der Emotionen interessiert?
Jan Harlan: Weil er sich selbst nicht ausgeschlossen hat. Jede große Kunst, jede Tat wird letztlich von Gefühlen bestimmt: große Oper, große Musik, große Dichtung … Und wenn Stanley vor irgend etwas Angst hatte, dann wahrscheinlich davor, von seinen eigenen Emotionen in die Irre geleitet zu werden.

ARTE: Sie standen fast 30 Jahre lang mit Stanley Kubrick am Filmset. Wie war das Arbeiten mit ihm?
Jan Harlan: Anstrengend und sehr spaßig. Er war ein ganz toller Typ, ein warmherziger und freundlicher Mann, der für vieles Verständnis hatte, nur nicht für Schlamperei bei der Arbeit. In seinem Büro herrschte Chaos, aber intellektuelle Schlamperei mochte er nicht. Und man musste spuren – mit ihm mitzuhalten war gar nicht immer so leicht.

ARTE: Er muss sehr intelligent gewesen sein …
Jan Harlan: Ein unglaublich intelligenter Mann, unglaublich logisch denkend. Ein genialer Schachspieler, der ohne Brett spielen konnte. Aber er war auch ein Emotionsbündel, ein richtiger Künstler eben. Und Stanley war kritisch, sehr selbstkritisch. Doch gerade weil er so selbstkritisch war, ließ sich seine Kritik immer sehr gut annehmen.

ARTE: Man liest trotz allem von Problemen an den Filmsets, wo eine Menge Leute mit einem großem Ego herumlaufen: Schauspieler, Kameraleute …
Jan Harlan: Stanley hatte das Sagen, das wussten die Kameraleute und Techniker von vornherein, das haben sie voll akzeptiert. Viele haben auch Karriere gemacht, weil sie bei einem Kubrick-Film dabei gewesen waren. Außerdem konnten sie viel lernen, Stanley war ja ein Fachmann für Kamera, Beleuchtung und Schnitt. Er hatte sich alles selbst beigebracht, hatte seine ersten Filme noch als Regisseur-Kameramann-Produzent in Personalunion realisiert. Trotzdem war er nicht eitel in Bezug auf sein Werk, hat auch immer wieder Dinge geändert, kam auf einmal an und sagte: „Es tut mir furchtbar leid, vergesst, was wir gestern gedreht haben, wir werden das heute alles noch einmal wiederholen.“

ARTE: Er konnte sich Fehler eingestehen?
Jan Harlan: Absolut. Das musste er ständig, weil er andauernd Sachen wiederholt und geändert hat. Deshalb haben wir so lange gedreht, das hat er sich einfach herausgenommen. Unser Budget war entsprechend bescheiden, selbst bei großen Filmen hatten wir nicht mehr als vier Büros, ein Kopiergerät und eine Sekretärin. Das Geld ging in die Zeit, das war Stanleys Arbeitsweise. Er war niemand, der schnell arbeitete.

ARTE: Das ist auch an der Anzahl seiner Filme zu sehen. In 50 Jahren hat er gerade mal 16 Filme gedreht.
Jan Harlan: Er fand auch, dass es nicht notwendig war, viele Filme zu machen, es wurden ja genügend gemacht. Zudem hatte er die Fähigkeit zu warten, bis der richtige Stoff kam. Wenn er aber einen Film drehte, dann musste der ihn hundertprozentig zufrieden stellen und das war schwierig. Er war pedantisch, ja, das war sein Stil.

ARTE: Stanley Kubrick hinterließ mehr als 1.000 Kisten mit Manuskripten, Zeichnungen, Fotografien, Büchern, ein riesiges Archiv, das Sie heute mit Ihrer Schwester Christiane betreuen. War er auch in seinen Vorbereitungen pedantisch?
Jan Harlan: Er hat seine Filme wahnsinnig gut vorbereitet. Die Recherche interessierte ihn am meisten. Sie können sich gar nicht vorstellen, was er für „Eyes Wide Shut“ alles gelesen hat. Über Freud, über Schnitzler – ich bin sogar nach Marbach ins Literaturarchiv gegangen, um Schnitzlers „Traumtagebuch“ für ihn im Original zu lesen. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Thema machte ihm ungeheuren Spaß.

ARTE: „Eyes Wide Shut“ wurde zu Stanley Kubricks letztem Film, er starb 1999, noch bevor der Film in die Kinos kam.
Jan Harlan: Ja, Stanleys Tod war ein Schock. Ich bin aber sehr glücklich, dass er am Ende überzeugt war, dass „Eyes Wide Shut“ sein wichtigster Beitrag zur Kunst des Filmemachens war. Er fand, dass es ihm gelungen war, die Themen Sexualfantasie und Eifersucht, in denen ja nun jeder im Publikum Experte ist, auf die Leinwand zu bringen. Er hat diesen Stoff immer als einen ganz wichtigen angesehen. Auch mit der Besetzung war er sehr glücklich. Nach der ersten Präsentation des Films ist ihm ein richtiger Stein vom Herzen gefallen, als klar war, dass Tom Cruise und Nicole Kidman ganz begeistert von der Umsetzung waren.

ARTE: „2001: Odyssee im Weltraum“ ist der Kubrick-Film, der im kollektiven Gedächtnis am stärksten haften geblieben ist. Was macht ihn so besonders?
Jan Harlan: Als „2001“ herauskam, war er bei der Kritik ein richtiger Flop! Stanley war entsetzt und die Produzenten von MGM hatten ihn schon abgeschrieben. Doch dann entdeckten die Jugendlichen den Film und fanden ihn großartig. Weil er sich verneigte. Vor der Tatsache, dass wir nicht wissen, woher wir kommen, was uns beeinflusst und wohin wir gehen.

ARTE: Für „2001“ gewann Kubrick sogar den Preis der Katholischen Kirche. War Kubrick religiös?
Jan Harlan: Er war überhaupt nicht religiös. Nach seinem Tod wurden wir eingeladen, den Film im Vatikan zu zeigen. Da kam ein Kardinal, der sagte: „Jetzt sehen Sie einen Film von einem Agnostiker, der ins Schwarze traf.“ Das fand ich sehr passend.

ARTE: Wo würden Sie Stanley Kubrick in der Filmgeschichte einordnen?
Jan Harlan: Ich glaube, er ist ein Weichensteller. So wie alle großen Künstler. Es hat gar nichts damit zu tun, ob man sie mag oder nicht, nach ihnen ist alles ein bisschen anders. Picasso ist ein Weichensteller oder Richard Wagner. Es gibt gewisse objektive Kriterien, die den Beginn einer neuen Epoche markieren. Und so hat Kubrick zum Beispiel mit „2001“ das ganze Genre der Science-Fiction revolutioniert.

ARTE: Mit Preisen wurde Kubrick nicht gerade verwöhnt. Als er dann 1997 in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt, ist er nicht hingegangen. War ihm das nicht wichtig?
Jan Harlan: Er dachte gar nicht daran, nach Venedig zu fahren. Er wollte auch nicht über seine Filme sprechen, hat so gut wie nie Interviews gegeben. Er sagte immer: „Wenn ich irgendetwas Wichtiges zu sagen habe, packe ich das in meine Filme.“

ARTE: Das zeugt von einem sehr gesunden Selbstbewusstsein…
Jan Harlan: Als Stanley den Oscar für die Special Effects in „2001“ bekam, war sein Kommentar dazu: „Na, da konnten sie wohl nicht anders.“


Das Interview führte Corinna Daus für das ARTE Magazin, Oktober 2007

Erstellt: 26-10-07
Letzte Änderung: 26-10-07