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Die Oscarnacht als Image-Garant
Höhepunkt des nigerianischen Filmjahres ist die Oscarnacht, die Selbstinszenierung eines Geldmotors, der zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Die korrekte Bezeichnung ist eigentlich Amaa, African Movie Academy Awards, obwohl eine Filmakademie in Nigeria gar nicht existiert. Diese Veranstaltung, die bereits zum zweiten Mal stattfindet, ist vom Gouverneur von Bayelsa geplant und finanziert, einer südlichen, etwas rückständigen und von Rebellen unterdrückten Region, die besonders daran interessiert ist, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern – zum Beispiel durch eine Filmgala. Zu dieser führt mein Weg, zusammen mit dem Regisseur Lancelot Oduwa Imasuen, und Amen, seinem Bruder und Assistenten. Die beiden haben Grund zur Aufregung: Zwei von Lancelots Filmen, „Family Battle“ und „Behind Closed Doors“, wurden für den Besten Film nominiert. Nach zehn Stunden Fahrt lädt uns das Taxi vor dem Kulturzentrum in Yenagoa, der Hauptstadt von Bayelsa, ab – 500 Kilometer von unserem Abfahrtsort Lagos entfernt. Der Schauplatz der Veranstaltung ist mit künstlichen chinesischen Palmen veredelt und wird bereits von den Anwohnern belagert.
Kurz bevor Lancelot in die Menschenmenge taucht, zupft er sich im Dunkeln des Taxis den schillernden Satinanzug zurecht und betritt dann entschlossenen Schrittes den roten Teppich, der auf dem schlammigen Boden ausgerollt ist. Er beantwortet einige Fragen der Journalisten, die gedrängt vor dem Eingang lauern, begrüßt eine Schauspielerin im Leopardenoutfit, tritt aufs Parkett und setzt sich auf einen der Plastikstühle in der ersten Reihe, die für die Stars reserviert sind. Der Saal ist aufgeheizt, die Luft steht, die Klimaanlagen kommen nicht gegen die tropische Hitze des Niger-Deltas an. Die Menschenmenge steht eng gedrängt auf den Stufen der Tribüne, die Scheinwerfer sind eingeschaltet. Sämtliche nigerianischen Stars sind anwesend. Die Nationalhymne wird gespielt und der Gouverneur von Bayelsa, Dr. Jonathan Goodluck, betritt den Saal mit traditioneller Tunika. Er eröffnet den Abend mit einer packenden Rede. Das Publikum begegnet ihm mit spürbarer Respektlosigkeit: Nach einer halben Stunde spricht die Hälfte der ersten Reihe am Telefon, die andere Hälfte schlürft lauwarmen Fruchtsaft, den die emsigen Mädchen der Festivalorganisation verteilen. Die eigentliche Zeremonie beginnt um 22 Uhr in einer fast perfekten Hollywood-Imitation: Schauspieler, Regisseure und Produzenten, von denen viele ihr Geld aus der Erdölindustrie beziehen, stolzieren in Abendgarderobe auf die Bühne. Man überreicht sich gegenseitig die Oscars: eine Art verchromter Metallzylinder, um den sich ringsherum ein Filmstreifen windet – dann natürlich Dankesreden und die unvermeidlichen Tränen.
„Das ist Nigeria, Baby!“
Nacht, Halbtotale, erste Reihe: Die Gewinner teilen ihren Sieg telefonisch ihren Freunden mit. Close Up auf Georgina Onuoha Igwegbe, 27, nominiert als beste Nebendarstellerin. Sie rümpft ihre Nase – eine der grazilsten in Nigeria – vor Enttäuschung, keinen Preis gewonnen zu haben. Zum Film kam sie vor neun Jahren über ihren Bruder, einen Aufnahmetechniker. Eines Tages begleitete sie ihn zu den Dreharbeiten einer Beerdigungsszene. Der Regisseur bemerkte sie und fragte, ob sie weinen könne, und sie sagte: „Ja!“. Seitdem spielte sie in 60 Filmen und ist heute eine der bestbezahlten Schauspielerinnen des Landes: 6.000 Euro bekommt sie pro Film. In ihrem jüngsten, „Without Shame“, schockierte sie Nigeria in der Rolle einer rücksichtslosen Nymphomanin, oder, wie sie es selbst bezeichnet, einer Art Sharon Stone à la Basic Instinct: „Die Leute halten mich auf der Straße an und sagen ‚Schätzchen, hast du nicht Lust auf eine schnelle Nummer, wo du so leicht zu haben bist?‘“, berichtet Georgina. „Das ist Nigeria, Baby. Der Stone würde das sicher nicht passieren.“ Schnitt. Nacht, erste Reihe. Einstellung auf Chinedu Ikedieze und Osita Iheme, genannt Aki und Pawpaw. Auf den ersten Blick scheinen die beiden 25-jährigen Schauspieler nicht älter als sieben zu sein, weshalb ihr Gangster-Outfit zunächst einmal verwirrend ist. Dieses Aussehen verlieh ihnen Kleinwuchs, eine Genmutation, die zu verkürzten Gliedmaßen führt. Seit sich die beiden Schauspieler, die auf das Komödien-Fach spezialisiert sind, bei einem Casting trafen, etablierten sie sich zu den Lieblingen des nigerianischen Kinos und werden vorzugsweise zu zweit gebucht.
Quantität zählt zu Nollywoods Qualitäten
Ich frage Chinedu, wer sein Lieblingsschauspieler ist. Die Antwort kommt ohne zu zögern: „Al Pacino in der Rolle des Mafioso.“ Und was denkst du über Marilyn Monroe? Ein verwirrter Blick: „Marilyn wer?“ Tja, wer ist schon Marilyn für jemanden wie Chinedu, der innerhalb von sechs Jahren in 200 Filmen gespielt hat?
Das also ist die Essenz von Nollywood. Quantität geht über Qualität, hohe Zahlen sind Gesetz, viele Produkte für viele Konsumenten: 130 Millionen Menschen allein in Nigeria, ohne die Diaspora im Ausland zu zählen. Eine wahre Flut von Filmen, günstig auf Videofilm gedreht. Innenaufnahmen werden meist in Hotelzimmern gedreht und eher schlecht als recht mit Halogenstrahlern ausgeleuchtet. Studios gibt es nicht. Meist ist das Resultat ein Film, der von der Idee bis zum Produkt in zwei Monaten entsteht, manchmal aber auch in zwei Wochen.
Schnitt. Außenaufnahme Nacht. Es ist fünf Uhr morgens, wir verlassen die Residenz des Gouverneurs, in die uns der ehrenwerte Goodluck nach Beendigung der Zeremonie zu einem Dinner mit Tanz im Freien eingeladen hatte. Lancelot ist betrübt, er hat keinen Preis gewonnen. „Gehen wir schlafen“, sagt Amen. „Morgen muss ich ein Drehbuch lesen.“ Im Hotel stellen wir fest, dass nur noch eines der reservierten Zimmer frei ist. Die Hitze gewährt keine Pause, die Klimaanlage ist kaputt. Lancelot und sein Bruder ziehen sich kurzerhand bis auf die Shorts aus und wir legen uns zu dritt auf die übelriechende Schaumgummimatratze. Am nächsten Tag wird uns ein Sammeltaxi zurück nach Lagos bringen. Einen Augenblick bevor ich einschlafe, Amens Knie in den Rippen, denke ich: Es ist genau wie im Film.
ARTE-Gastautor Sergio Samazzotti ist Autor, preisgekrönter Journalist und Fotograf. Er lebt in Mailand.







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