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21/06/06

Fahrenheit 9/11

Ein Film von Michael Moore


Lauthals lachen oder
vor Verzweiflung weinen

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Synopsis

Trotz großer Kino- und Medienkampagne – Michael Moore, Amerikas physisches und politisches Schwergewicht unter den Dokumentarfilmern, konnte den Wahlsieg George W. Bushs mit seinem Hit „Fahrenheit 9/11“, Palmengewinner in Cannes 2004 und filmisches Protest-Pamphlet der internationalen Kriegsgegnerkoalition in Irak, nicht verhindern. Vielleicht hat Moore mit seiner Polemik ja sogar die bibelfeste Mittelschicht Amerikas zum Gegenprotest gegen einen allzu despektierlichen Umgang mit ihrem sich als Kreuzritter gerierenden Präsidenten MIT mit mobilisiert? Wer weiß. Den Bush bashenden Kassenschlager gibt es jetzt auf einer Doppel-DVD mit ausgiebigen Bonusmaterial.

Die Kritik zum Film

Für Michael Moore steht fest, dass die Achse des Bösen ganz anders verläuft als angenommen: Sie führe von Florida über Texas und Washington nach Saudi-Arabien. Ab den ersten Sekunden dieses explosiven Dokumentarfilms klammert sich Georges W. Bush an seine Waffen aus Wörtern und Bildern, um noch das letzte bisschen des Images des „großen Beschützers der freien Welt“ aufrechtzuerhalten, das ihm geblieben ist. Selbst Nixon oder Kennedy, die wahrlich keine Chorknaben waren, kämen dem großen Abraham Lincoln näher, als Bush Junior in diesem Film. Michael Moore bleibt diesmal hinter der Kamera und beschränkt sich darauf, aus dem Off Archivaufnahmen zu kommentieren, die für ihn unwiderlegbare „Beweise“ für die eklatante Unfähigkeit und die Schuld des noch amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika darstellen. Es ist nicht nur der beißende Humor, sondern auch die ätzende Schärfe und Eindringlichkeit, die dieses Pamphlet charakterisieren.

Alles beginnt mit der „unglaublich komischen“ Präsidentschaftswahl im Jahr 2000, die mehr als dubios war und vor der Florida sich ganz im Stil einer Bananenrepublik erdreistete, ohne jeglichen Grund Tausenden von benachteiligten Bürgern ihre Bürgerrechte abzuerkennen – selbstverständlich waren dies Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Darauf folgen merkwürdige Sitzungen im Abgeordnetenhaus, im dem es keinem afroamerikanischen Vertreter gelingt, eine Unterschrift eines Senators zu bekommen, um diese Farce für ungültig zu erklären. Dann zeichnet der Kino-Journalist Moore Schritt für Schritt die gesamte Laufbahn Georges W. Bush sowie dessen äußerst undurchsichtige Verbindungen zu den einflussreichen Kreisen Saudi-Arabiens (inklusive der Familie Bin Ladens) nach – und alles reiht sich in die Ansammlung von Absurditäten ein: Es ist eine Abfolge von Tatsachen, Aussagen und Aktionen, die so bestürzend, widersprüchlich, dumm und unfassbar erscheinen, dass man es nach und nach mit der Angst zu tun bekommt. Plötzlich entsteht das Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben, und es folgt die schockierende Erkenntnis, dass diese Szenen insgesamt an eine verschrobenere Version von „Dr. Seltsam“ oder sogar gelegentlich an „Full Metal Jacket“ erinnern.

Michael Moore setzt sich hier mutig und mit all seiner Kraft für einen Standpunkt ein, der für ihn selbstverständlich ist. Wie schon in seinen vorangegangenen Filmen überrollt er dabei wie ein Bulldozer alle andersartigen Reflexionen, die ihm in die Quere kommen. Aber was macht das schon? Schließlich vertritt er seine Meinung und eine sicherlich recht heilsame Wahrheit mit dem Wunsch, sie zu verbreiten, auch wenn die Konfrontation mit ihr alles andere als erfreulich ist (viel wurde übrigens zensiert und daher noch nie gezeigt). Er kämpft seinen Kampf mit ehrlichen Mitteln, doch vielleicht sind sie ein wenig zu radikal: Man sieht eine Mutter, die um ihren toten Jungen weint, Bilder von verletzten Kindern und kriegsversehrten Soldaten im Irak. Außerdem gibt es Szenen, die einem nur schwer aus dem Kopf gehen. Das Bild des amerikanischen Präsidenten zum Beispiel, wie er mit apathischem, vollkommen leerem Blick in einem Kindergarten aus einem Winnie-der-Bär-Buch vorliest. Soeben hat man ihn über die Anschläge auf das World Trade Center und die Vereinigten Staaten von Amerika unterrichtet, doch er fährt lange, lange Minuten mit seiner Lektüre fort. Manchmal übersteigt die Realität die Fiktion, und manchmal weiß man einfach nicht mehr, ob man darüber lauthals lachen oder vor Verzweiflung weinen soll.
Delphine Valloire

Das Bonusmaterial

Das Bonusmaterial verrät einiges über Stärken und Schwächen der Michael-Moore’schen Erzählführung. Am stärksten ist er, wenn er sein Material unkommentiert lässt und nicht durch polemisches Kontrastieren von Schnittbildern dem Zuschauer seine Sicht der Dinge aufzwingt. So, wenn er uns in dem Extra-Kapitel Präsident Bush gut gelaunt in einem Presse-Kreuzverhör zeigt, kurz nachdem er die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindende Befragung durch die 9/11 Kommission in seinem Oval Office verlassen hat. Hier lässt sich ungeschminkt beobachten, wie dreist Mr. Bush den Fragen der Journalisten zu seiner Verantwortung für die Terroranschläge des 9. September ausweicht. Etwas unangenehmer ist die Situation da schon für seine Sicherheitsberaterin Condolezza Rice, die vor dem Untersuchungsausschuss arg in Bedrängnis gerät, als sie erklären soll, warum der Präsident trotz Terrorwarnungen der CIA keinerlei Anstrengungen unternahm, etwas gegen Osama Bin Laden und seine amerikanischen Terrorzellen zu unternehmen.

Sehr amüsant ist auch der Bonus-Track, in der arabisch stämmige und längst eingebürgerte New Yorker Stand-Up-Comedians auf der Bühne parodieren und im Interview beschreiben, wie der amerikanische Durchschnittsbürger nach 9/11 auf sie reagierten.
Auch die Rentner, die die Küste Floridas nach 9/11 ohne offiziellen Auftrag, mit eigenen Schiffen und waffenlos bewachen, zeugen von amerikanischer Hilf- und Ahnungslosigkeit.

Naiv wirkt Pazifist Moore dagegen, wenn er eine Crew kurz vor Ausbruch des Krieges in den Irak schickt, um O-Töne von sympathischen und verängstigten Irakern vor der Kamera einzufangen, die berichten, wie gut es ihnen in ihrem Land ginge und dass sie keinerlei Probleme mit ihrer politischen Führung hätten. Und als übereifriger Agitprop-Moderator in Sachen Frieden, wenn er einem zum Kriegsgegner mutierten Marine-Infanteristen ins Wort fällt, um dessen Empörung über den unrechten Krieg der Amerikaner noch deutlicher formuliert zu bekommen.
Ein weiterer Soundtrack zeigt, wie amerikanische Soldaten musikalisch mit dem Krieg in Irak umgehen: ob Heavy Metal zum Fronteinsatz, Rap und Hip Hip zur Verarbeitung von Kriegserlebnissen und melancholische Weisen als Reaktion auf den erlebten Schrecken, die Musik war immer dabei im Feindesland.

Unverminderter Schrecken geht von dem Interview mit dem schwedischen Journalisten Urban Hamid aus, dessen Bildmaterial von der demütigenden Behandlung irakischer, bei einer Razzia festgenommener Zivilisten durch amerikanische Soldaten monatelang keine Fernsehanstalt ausstrahlen wollte. Jede Razzia, so beschreibt es Hamid, schafft aufgrund der von der GIs begangenen Ehrverletzungen gegen irakische Zivilisten 50 neue Feinde.
Letzter Bonus-Track auf der DVD – die Witwe eines erschossenen Soldaten, die in Michael Moores Film auftritt und eine Friedensinitiative gegründet, kommt bei der Filmpremiere erschüttert zu Wort. Hinter ihr steht Michael Moore, den Kopf gebeugt, als würde er bereits ahnen, dass es trotz seines unermüdlichen Einsatzes nicht ganz reichen sollte, die Republikaner von der Macht zu vertreiben.
Martin Rosefeldt
Fahrenheit 9/11
Regie: Michael Moore
USA, 2004, 110’

Sprachen:
Deutsch Dolby digital 5.1
Englisch Dolby digital 5.1
Untertitel: Deutsche Untertitel
Kinofassung, Dt. & Englische Untertitel

Extras:
- U.S. Featurette
- Bonus-DVD:
- Bush vs. 9/11 Commission, C. Rice vs. 9/11 Commission
- Comedy nach 9/11, Grenzschutz in Florida, Vor der US Invasion
- Der Soundtrack zum Krieg, Unterwegs mit den Truppen, Filmpremiere in Washington DC

Erstellt: 14-01-05
Letzte Änderung: 21-06-06