30/04/09
Familie zu verkaufen
Ein Film von Pavel Lounguine
Jeder kennt den Traum vom reichen Onkel in Amerika. Doch verloren geglaubte Verwandte wiederzufinden, das kann manchmal ein ganzes Leben lang dauern. Edik Letov, ein junger russischer Abenteurer, ist der Gründer einer vielversprechenden Firma, die sich auf die Zusammenführung von Familien spezialisiert hat. Manchmal muss er jedoch ein bisschen nachhelfen: In einem ukrainischen Dorf "castet" er die gesuchten Familienangehörigen von vier Personen, die alle ihre engen Verwandten dort vermuten. Als sie ihre vermeintlichen Angehörigen treffen, gibt es jedoch einige Überraschungen ...
Wie kann man schnellst möglich an sehr viel Geld kommen? Edik Letov stellt sich diese Frage und findet auch sogleich eine Antwort. Er gründet eine fiktive "Spezialagentur", die verloren geglaubte Verwandte aufspüren und auseinandergerissene Familien wieder zusammenführen soll.
Die Sache lässt sich gut an. Vier Personen wenden sich vertrauensvoll an Edik. Alle haben sie einen Teil ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg verloren. Sie vermuten ihre Verwandten in der Ukraine, in "Golutvine", einem Dorf, das es schon längst nicht mehr gibt. Das Nachbardorf heißt ganz ähnlich und so wird aus Golotvine kurzerhand "Golutvine". Außerdem "castet" Edik die Dorfbewohner, natürlich gegen Bezahlung, auf die Rollen der verlorenen Familienangehörigen.
So braucht er zum Beispiel für Samuel Goldman, der seine 90-jährige Schwester sucht, von der er während des Kriegs getrennt wurde, eine alte, schwerhörige Frau mit Jiddischkenntnissen. Für den zwielichtigen Fotografen Andrew Gritsyne sucht er einen Großvater und für den abgeklärten Baruch Pintzik, der die Asche seiner Mutter in ihrer Heimat beisetzen will, besorgt er ein Familiengrab.
Als Ediks Kunden in Golotvine ankommen, ist die Freude groß, bis die wahren Gründe eines jeden für das heiß ersehnte Wiedersehen ans Licht treten.
"Familie zu verkaufen" ist eine temporeiche, russische Komödie, die mit Leichtigkeit und viel Humor ein ernstes Thema in Szene setzt: die Zusammenführung von Familien, die durch Schoah und Internierung getrennt wurden. Mit seinen burlesken Zügen erinnert "Familie zu verkaufen" an Filme von Emir Kusturica, wenn auch in einer weniger barocken Inszenierung.
Aus dem unbeschreiblichen Chaos, das sich zwischen den Figuren entwickelt, entsteht das Bild einer Gesellschaft zwischen Lüge und Korruption, die durch die Inszenierung als genuin "russisch" verkauft wird: Alles kann man kaufen und verkaufen. Essenziell ist hierbei "die Lüge", die der Regisseur Pavel Lounguine als "Antrieb der Fantasie" bezeichnet, die den Ursprung für Kultur und Kunst bildet.
Durch seine Lügen bewirkt Edik nur Positives: Menschen kommen zusammen und entdecken Liebe und Sexualität - so zum Beispiel die versauerte Übersetzerin Regina, die auf einmal vor Wollust zu platzen scheint. Sie macht sich über Edik her, wo immer sie ihn finden kann. Diese Sequenzen setzt Lounguine als einen burlesken Tanz zwischen Liebe und Gewalt in Szene.
Pavel Lounguine hatte die Idee zu seinem Film, als er die 96-jährige polnische Schauspielerin Esther Gorintin in Paris kennenlernte. Mit 85 Jahren hatte sie in Emmanuel Finkiels "Späte Reise" (1999) debütiert, worin sie eine Jüdin spielt, die mit über 80 Jahren ins Gelobte Land auswandert.
Konstantin Khabensky ist in Russland ein Star, der meist in Komödien oder Actionfilmen besetzt wird. Für seine Verkörperung des gewitzten Edik wurde er mit dem Preis für den besten Schauspieler beim Festival de Sotchi - Russlands größtem Filmfestival - ausgezeichnet.
Pavel Lounguine, Sohn des Drehbuchautors Semyon Lounguine, wurde 1949 in Moskau geboren. An der Filmhochschule ging er in die Drehbuchklasse und schrieb später die Vorlagen für "Unbesiegbar" (1983, Regie: Yuri Boretsky) und "Poputchik" (1986, Regie: Ivan Kiasachvili). 1990 debütierte er mit seinem Film "Taxi-Blues", der in Cannes mit einer Nominierung für die Goldene Palme Aufsehen erregte und letztendlich den Preis für die beste Regie erhielt. Nach Dokumentarfilmen für ARTE, FRANCE 2 und FRANCE 3, kehrte Lounguine zum fiktionalen Genre zurück - mit Erfolg: "Luna-Park" (1992), "Russische Hochzeit" (2000) und "Ein neuer Russe" (2002) liefen im offiziellen Wettbewerb in Cannes beziehungsweise in Locarno.
Familie zu verkaufen
Dienstag 12. Mai 2009 um 14.45 Uhr
Keine Wiederholungen
(Frankreich, Russland, 2004, 105mn)
ARTE F
Erstellt: 30-04-09
Letzte Änderung: 30-04-09