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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Fernando Savater (Spanien)

„Europa, unzureichend und notwendig“


Fernando Savater, geboren 1947 in San Sebastian im spanischen Baskenland, ist Schriftsteller und Professor der Philosophie. Er ist bekannt für sein literarisches Werk, das in etwa ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde, sowie für seine Stellungnahme und sein entschlossenes Vorgehen gegenüber der Terrorbewegung ETA, die droht, ihn zu töten.
Hier äußert er sich in der spanischen Tageszeitung El Paíszu dem am 31. Mai 2003 lancierten Aufruf von Jürgen Habermas.

Selbstverständlich kann keiner der großen europäischen Staaten die Vereinigten Staaten verwarnen und ihnen ihre imperialistischen Ambitionen vorwerfen. Aufgrund unserer durch Kriege geprägten Tradition als ehemalige Kolonisten können wir nicht glaubwürdig Ambitionen kritisieren, die wir selbst vor nicht allzu langer Zeit noch hegten, und die wir – man kann es ruhig aussprechen – erfunden haben. Doch unser Kontinent hat zwei Weltkriege mit tragischen Folgen erlebt. Sie überzeugten die meisten Europäer von der Notwendigkeit, durch die internationalen Institutionen reglementierte Lösungen zu finden, um die durch unterschiedliche Interessen entstehenden Konflikte vorauszusehen, zu vermeiden und als letzten Ausweg zu lösen, und zwar auf einer Ebene, die über die Grenzen des Nationalstaats hinausgeht.

Es geht darum, für die ganze Welt Ressourcen wie Erdöl oder Wasser zu verwalten, aber auch gesellschaftliche Werte wie die Erziehung, die demokratischen Freiheiten und die Menschenrechte zu bewahren. Die Sicherheit ist zwar ein wichtiger Grundsatz, doch liegt es heute auf der Hand, dass die Welt kein sicherer Ort ist, wenn nicht nur der Terrorismus bekämpft wird, sondern auch das Elend, die soziale Ungleichheit und die politische und wirtschaftliche Ungerechtigkeit. Mehr als sechs Milliarden Menschen können nicht weiter inmitten feindlicher Gruppen leben, die unversöhnlichen Gottheiten gehorchen, ohne juristischen Rahmen und wirkliche Unterstützung für die Ärmsten auf dieser Welt. Wichtig ist nicht nur, Recht zu haben oder dieses Recht zu verteidigen oder mit Waffengewalt durchzusetzen. Wichtig ist auch, dass wir die Stärke, die uns die soziale Entwicklung verleiht, dazu verwenden, die Grundsätze eines gemeinsamen Rechts aufzustellen, auf das sich alle Menschen berufen und mit dem sie sich identifizieren könnten.

Der Fortschrittsgedanke – geboren in Europa, dort jedoch auch sehr viele Male pervertiert –, dürfte sich nicht auf eine oberflächliche „Modernisierung“ beschränken, die die Hindernisse unter Aufbietung des Kapitalismus bekämpft. Er müsste auch das hartnäckige Streben nach der Allgemeingültigkeit der Rechte und Pflichten miteinbeziehen, die die Menschlichkeit als Schöpfung aller respektieren. Und es müsste Einigkeit darüber herrschen, dass der Begriff „zivilisieren“ mehr bedeutet als nur die Modernisierung der Märkte oder der Technologie. Die Verwirklichung dieses zivilisierenden Projekts kann Europa nicht allein bewerkstelligen, doch es muss sich unentbehrlich machen. Vorausgesetzt natürlich, dass wir von einem Europa sprechen, das sich einig ist in der Frage nach den allgemeinen Idealen, die die Philosophen zur Zeit der Aufklärung formulierten, aber auch wenn es um die Verteidigung der neuesten Errungenschaften geht wie den Wohlfahrtsstaat, den laizistischen Sinn der politischen Ordnung oder die juristischen Garantien für alle (um die schöne Definition des französischen Philosophen Jean-Pierre Faye aufzugreifen, laut der Europa überall dort existiert, wo es die Todesstrafe nicht mehr gibt).

Diese Einheit erfordert eine europäische Verfassung, laut der Institutionen das Aufstellen von Grundprinzipien regeln, eine einzige Stimme zum Thema Außenpolitik und eine abschreckende militärische Kraft, die die Sicherheit des Kontinents garantiert, ohne auf den eigennützigen Schutz anderer Mächte zurückgreifen zu müssen. Es geht nicht darum, die Vorstellung von einer Europäischen Union als eine von der Außenwelt abgeschottete Festung zu verteidigen, sondern die von einem Europa, das in seiner Einheit ausreichend stark ist, um den internationalen Verpflichtungen gegenüber offen und großzügig zu bleiben, denen sich menschlich gesehen niemand entziehen kann.“
El País, 31. Mai 2003.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08