Der Festival Express sollte allerdings etwas ganz Besonderes werden: ein mobiles Festival. Die Künstler sollten in einem gecharterten Eisenbahnzug von Toronto bis Calgary reisen und in ganz Kanada an ausgewählten Orten auftreten. Die Idee mit dem Eisenbahnzug erwies sich als Geniestreich, denn sie verlieh der Konzerttour eine magische Note. Eine ganze Reihe Künstler erklärte sich ungeachtet einer deutlich unterdurchschnittlichen Gage zur Teilnahme bereit. Sie versprachen sich von der Zugreise die "ultimative Party".Die Musiker sollten Recht behalten. Die fünftägige Zugfahrt bot ganz unterschiedlichen Künstlertypen Gelegenheit zu einem gemeinsamen Happening vor einmaliger Kulisse. Rick Danko von The Band, Jerry Garcia, Janis Joplin, Delaney & Bonnie und Buddy Guy schwelgten ungehindert in Alkohol und Drogen, veranstalteten Jam-Sessions, die sich jeder Beschreibung entziehen, und führten höchst psychedelische Gespräche.
Genau wie Woodstock stieß der Festival Express allerdings mit der Gegenkultur jener Zeit zusammen. Schon die beiden Eröffnungstage in Toronto ließen den bevorstehenden Wahnsinn vorausahnen. Der Kartenpreis von 14 Dollar für zwei Tage mit mehr als 20 Bands war eigentlich recht günstig. Aber unter dem Einfluss der damaligen Protestbewegung herrschte zum Teil auch die Ansicht, Musik dürfe nichts kosten. Eine gut organisierte Gruppe, die sich "M4M" bzw. "May 4th Movement" nannte, verteilte vorab in ganz Toronto Flugblätter mit der Aufforderung, keinen Eintritt zu zahlen, sondern die Absperrungen zu durchbrechen.Die folgenden chaotischen Szenen auf dem Konzert in Toronto vermitteln einen Eindruck von den politischen Verhältnissen jener Tage. Man sieht, wie Fans über Zäune klettern und berittene Polizisten vergeblich versuchen, sie davon abzuhalten. Die Grateful Dead gaben daraufhin ein kostenloses Konzert in einem nahe gelegenen Park. Dieses Mini-Festival wurde ebenso filmisch aufgezeichnet wie eine Pressekonferenz in Winnipeg, der nächsten Station des Zuges. Dort mussten sich die Veranstalter gegen die Vorwürfe erboster Medienvertreter verteidigen. Dabei bleibt hinter dem Verhalten der Zuschauermengen und aller Beteiligten stets die Musik präsent.
Die Aufnahmen aus dem Zug wurden im Stil des Cinema vérité mit einer oder zwei Kameras gedreht. Sie fangen Bruchstücke eines Lebensgefühls ein, das wohl nie wiederkehren wird. Rockstars geben sich einer psychedelischen Dauerparty hin, während ihr Zug entlegene Nester im Norden Kanadas durchquert, die so merkwürdige Namen wie Medicine Hat oder Moosejaw tragen. Bilder von einem surreal wirkenden Großeinkauf in Saskatoon wechseln mit Musikszenen: gemeinsame Auftritte von Janis Joplin und Jerry Garcia, Bob Weir und Rick Danko, Jam-Sessions von Delaney Bramlett und Mitgliedern der Mountain-Band, alte Soulmelodien, gesungen vom Bassisten von Buddy Guy, und vieles mehr.
Bei der Aufbereitung und Zusammenstellung des Filmmaterials wurde bewusst auf die technischen Möglichkeiten heutiger Musikübertragungen verzichtet, um den Stil der damaligen Zeit zu wahren. Ergänzend zu dem Kommentar, der sich aus den historischen Aufnahmen selbst ergibt, bringt der Film Interviews mit ausgewählten Musikern, mit Mitgliedern ihrer Crew und sogar mit einigen Musikfans, die damals dabei waren. So gewinnt das Publikum von heute und morgen einen einzigartigen Einblick in die vielleicht letzte große Tour des Rock 'n' Roll.






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