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Kino auf ARTE - 28/07/10

Feuerherz

Ein Film von Luigi Falorni


Eritrea während des Unabhängigkeitskrieges: Die kleine Awet wächst in einem christlichen Waisenhaus auf. Überraschend stellt sich heraus, dass ihr Vater, ein Freiheitskämpfer, noch lebt. Er holt seine Tochter zu sich. Doch statt familiärer Geborgenheit findet Awet Armut und harte Arbeit vor. Der Vater gibt sie und ihre Schwester schließlich an eine der rivalisierenden Befreiungsarmeen. Dort wird sie konfrontiert mit Tod und Fanatismus, aber ihr 'Feuerherz' weist dem mutigen Mädchen einen anderen Weg ...


Eritrea in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts: Mitten in den Wirren des Unabhängigkeitskrieges gegen Äthiopien wächst die aufgeweckte Awet, liebevoll betreut von italienischen Nonnen, in einem Waisenheim in Asmara auf. Ihre Mutter ist auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg umgekommen. Eines Tages stellt sich heraus, dass ihr Vater, ein Freiheitskämpfer, noch lebt. Dieser schickt seine ältere Tochter Freweyni, um sein zweites Kind zu sich zu holen.
Awet ist überglücklich, glaubt sie doch endlich Familie und Heimat gefunden zu haben. Doch statt Geborgenheit warten harte Arbeit und Armut auf das junge Mädchen. Ihr Vater, den sich Awet in ihrer Fantasie als mutigen Kämpfer vorgestellt hat, entpuppt sich als feigherziger Schläger, der seine Kinder und deren Kräfte schamlos ausbeutet. Awet hingegen hat ihren eigenen Kopf sowie ihr "Feuerherz" - ein gesticktes Bild, das sie von ihrer Lieblingsschwester Anna aus der Klosterschule als glücksbringendes Abschiedsgeschenk erhalten hat. Von ihr hat Awet auch gelernt, sich gegen Ungerechtigkeiten und Gewalt auf friedliche Weise zu wehren.
Schließlich übergibt der Vater seine beiden Kinder der 'Jebha', einer der rivalisierenden Befreiungsarmeen: Seine Mädchen sollen "Töchter Eritreas" werden. Im Lager der Jebha, die sich als die erste und wahre Befreiungsfront begreifen, soll Awet lernen, wie Waffen und Sozialismus funktionieren.
Nach und nach lässt sich das Mädchen in den Sog des Kampfes hineinziehen: Obwohl sie Freundschaft und Brüderlichkeit erfährt und sich für das Freiheitsideal zu begeistern lernt, wird Awet im Camp vor allem mit dem Wahnsinn des Krieges konfrontiert, mit menschlichen Gräueltaten, Fanatismus und Tod. Angesichts des inner-eritreischen Krieges der 'Jebha' gegen die 'Shabia' stellt sie ihren Ausbildern die clevere Frage, warum sich zwei militante Gruppen mit dem gleichen Ziel gegenseitig umbringen, statt sich in ihrem Vorhaben der Befreiung des Landes zu unterstützen.
Dennoch glaubt Awet, bei der Jebha eine neue Familie gefunden zu haben; die Gruppenführer Ma'aza und Mike'ele nimmt sie als die größten Helden wahr. Mit den Waffen mag sich Awet allerdings nicht anfreunden. Bei der Jagd begeht sie einen folgenschweren Fehler, wird daraufhin hart bestraft und von der Gruppe geächtet. So verliert das Mädchen langsam den Glauben an die Jebha und an den endlosen Befreiungskampf, der über Leichen geht. Zusammen mit ihrer Schwester und einigen Kindern aus dem Camp geht Awet ihren eigenen Weg, ihrem Gewissen und ihrem 'feurigen Herzen' folgend ...


Drehbuch nach der Autobiografie von Senait G. Mehari

"Feuerherz" - frei nach der gleichnamigen Bestsellerautobiografie von Senait G. Mehari (2004) und inspiriert von wahren Ereignissen - erzählt eine fiktive Geschichte aus der Perspektive eines kleinen Mädchens, das zwischen die Fronten des eritreischen Befreiungskampfes gerät. Es ist ein Film über Kinder, die für den Krieg benutzt und fern von ihren Familien zu Kampfmaschinen erzogen werden. Awet verkörpert die Ausnahme unter den Kindersoldaten: Sie will nicht so werden wie ihr Vater, Sklave einer fixen, fanatischen Idee. Denn sie hat das Herz einer wahren Kämpferin, voller Stärke, Mut und Hoffnung - ein Herz aus Feuer.
Eritrea, das kleine Land am Horn von Afrika musste sich seiner Gründung über hundert Jahre lang der Fremdherrschaft beugen. In den 50er Jahren nahmen eritreische Freiheitskämpfer den Kampf gegen die Besatzungsmacht Äthiopien auf. Doch die Befreiungsbewegung spaltete sich: Es entstand ein fanatischer Bruderkrieg zwischen den militanten Fronten der 'Jebha' und 'Shabia'. 1993 erlangte Eritrea die Unabhängigkeit von Äthiopien, doch für Tausende eritreische Flüchtlinge ist eine Rückkehr in die Heimat noch immer ausgeschlossen.
Bei den Dreharbeiten zu "Feuerherz" hatte Regisseur Luigi Falorni mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen: Zuerst wurde keine Drehgenehmigung für Eritrea erteilt, so dass das Team auf Kenia ausweichen musste. Dann, kurz vor Drehbeginn, warfen alle eritreischen Hauptdarsteller das Handtuch, weil sie von ihrer Regierung unter Druck gesetzt worden waren. So musste Falorni innerhalb eines Tages Ersatz-/Laienschauspieler aus einem Flüchtlingslager rekrutieren. Dennoch überzeugt insbesondere die junge Letekidan Micael in der (Haupt-)Rolle der zehnjährigen "Awet" durch eine beachtliche schauspielerische Leistung.
Die Bestselleradaption "Feuerherz" provozierte starke Reaktionen bei der Kritik und wurde zum Politikum der Berlinale 2008, wo der Film als Wettbewerbsbeitrag lief. Umstritten war insbesondere der Wahrheitsgehalt der Buchvorlage, dabei hatte Luigi Falorni nicht beabsichtigt, in erster Linie die Autobiografie zu verfilmen. Vielmehr habe er eine universale Geschichte um ein Mädchen, eine allgemeingültige Parabel über das Schicksal von Kindersoldaten erzählen wollen. Noch heute sind über 300.000 Kinder weltweit in bewaffnete Konflikte verwickelt.

Feuerherz
Montag 2. August 2010 um 01.25 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2008, 89mn)
BR

Erstellt: 22-07-10
Letzte Änderung: 28-07-10