Im Gespräch... - 25/09/07
Filmautor Peter Adler
DIE FRAU VOM CHECKPOINT CHARLIE (Zweiteiliger Fernsehfilm): Freitag · 28. September · 20.40 DIE FRAU VOM CHECKPOINT CHARLIE (Dokumentation): Freitag · 28. September · 23.40
Interview mit dem Dokumentarfilmer Peter Adler zu seiner Dokumentation „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ über die reale Geschichte der Jutta Gallus (heute Jutta Fleck).
Die Interviews von A-Z
- Adler, Peter
- Aractingi, Philippe
- Behrendt, Klaus Jürgen
- Bell, Inge
- Bleibtreu, Monica
- Breinersdorfer, Fred
- Bäumer, Marie
- Carpentier, Frédéric
- Catherine Breillat
- Detlev Buck
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- Graf, Dominik
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- Hübchen, Henry
- Jean-Claude Brialy - in seiner letzten große Rolle als Max Jacob
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- Paul, Christiane
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- Stein, Niki
- Steinbichler, Hans
- Stora, Bernard
- Wacker, Torsten
- Weingartner, Hans
ARTE: Herr Adler. Sie haben über die Geschichte der Frau vom Checkpoint Charlie eine Dokumentation gedreht. Der entsprechende Fernsehfilm läuft ja auch auf ARTE. Können Sie kurz die reale Geschichte schildern, die als Grundlage dient?
Peter Adler: Die wirkliche Geschichte ist die einer Frau. Einer sehr mutigen Frau, die Anfang der 80er Jahre einen Fluchtversuch unternommen hat, zusammen mit ihrem damaligen Freund. Ein Fluchtversuch, der nicht gut vorbereitet war. Sie wurde dabei geschnappt, in Rumänien. Und dann brach all das über sie herein, was vielen anderen, die auch versuchten aus der DDR abzuhauen, auch passiert ist. Die Kinder wurden weggenommen, sie wurde eingesperrt, es kam zu Zwangs-Adoptionen. Dann zu einem Häftlingsfreikauf, der dazu führte, dass die Eltern - in diesem Fall die Mutter- von ihren Kindern getrennt wurden. Und dann, wie bei vielen anderen Fällen, versuchten diese Eltern ihre Kinder auch aus der DDR raus zu bekommen und das war immer ein Drama. Bei Jutta Gallus ist dieses Drama am Ende gut ausgegangen. Sie hat ihre Kinder nachholen können, allerdings erst nach einigen Jahren. Wie sie das geschafft hat, das zeigt diese Dokumentation. Bei vielen anderen aber hat es nicht geklappt. Und diese Fälle sind zum Teil bei heute ungelöst. Das heißt, über den Verbleib der Kinder weiß man nichts. Die Eltern haben ihre Kinder nie mehr zu Gesicht bekommen und das ist auch ein Teil der Realität. Wir können bei dieser Geschichte glücklicherweise ein Happy End zeigen.
Sie haben Jutta Gallus und ihre Töchter Beate und Claudia ja selbst getroffen und für den Film auch viele Gespräche mit ihnen geführt. Waren sie denn sofort bereit wieder in ihre eigene Geschichte einzusteigen, das Ganze noch mal aufzurollen? Da dürfte doch auch sehr viel Emotionalität dabei gewesen sein, oder?
Ja, das war nicht leicht für die Mutter und auch nicht leicht für die Töchter. Nach all den Jahren kamen unglaublich viele Gefühle bei diesen Gesprächen hoch. Vor allem bei Jutta Gallus, die in vielen Stunden vor der Kamera ihre Geschichte noch mal in aller Ausführlichkeit und in Ruhe erzählen konnte. Das hatte sie bisher eigentlich noch nie gemacht hat. Für die Töchter, die eigentlich noch nie ihre Geschichte erzählt haben, sie zum Teil auch schon fast vergessen oder verdrängt haben in all den Jahren, für die war es noch schwerer zu dieser Geschichte zurückzufinden. Eine der Töchter hat in dem Interview gesagt: „Ich habe eigentlich alles vergessen. Mein Leben beginnt erst mit der Ausreise in die Bundesrepublik.“ Und diesen Erinnerungsprozess wieder in Gang zu setzen, das war nicht einfach. Aber ich bin sehr dankbar, den beiden Töchtern und ihrer Mutter, dass sie es auf sich genommen haben, diese für sie quälende Zeit wieder in Erinnerung zu bringen.
Wie alt waren denn die Töchter als sie dann auch in den Westen dürften zu ihrer Mutter?
Sie waren Teenager, die ältere Tochter war eigentlich schon eine junge Frau. Und sie haben beide ihre Schule noch im Westen dann fertig machen können. Aber als sie ihre Mutter verloren haben und zwar von einem Moment zum anderen, auf diesem Flugplatz in Leipzig, da brach für diese Kinder eine Welt zusammen. Und das, was dann danach passierte war so schwierig und so grausam, dass es notwendig ist, diese Geschichten immer wieder zu erzählen. Denn diese Geschichten drohen langsam, nach fast zwanzig Jahren deutsche Einheit, in Vergessenheit zu geraten. Und ich muss noch mal sagen, der Fall „Jutta Gallus“ ist kein Einzelfall. Diese Geschichten gab es häufig. Und sie dürfen nicht vergessen werden.
Wie Sie selbst schon gesagt haben, ging es in diesem Fall „gut“ aus, aber die lange Trennung ist ja trotzdem nicht wieder gut zu machen, da gibt es doch irreparable Beschädigungen. Wir beschäftigen uns seit der Wiedervereinigung sehr viel mit der Stasiaufarbeitung, aber von diesen Geschichten erfährt man wenig. Konnten Sie für die Recherchen ungehindert arbeiten, hat man Ihnen geholfen, oder wurde da auch manchmal gemauert?
Eigentlich wurde nicht gemauert, sieht man von denjenigen ab, die für die Stasi die Dreckarbeit geleistet haben. Als wir vor den Wohnungs- und Haustüren der Leute standen, die für diese Schweinereien verantwortlich waren, hat man uns die kalte Schulter im besten Fall gezeigt, oder gleich die Tür vor der Nase zugeknallt. Das war auch nicht anders zu erwarten. Von denen will keiner heute mehr darüber sprechen. Das sind Leute, die leben zum Teil ein ganz beschauliches, bürgerliches Leben in ihren Strickjäckchen in irgendwelchen Siedlungen, aber sie wollen darüber unter keinen Umständen mehr reden. Frau Gallus hat uns aber Einblick in ihre ganzen Unterlagen gegeben, und der Originalton dieser Leute, die Verhöre, die Art und Weise, wie die Kinder bespitzelt und drangsaliert wurden, das alles kann man diesen Dokumenten wirklich sehr gut entnehmen, und wir konnten diese zum Teil bewegenden und erschütternden Dokumente für den Film nutzen. Die haben ja auch die Briefe der Kinder an ihre Mutter abgefangen, und die Leute abgehört, die versucht haben, die Kinder mit der Mutter im Westen in Kontakt zu bringen - die wurden abgehört in ihren Schlafzimmern. Also, da wurde ein großer Aufwand betrieben, um zu verhindern, dass diese beiden Mädchen in die Bundesrepublik ausreisen durften. Und auf der anderen Seite ist es wirklich nur der Beharrlichkeit, dem Mut von Jutta Gallus zu verdanken, dass es tatsächlich zu diesem Happy End gekommen ist.
Gibt es eigentlich Formen der Wiedergutmachung? Also, wieder gut zu machen ist es ja nicht. Aber gibt es da auch Leute, die zur Verantwortung gezogen werden?
Nein. Niemand von denen ist jemals zur Verantwortung gezogen worden. Die Leute sind aus dem Stasidienst ausgeschieden. Sie sind wie die meisten der ehemaligen Stasileute Rentner geworden oder in irgendwelchen Sicherheitsdiensten abgetaucht. Aber niemand von diesen Leuten wurde meines Wissens nach zur Rechenschaft gezogen. Das ist auch ein Teil der Realität. Es gibt Entschädigungszahlungen für alle, die in der Haft waren in der DDR, aber über diese lächerlichen Beträge braucht man gar nicht zu reden. Die Jahre, die hier verloren gingen, den Kindern vor allem, aber auch der Mutter, diese Jahre können doch gar nicht zurückgebracht werden. Und was es bedeutet, drei Jahre eingesperrt zu sein in einer Stasi-Untersuchungshaftanstalt, in diesem schrecklichen Gefängnis in Hoheneck. Ein Gefängnis, das kaum bekannt ist, aber als Gedenkstätte besucht werden kann, in der Nähe von Stollberg. Das muss man wirklich gesehen haben, um zu verstehen, was das heißt, in so ein Gefängnis eingesperrt zu werden, nur weil man den Wunsch hat auszureisen.
Konnten Sie eigentlich den Film mit Veronica Ferres als Jutta Gallus schon sehen?
Ja.
Trifft der Film die Realität oder würden Sie sagen, er muss, weil er ja eine filmische Erzählung ist, und fiktional arbeitet, davon abweichen?
Er muss davon abweichen, weil dies ein Fernsehfilm und eine fiktionale Geschichte ist. Jutta Gallus und Veronica Ferres sind zwei ganz verschiedene Frauen und auch aus diesem Grund haben wir diese Dokumentation gemacht, um die reale Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen. Im Film sind natürlich viele Sachen geändert worden und einzelne Elemente wurden dazugesetzt. Sie mussten auch geändert werden, um der Geschichte die nötige dramaturgische Spannung zu geben. Ich denke aber, dass der Film ganz großartig die Atmosphäre der Zeit transportiert und durch die bravouröse schauspielerische Leistung von Veronica Ferres wirklich die Beweggründe, die Motive von Jutta Gallus ganz eindringlich zu transportieren vermag.
Interview: Thomas Neuhauser (ARTE / September 2007)
Erstellt: 25-09-07
Letzte Änderung: 25-09-07