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23/09/08

Filmstar mit 20 : ein Blick hinter die Kulissen der besten Jahre bekannter Filmschauspieler

vom 8. bis 25. September 2008


Filmmythen und die Mode haben eines gemeinsam : Von einigen Werken bleiben immer wieder gerne servierte Anekdoten übrig, andere haben Legenden geschmiedet. Der Schwerpunkt „Filmstar mit 20“ beleuchtet beide Aspekte.

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„Christine“ von Pierre Gaspard-Huit (1958)


Pierre Gaspard-Huit drehte letztendlich einen großen Teil seines Wiener Kostümfilms in Frankreich und in Filmstudios. Er wollte aber das Genre entstauben und vergab einige Rollen an Anfänger. „Delon in einen romantischen jungen Liebhaber zu verwandeln, amüsierte mich. Er hatte damals einen seltsamen Ruf, galt fast schon als halbseiden. Er fand die Idee mit den Blumen übrigens lächerlich.“ Die Blumen: Delon soll wenige Tage vor Drehbeginn seine Partnerin Romy Schneider wenige Tage vor Drehbeginn mit einem Strauß Blumen am Flugzeug empfangen. Journalisten, Blitzlichtgewitter - der Filmstar nimmt den Nachwuchsschauspieler kaum wahr. Das versetzt Delons ehrgeizigem Ego einen Schlag: Romy hatte noch nie von ihm gehört. Zunächst sind die beiden wie Hund und Katz: Er regt sich über die Launen der verwöhnten „Sissy“ auf. Sie versteht nicht, warum dieser junge Mann ihr nachstellt, ohne ihr wirklich nachzustellen. Und dann noch die Sprachbarriere. Kurz: sie eine Diva, er arrogant. Romy ist gut erzogen und wird auf Schritt und Tritt von ihrer Mutter Magda überwacht. Als es Delon dennoch gelingt, sie und den gemeinsamen Filmpartner Jean-Claude Brialy mit auf eine Tour durch die Pariser Bars zu nehmen, schreibt die Presse, ein junger Franzose habe Sissy verführt. Magda befürchtet, ihre Tochter setze Ehre und Karriere für einen Flirt aufs Spiel. Romy sieht vor allem, wie gut Delon aussieht, und dass er Talent hat. „Vor ihm wusste ich gar nichts“ sagt sie von ihrem Pygmalion, dank dem sie endlich das Sissy-Image ablegen kann.


Romy Schneider und Alain Delon sind das schönste Paar dieser Epoche, zumindest für das Illustriertenpublikum. Wahrscheinlich kam Delon die Beziehung im Film sogar zugute: in manche Verführungsszenen spielt er trotz seiner Unerfahrenheit mit starker emotionaler Überzeugungskraft. Den Rest der Zeit verbringt der junge Liebhaber in Wien und sieht die Dinge pragmatisch: „Es ist faszinierend, den Zug nach Wien zu nehmen, in der Stadt von Strauß in den Kaffeehäusern zu sitzen - und Geld zu haben! Stellen Sie sich vor: 400 000 Francs für meinen ersten Film, 600 000 für den zweiten“. In dieser neuen Fassung von Max Ophüls’ „Liebelei“ amüsiert ihn die Idee, die Uniform eines österreichischen Offiziers zu tragen. Für Romy ist die Erfahrung schmerzhafter: „Ich wollte die Sissy-Krinolinen ablegen, und was drehe ich? Ein billiges Remake von „Liebelei“ – in der schönsten Rolle, die meine Mutter Magda in ihrem Leben je gedreht hat!“. Aber sie findet sich damit ab, ebenso wie mit ihrer Beziehung zu Horst Buchholtz, die während der Dreharbeiten zu „Christine“ bereits in den letzten Zügen liegt: „Mit Delon war es leidenschaftlich. Umso besser! Ich bereue nichts. Man muss viele Leidenschaften in seinem Leben haben. Es ist zu kurz, um nur eine zu haben.“

„Fieber im Blut“ von Elia Kazan („Splendor in the Grass“, 1961)


Man würde Elia Kazan gerne glauben, wenn er sagt: „Ich wähle Schauspieler, die ganz normal aussehen“ (dachte der Taktlose dabei an seine spätere Frau Barbara Loden, Darstellerin der zweiten Hauptrolle in „Fieber im Blut“?). Tatsächlich mochte er überrascht werden: „Oft arbeite ich mit unerfahrenen Schauspieler. Das gefällt mir, auch, wenn man nicht immer so schnell vorankommt, wie man gerne möchte. Wenn mir jedoch ein Schauspieler sagt, er wisse, was er zu tun habe, dann geht gar nichts mehr.“ Der junge Warren Beatty mit seinem zurückhaltenden Spiel, das von den Kritikern zunächst verrissen wird, begeistert ihn, der wie besessen nach einem neuen James Dean sucht. In „Fieber im Blut“ entscheiden der Materialismus, der Erfolg um jeden Preis und der Puritanismus der USA kurz vor dem Börsenkrach 1929 über das Schicksal zweier junger Liebender. Sie: Natalie Wood, die bereits bekannt ist, aber der die Rolle der bescheidenen Wilma Loomis - chaotisch, geprellt, neurotisch, mit berauschenter Schönheit – wie auf den Leib geschrieben ist. Er: Warren Beatty, ein etwas unsicherer Anfänger, den jedoch schon vom Gedanken beherrscht ist, als ernsthafter Schauspieler anerkannt zu werden. Beatty, in der Rolle von Bud Stamper, ist vor allem von Kazan beeindruckt; er möchte lernen, wie man einen Film dreht. Er ähnelt den Leinwandverführern des vorausgegangenen Jahrzehnts (Rock Hudson, Tony Curtis): der untere Teil des Gesichts drückt Sinnlichkeit aus, der obere Intelligenz. Kazan mag introvertierte Schauspieler (Marlon Brando, James Dean). Warren Beattys Mutter ist Schauspiellehrerin, seine Schwester Shirley MacLaine schon eine Berühmtheit. Natalie Wood hat sich gerade von Robert Wagner getrennt, der später wieder eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielen wird. Man sagt ihr nach, dass sie sich immer auf ihren Filmpartner oder den Regisseur fixiere, wenn sie sich wirklich in einen Film eingebracht hat. Prompt verliebt sie sich in Warren Beatty. Er ist abenteuerlustig und unentschlossen und damit das krasse Gegenteil von Robert Wagner. Beatty verlässt Joan Collins für Nathalie, die noch nicht geschieden ist. Nathalie steht stark unter Warrens Einfluss. Eines Abends, als das Paar in einem angesagten Club ausgeht, schlägt Nathalie wegen Warrens eifersüchtiger Reaktion eine Einladung an den Tisch von John F. Kennedy aus. Der Übermittler der Einladung traut seinen Ohren nicht: ein Korb für den amerikanischen Präsidenten! Beattys Unberechenbarkeit zerstört allmählich die Beziehung. Nur in der Wahl seiner Rollen hat Beatty einen völlig sicheren Griff.

In „Fieber im Blut“ warnt Wilmas Mutter ihre Tochter vor den Jungs, die „nur das eine wollen“, während Buds Vater seinem Sohn rät, so oft wie möglich mit Frauen zu schlafen, sich aber vor den Fesseln der Ehe zu hüten. Keine gute Ausgangsbasis für eine Beziehung. Als Shirley MacLaine mitten in einer ihrer Shows von einer Zuschauerin nach Warren gefragt wird, antwortet sie: „Sie wollen Warren? Sie können ihn haben. Fast jede kann ihn haben.“ Der Frauenheld drehte anschließend in Rom den Part eines Gigolos in „The Roman Spring of Mrs. Stone“, nach einer Vorlage von Tennessee Williams, der dazu sagte: „Dort sehen Sie kaum einen jungen Mann auf der Straße, der keine Erektion hat. Sie schlendern die Via Veneto mit der Hand in der Hosentasche entlang.“ Warren Beatty hat seinen Weg gefunden, und Natalie Wood ist ihm nach wie vor zugetan Zuneigung. Über Kazan sagte sie: „Mit ihm gab es keinen Leerlauf, bei ihm sind wir immer beschäftigt.“

„…und ewig lockt das Weib“ von Roger Vadim (1956)

Was ist von der „Madrague“-Epoche übrig geblieben? Darüber schieden sich die Geister bereits vor 50 Jahren. Dialoge „frei Schnauze“, natürlicher Dekor und (damals) unbekannte Darsteller verliehen „…und ewig lockt das Weib“ etwas radikal Modernes, das zuweilen als aufgesetzt kritisiert wurde - vor allem von denen, die das Drehbuch als relativ klassisch empfanden. Brigitte Bardot spielt die verführerische Protagonistin, die am Ende selbst einem überlegenen Verführer erliegt. Der Hauch von Emanzipation weicht also rasch der üblichen männlichen Domination in dieser bewegten Dreiecksbeziehung: ein Mädchen aus sozial niedrigen Verhältnissen, ein Sohn aus gutem Hause und ein alter Playboy. Das Wildkätzchen, das die Männer verrückt macht, wird schließlich handzahm. Der Film spiegelt damit eher eine gewisse Vorstellung von der damaligen Jugend wider, als dass er sie verkörpert. Und wie stehen die Schauspieler selbst dazu? Jean-Louis Trintignant, von Haus aus Theaterschauspieler: „Mein einziger ‚Gewinn’ war, dass ich auf dem Bildschirm, den verklemmten, schüchternen Jungen sah, mit dem ich im Leben brechen wollte! Ich konnte also nicht raus aus meiner Haut.“

Trotzdem gewinnt er die Sympathie des Publikums, „vielleicht wegen seines Lächelns oder seines ruhigen, nachdenklichen Gesichts“ (L’Humanité, 1956). Und wie war das mit Brigitte Bardot? „Wie stellen Sie sich denn vor, dass ich mit diesem Typ eine Liebesszene drehe! Er ist hässlich! Jedenfalls nicht mein Typ“, keift sie vor Drehbeginn. Vier Wochen später hat sie sich in ihn verliebt. Der brave junge Mann kann allerdings auch den tyrannischen Liebhaber herauskehren: er fordert Liebesbeweise, gar ein Opfer von der, die zu jener Zeit mit dem Regisseur des Films (sic!), Roger Vadim, liiert ist. Er droht, sie nie wiederzusehen, sollte sie Vadim nicht stante pede verlassen. Die Medien treten die Affäre breit, was Trintignant nicht gefällt, denn er steht am Beginn seiner Laufbahn und würde ein Renommee als guter Schauspieler dem des Liebhabers vorziehen. Ein Zitat aus der Presse: „Er ist zärtlich, nett… und eifersüchtig. Das ist Leidenschaft! Der einzige Wermutstropfen: Trintignant hat nicht gedient!“ Der ganze Buzz überschattet häufig das Werk selbst, einen Film mit unbekannten Darstellern, der überhaupt nur aufgrund des Mitwirkens des internationalen Stars Curd Jürgens gedreht werden konnte (und das in Farbe, bitteschön !). Bardot war zwar die erste, die sich in Frankreich mit einer Persönlichkeit wie der ihren durchsetzte, aber 1956 spielt sie nur wegen Roger Vadim im Film; tatsächlich hatte Vadim große Pläne für sie und drängte sie dazu, Filmstar zu werden. Brigitte Bardot, die sich letztlich wegen der Medien aus dem öffentlichen Leben zurückzog, über Jean-Louis Trintignant, der sie schließlich doch nicht ehelichte: „Ich habe mit ihm die schönste, intensivste, glücklichste Zeit dieses ganzen Lebensabschnitts verbracht. Eine Zeit der Sorglosigkeit, der Freiheit, und – welch Wunder! – der Anonymität!“

„Schöne des Tages“ von Luis Buñuel (1967)


„Ich liebe dich, du hast so hübsche Narben“ gehört noch zu den harmlosesten Aussagen in dieser Verfilmung des gleichnamigen Romans von Joseph Kessel durch Luis Buñuel und Jean-Claude Carrière. Wirklichkeit und Fantasie, Bourgeoisie und Prostitution. Wer entwirrt die Fäden? Jedenfalls nicht der Regisseur, ebensowenig wie er die Funktion der berühmten Schatulle erklärt, die ein asiatischer Kunde Séverine (Catherine Deneuve) schenkt. Séverine ist die perfekte Gattin eines jungen und schon renommierten Chirurgen, die sich jedoch zwischen 14.00 und 17.00 Uhr prostituiert. Nichts wird verhüllt, alles wird gesagt und zuweilen sogar diskret gezeigt. Wie gelang es dem Regisseur, eindeutige Szenen so zu drehen, dass sie rätselhaft werden? Buñuel: „Ich weiß, dass die Schatulle neugierig macht, weil sie brummt. Séverine wirft einen Blick hinein und nimmt den Vorschlag des Kunden an. Bestimmt etwas für eine unvermutete Sexvariante…das hat mehr Fantasien angeregt als ich jemals gedacht hätte!“ (1)

Einige finden den Film altmodisch. Die Zeitschrift „Combat“ kommentiert: „Die Damen der oberen Pariser Gesellschaft haben keine sexuellen Tabus mehr. Man könnte diese Geschichte glauben, wenn sie in Spanien, in Bordeaux oder Rouen spielen würde.“ Aber in welcher Zeit? Man sieht kein Fernsehen, hört kein Radio, keine Beatles, keine Musik. Buňuel interessiert Séverines Versessenheit auf Übertretung und Perversion, ihre gespaltene Persönlichkeit - viel mehr als Séverine selbst oder die französische Gesellschaft der 1960er-Jahre. Catherine Deneuve, deren unterkühlte Schönheit schon damals viele zum Träumen bringt, ist für die Rolle der frigiden und eleganten Séverine die ideale Besetzung. Wie sie später selbst sagt: „Ich weiß, dass mir seit „Schöne des Tages“ das Image der eleganten und kalten Blondine anhaftet. Trotz all der verschiedenen Filme, die ich seitdem gedreht habe, identifiziert mich das Publikum immer noch am meisten mit diesem.“ Drehbuchautor Jean-Claude Carrière kommentiert: „Das Verführerisch an ihr ist ihr Aspekt der Reinheit und Unberührtheit, was natürlich mit den Abenteuern der Figur kontrastiert, die dadurch umso stärker wirken.“

Die Dreharbeiten erlebt Catherine Deneuve jedoch als Zumutung. Buñuel ist wortkarg, er verlangt von ihr, langsam zu sein, was die junge Frau verunsichert, die gerade zuvor „Die Mädchen von Rochefort“ von Jacques Demy und „Leben im Schloss“ von Jean-Paul Rappeneau gedreht hat, beide quicklebendig und mit viel Text. Buñuel geht völlig unpsychologisch vor und unternimmt nichts, um seiner Schauspielerin, die sich nicht zu sehr entblättern will, die Angespanntheit zu nehmen. An einem Tag soll sie, nur in einen schwarzen Schleier gehüllt, einem Butler folgen. Alle versichern ihr, man sehe nichts. Als sie jedoch die Rohschnitte entdeckt, wird Catherine Deneuve wütend: der Schleier war völlig durchsichtig. Für „Schöne des Tages“ arbeitete Catherine Deneuve zum ersten Mal mit dem erst 30 Jahre alten Modeschöpfer Yves Saint-Laurent für einen Film zusammen. Mode waren damals Miniröcke. Er entwirft die Kleider der Schauspielerin, verlängert sie aber etwas: so trägt auch er dazu bei, dass dieser Film so zeitlos wirkt. Die Mädchen in dem Puff, in dem Séverine von 14.00 bis 17.00 Uhr arbeitet, begeistern sich für ihre Kleider: „Wie gut das geschnitten ist, und wie gut genäht! Wie schön! Kunststück, gut gekleidet zu sein, wenn man es sich leisten kann.“ Einige Tage vor Drehbeginn wirbt Deneuve durch ihre Anwesenheit für die Eröffnung der YSL-Boutique Rive Gauche, rue de Tournon.

Julien Welter

(1): „Les Cahiers du Cinéma“ (1993)
Buchtipps:
„Deneuve, l'affranchie: biographie“ von Bernard Violet (Flammarion, 2007)
„Catherine Deneuve: une biographie“ von Alexandre Fache (Presses de la cité, 2004)
„Catherine Deneuve“ von Gerber Françoise (PAC, 1981)
„Natalie: a memoir by her sister“ von Lana Wood (Columbus Books, 1984)
„Natalie Wood: a life“ von Gavin Lambert (Knopf, 2004)
„The films of Warren Beatty“ von Quirk Lawrence (Citadel press, 1979)
„Ich, Romy: Tagebuch eines Lebens“ von Romy Schneider (Piper, Neuausgabe 2002)
„Romy Schneider“ von S. Pommier & P. J-B. Benichou (PAC, 1981)
„Romy Schneider: princesse de l'écran“ von Françoise Arnould, Françoise Gerber (Favre, 1987)
„Le Carré de Pluton: mémoires“ von Brigitte Bardot (Grasset, 1999)
„B. B.: Memoiren“ von Brigitte Bardot (Lübbe, 1998)
„La passion tranquille / Jean-Louis Trintignant“ Gespräche mit André Asséo (Plon, 2002)

Belle de Jour - Schöne des Tages
Freitag 4. März 2011 um 02.25 Uhr
Keine Wiederholungen
(Frankreich, Italien, 1966, 95mn)
ARTE F

Erstellt: 17-09-08
Letzte Änderung: 23-09-08