C. Bernd Sucher: Von den zehn Dramatikern, die hier auf der Liste sind, gibt es in 100 Jahren wahrscheinlich nur einen, der uns nicht überleben könnte. Nämlich Sartre, zumindest in seiner Funktion als Dramatiker. Der andere Knackpunkt in dieser Liste ist Brecht. Er ist wichtig für die Entwicklung des Theaters, aber seine Stücke, wie auch die Sartres, sind sehr an eine bestimmte Gegenwart, an eine konkrete politische Situation gebunden. Das Verfallsdatum ist bei beiden schon längst überschritten. Bei den anderen denke ich, dass sie kein Verfallsdatum haben.
ARTE: Sie haben aber doch sicher einen Favoriten …
C. Bernd Sucher: Meine ersten drei wären Tschechow, Shakespeare, Beckett.
ARTE: Darunter ist kein deutscher Dramatiker.
C. Bernd Sucher: Nein. Die deutschen Dramatiker auf dieser Liste sind alle ganz wichtig zum Lesen, aber Goethes „Faust“ etwa ist wahrscheinlich das meist überschätzte Stück der Weltliteratur. Das Stück bietet als aufgeführter Text relativ wenig. Das Gleiche gilt ganz sicherlich für Brecht und für Schillers späte Stücke. Was die deutschen Dramatiker betrifft, so sind lediglich ihre frühen Stücke toll. Je älter und erfolgreicher die wurden, desto schlimmer wurden ihre Stücke.
ARTE: Für das Projekt „Europas Erbe“ treffen ein uraltes Kunst- und Kulturmedium der Menschheit und ein modernes Massenmedium des 21. Jahrhunderts aufeinander. Wie kann das funktionieren?
C. Bernd Sucher: Was mich überrascht und auch erfreut hat, ist, dass diese Filme viel, viel bunter sind als jede bisherige Dokumentation, die ich kenne. Sie sind witziger und auch populärer. Was nicht bedeutet, dass das Wichtigste, was es über diese Menschen zu sagen gibt, nicht auch gesagt wird. Aber man sagt es in einer Form, die sehr fernsehgemäß ist. Es gibt darin Comics und New Enactments. Das heißt, wir spielen Szenen neu, und zwar nicht in historischen Kostümen, sondern modern. Ibsen etwa arbeitet in einer Apotheke von heute, und es kommen Menschen rein, die Aspirin kaufen. Und doch ist Ibsen, seiner Biografie entsprechend, der Apothekerlehrling. Dieser Apothekerlehrling möchte gerne Dichter werden. Das kann er nicht und schwängert stattdessen eine Putzfrau. Die Filme zeigen keine ferne Welt, sondern unsere.
ARTE: Aber bei Sophokles z.B. landet man doch automatisch in einem antiken Setting, einem Amphitheater.
C. Bernd Sucher: Ja, aber Sophokles funktioniert gut über Witz und Komik. Wir haben in allen Dokumentationen sehr viel mit Theaterverfilmungen gearbeitet. Auch das zeigt, dass Theater längst nicht mehr nur auf der Bühne stattfindet, sondern die Stoffe dieser Dramatiker so spannend sind, dass auch Filmemacher sie seit langem benutzen.


C. Bernd Sucher: Es ist ein Wagnis, klar. Aber ich glaube nicht, dass das Theater ein altmodisches Medium ist. Übers Jahr gerechnet – das war mal das Argument des großen alten Mannes des Nachkriegstheaters, August Everding – gehen in Deutschland tatsächlich mehr Leute ins Theater als in Fußballstadien. Also kann es so langweilig nicht sein.
ARTE: In den Filmen präsentiert jeweils ein Pate „seinen“ Dramatiker. Isabelle Huppert stellt Ibsen vor, Marianne Faithfull Shakespeare, Jonathan Meese widmet sich Goethe. Wie kam es dazu?
C. Bernd Sucher: Um die Dokumentationen lebendiger zu machen, suchte man Theaterliebhaber, die populär sind. Die Paten agieren wie Fremdenführer, sie begleiten den Zuschauer durch die Dokumentation und machen prinzipielle Aussagen über den Dramatiker.
ARTE: Wie kam es etwa zu der Entscheidung für Oleg Popov als Paten für Beckett?
C. Bernd Sucher: Beckett hat immer gesagt, dass seine Figuren Clowns und Spaßmachern ähneln. Man kann Becketts Figuren zwar nicht verorten, aber ihre Texte sind witzig. Deshalb ein Clown als Pate.
ARTE: In der Auswahl der besten zehn kommen keine Gegenwartsdramatiker vor: Geben Sie uns doch bitte einen kleinen Ausblick in die zeitgenössische europäische Dramatik.
C. Bernd Sucher: Die lebendigste, experimentierfreudigste zeitgenössische Dramatik kommt tatsächlich von deutschsprachigen Autoren. Das postdramatische Theater, die Dekonstruktion und die Dekomposition sind deutsche Erfindungen. In jüngster Zeit hat sich aber gezeigt, dass auch die deutschen Gegenwartsdramatiker, etwa Moritz Rinke und Roland Schimmelpfennig, wieder eine geradlinig erzählte Geschichte im Theater haben wollen. Und dass es wieder einen Helden gibt. Insgesamt finden die dramatischen Richtungen in ganz Europa wieder näher zusammen. Man tendiert wieder zu einem eher konventionellen Theater. Das hat natürlich auch etwas mit dem Verhalten der Zuschauer zu tun. Diese wollen offenbar lieber eine stringent erzählte Geschichte als etwas, das sie sich im Kopf wieder zusammenbasteln müssen und oft gar nicht können.
ARTE: Was passiert, wenn ARTE im Finale den „bedeutendsten Dramatiker“ kürt?
C. Bernd Sucher: Was ich mir wünsche, ist nicht, dass die Theater mit ihren Spielplänen reagieren, sondern die Zuschauer. Die Erfahrung zeigt ja, dass die Menschen Hunger haben, etwas zu erfahren, was sie nicht wissen. Sie brauchen nur einen Anstoß. Die Dokumentationen sollen neugierig machen, sie erzählen nicht die ganze Geschichte dieser Dramatiker. Die Zuschauer, die das Ende erfahren wollen, müssen sich anschließend das Reclam-Heftchen kaufen.
ARTE: Das machen dann die Bildungsbürger unter den Fernsehzuschauern …
C. Bernd Sucher: Theater ist nicht nur etwas für Bildungsbürger. Das ist Quatsch. Wenn es ein „Erbe Europas“ ist, dann werden die jungen Europäer auch merken, dass ihr Leben mit Shakespeare, Sophokles oder Brecht mehr Spaß macht als ohne.
ARTE: Der Zuschauer soll also wieder Lust bekommen auf Theater?
C. Bernd Sucher: Ja. Man muss sich endlich von der Idee verabschieden, dass Theater nur mit Vorwissen funktioniert. Die Schwellenangst ist auch nicht Geld, sondern die Tatsache, dass die Lust am Theater nicht geweckt worden ist. Diese Sendereihe könnte Menschen, die bisher gesagt haben „Theater ist nichts für mich“, dazu bringen, zu sagen: „Oh, das ist ja vielleicht doch ganz spannend.“
Das Gespräch führte Katrin Ullmann







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