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27/08/08

Folgen der Kinderarmut

Kinderarmut lässt sich nicht nur an materiellem Mangel festmachen. Kinder aus armen Familien sind in vieler Hinsicht benachteiligt und ausgegrenzt, leiden oft mehr unter den Folgen der Armut als an den materiellen Einschränkungen. Kinder aus armen Familien sind schlechter ernährt, öfter krank, fehlen häufiger in der Schule. Neben dem Mangel an materiellen Dingen fehlt es oft an Zuwendung, Erziehung und Bildung. Was genau ist Armut - und was bedeutet es für die Kinder, in Armut aufzuwachsen?

In fast allen EU-Ländern sind Kinder in wesentlich höherem Ausmaß von Armut betroffen als Erwachsene. Laut Statistischem Bundesamt sind 13 % aller Deutschen armutsgefährdet, darunter 1,7 Mio. Kinder. Die Nationale Armutskonferenz geht sogar von einer Dunkelziffer von bis zu drei Mio. Kindern aus, die in Familien mit einem Einkommen in Höhe des Existenzminimums leben. Vor allem Kinder mit nur einem Elternteil, kinderreiche Familien und Kinder mit Migrationshintergrund sind von Armut bedroht.

Verhungern müssen arme Kinder in Europa normalerweise nicht mehr. Paradoxerweise leiden sie eher an einem Mangel an Fürsorge und Verwahrlosung, denn zur finanziellen Belastung gesellt sich in vielen Familien der Frust. Arbeitslose Eltern verlieren an Selbstwertgefühl, sehen sich als Versager, versinken in Depressionen. Ihnen fehlt häufig die Kraft und die Disziplin, sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern. Viele Schüler gehen morgens ohne ordentliches Frühstück aus dem Haus, statt gesundem Essen füllt Junkfood den Magen. Die Folgen einer solchen Fehlernährung sind gerade bei Kindern gravierend. Der europaweit größten Kinderstudie des Robert-Koch-Instituts Berlin, "KiGGS", sind 15 % aller Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren übergewichtig, 6,3 % gelten als adipös.

Entwicklungsstörungen häufig zu spät erkannt
Kinder aus armen und sozial schwachen Familien fallen zudem häufiger durch Entwicklungsstörungen auf als ihre besser gestellten Altersgenossen. Im Gegensatz zu Frankreich, wo ein Großteil der Dreijährigen die Vorschule besucht und der Besuch der Vorsorgeuntersuchungen an die Zahlung des Kindergelds gebunden ist, sehen in Deutschland nicht wenige Kinder den Arzt zum ersten Mal bei der Einschulung. Dabei könnten durch eine engere Kontrolle Probleme wie psychomotorische Rückstände und Sprachprobleme rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Auch andere soziale Ungleichheiten könnte eine bessere frühkindliche Betreuung ausgleichen: Im Kindergarten erwerben Kinder viele Fähigkeiten, die sie heute oft aus dem Elternhaus nicht mehr mitbringen - aufräumen, Schuhe zubinden, gemeinsam essen, und nicht zuletzt gesellschaftliche Werte wie Respekt und Toleranz.
Die bestehenden Ungleichheiten setzen sich im deutschen Schulsystem fort. In kaum einem anderen Land haben die sozialen Unterschiede im Elternhaus und die Wohngegend einen so großen Einfluss auf die schulische Bildung der Kinder wie in Deutschland. Arme Kinder gehen seltener aufs Gymnasium, Lehrer geben ihnen oft selbst dann keine Empfehlung fürs Gymnasium, wenn sie gleich gute Noten haben wie Kinder aus reicheren Familien. In jedem Stadium der Schulbildung erreichen Mittelklasse-Schüler bessere Ergebnisse als Kinder aus Arbeiterfamilien.
Migrantenkinder haben es nach wie vor besonders schwer. Kulturelle und sprachliche Barrieren erschweren nicht nur den Zugang zum medizinischen Versorgungssystem, sondern auch den schulischen Fortschritt. Auch wenn mittlerweile in vielen Schulen und Kindergärten über spezielle Programme Muttersprache und Zweitsprache Deutsch zugleich gefördert werden, gibt es laut Pisa-Studie kein anderes Untersuchungsland, das seine Migrantenkinder so schlecht bildet wie Deutschland.

Kaum Kommunikation im Elternhaus

Diese schlechten Ausgangsbedingungen bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die Motivation. Zur Schule zu gehen ist für viele eine Pflicht, aber nicht existenziell für das zukünftige Leben. Die Fähigkeit lesen und schreiben zu lernen ist für viele Kinder auch deswegen mit großen Belastungen verbunden, weil in ihren Familien häufig überhaupt nur wenig kommuniziert - und dafür umso mehr ferngesehen wird. Laut einer aktuellen UNICEF-Studie beklagen in Deutschland 40% der befragten Kinder, dass ihre Eltern nicht richtig mit ihnen reden – Deutschland belegte damit den letzten Platz im internationalen Vergleich.
In immer höherem Ausmaß müssen Lehrer und Erzieher Aufgaben übernehmen, die die Eltern nicht mehr leisten können. In ausgeprägten Problemvierteln reichen die bisherigen Mittel dafür aber schon längst nicht mehr aus – die Klassen sind zu groß, die Betreuungsquote zu gering. Und in dem Maße, in dem arme Viertel von besser gestellten Familien verlassen werden und sich „schwierige“ Schüler in „Problemschulen“ konzentrieren, werden die Probleme weiter zunehmen.
Soziale Ausgrenzung beginnt auf dem Schulhof
Interview:
  • Vor allem Rückhalt im Elternhaus und positive Kontakte zu Gleichaltrigen machen Kinder "widerstandsfähiger" und helfen ihnen, mit der Armut besser umzugehen.
    Prof. Margherita Zander im Interview.
Auch wenn in der Familie auf gutes Essen und Schulbildung geachtet wird, an Kleidung und Freizeitaktivitäten müssen alle mittellosen Familien sparen. Und je älter die Kinder werden, desto deutlicher erleben sie diesen Verzicht als soziale Ausgrenzung. Nach wie vor fungieren Markenartikel, Handys und MP3-Player auf dem Schulhof als Statussymbol. Wer sie sich nicht leisten kann, wer nicht zum Geburtstag einladen oder am Schulausflug teilnehmen kann, wird schnell zum Außenseiter.
Kinder brauchen viel Selbstbewusstsein, um das zu verkraften. Da verwundert es nicht, dass Kinder aus sozial schwachen Familien sich einer neuen Studie zufolge auch häufig einsam fühlen. Sie klagen über mangelnde Kontakte, leiden unter Ängsten, Depressionen und mangelndem Selbstvertrauen.
Dennoch muss Einkommensarmut nicht zwangsläufig zu eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten führen. Ein guter Familienzusammenhalt, ein fördernder Erziehungsstil, das Gefühl von Geborgenheit und das Vorhandensein stabiler sozialer Netzwerke sind wichtige Schutzfaktoren, die ungünstige materielle Bedingungen vor allem in den ersten Lebensjahren abfedern können. Gemeinsame Aktivitäten und Mahlzeiten können den Anfang machen.

Erstellt: 31-10-07
Letzte Änderung: 27-08-08