Ankunft in Port-au-Prince
Die Leichen, die auf dem Boden herumlagen, wurden zum Teil aufgesammelt. Es bleibt der abscheuliche Geruch. Die Überlebenden haben sehr schnell ein Gegenmittel gefunden. Um diesen Gestank von Tod zu lindern, schmieren sie sich Menthol-Zahncreme auf die Oberlippe. Und sehr schnell kehrt wieder der Alltag ein. Die ersten Straßenverkäufer kehren auf die Bürgersteige zurück. Ihr Stand ist übersichtlich: wenige aufgesammelte Früchte, aber egal: Sie sind da und leben…
Die lautlose Not der Haitianer
Was mir bei diesen außergewöhnlichen Dreharbeiten in Erinnerung bleiben wird, das sind die Begegnungen. Zunächst die mit Michaelle. Die füllige, um die 50 Jahre alte Frau hat ihr ganzes Leben in Port-au-Prince als Restaurantbesitzerin verbracht. Ihr Restaurant war das älteste auf der Insel. Als wir sie trafen, war sie gerade sehr beschäftigt und rannte in Port-au-Prince umher. Ihre Energie faszinierte uns, denn ihr Restaurant, das zum Teil zerstört ist, existiert nicht mehr. Wir gingen hin und sahen, dass sie es in eine Notfallstation umfunktioniert hatte. In ihrem Hof werden gut 100 Menschen versorgt, die mehr oder weniger stark verletzt sind…
Seit dem 12. Januar verbringt Michaelle ihre ganze Zeit mit der Suche nach Lebensmitteln und Medikamenten, denn die Menschen, die sie aufnimmt, bekommen keine Behandlung und keine Hilfe. „Mein neuer Vollzeitjob“ ruft sie uns mit einem Lächeln zu, das nie aus ihrem Gesicht weicht. Eine Runde im Hof zeigt uns das Ausmaß der Tragödie. Jeder Verletzte zählt die Toten in seinem Umfeld auf. Keine einzige Familie scheint verschont worden zu sein. Und doch wird nicht geweint. Die Not der Haitianer bleibt lautlos.
Diese Lautlosigkeit ist auch Madame Paule eigen. Als wir zu ihr kommen, übt sie gerade Lesen mit einem kleinen Mädchen, das den wunderbar passenden Namen „Lovely“ trägt. Madame Paule scheint direkt von einer Modenschau des Couturiers Paul Poiret zu kommen, so elegant ist sie. Nach neun Tagen Camping unter freiem Himmel ist sie perfekt geschminkt und trägt ein besticktes Kopftuch über einem gekonnt zusammengefassten Dutt. Sie sitzt dort und wartet geduldig mit Lovely an ihrer Seite. Michaelle stellt sie uns vor. Diese fast 80jährige Frau hat alles verloren. Sie war Inhaberin des Schönheitssalons in der Straße; das Gebäude ist innerhalb von wenigen Sekunden wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen.
Die Leute aus dem Viertel kamen Madame Paule zur Hilfe. Die alte Dame ist auf der Insel eine Berühmtheit. In tadellosem Französisch erzählt sie uns von Paris, wo sie kurz nach dem Krieg ihr Studium absolviert hat. Sie war damals eine der Ersten, die eine Schönheitscreme für Dunkelhäutige entwickelt hat. Über ihre Situation seit dem Erdbeben verliert sie kein Wort. Ohne das geringste Zittern in der Stimme spricht sie nur die Tatsache an, dass das Leben weitergehen muss. „Und um weiterzumachen, muss wieder aufgebaut werden“, erläutert sie. „Die Überlebenden sind dies den Toten schuldig.“
Solidarität in der Hoffnungslosigkeit
von Sophie Rosenzweig, Arte-Sonderkorrespondentin in Haiti







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