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ARTE Journal - Januar 2010 - 02/02/10

Fotogalerie: Tapferkeit und Solidarität in der Not

NeunTage nach dem Erdbeben kam ich an, um mit meinem Kameramann und Cutter Wissam Charaf zusammenzuarbeiten und meine Kollegin Hérade Feist abzulösen. Ich war auf das Schlimmste gefasst, nachdem ich die ganze Woche vor meiner Abreise die Reportagen der Sonderkorrespondenten der verschiedenen Sender verfolgt hatte, die uns mit ihren Bildern überfluteten – eines grauenhafter als das andere.

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Ankunft in Port-au-Prince


Neun Tage nach dem Erdbeben qualmt es in der zerstörten Stadt noch immer. Aufgefallen sind mir gleich nach der Ankunft in der haitianischen Hauptstadt die hastig geschriebenen und an den Trümmern befestigten Schilder, „We need help“ – „Wir brauchen Hilfe“, mit der Zahl der Überlebenden darunter. Die „SOS“ in dieser erstaunlich ruhigen Stadt, in der man verstörten, grauen Überlebenden begegnet, die von Staub bedeckt noch nach Angehörigen in den Trümmern suchen.


Die Leichen, die auf dem Boden herumlagen, wurden zum Teil aufgesammelt. Es bleibt der abscheuliche Geruch. Die Überlebenden haben sehr schnell ein Gegenmittel gefunden. Um diesen Gestank von Tod zu lindern, schmieren sie sich Menthol-Zahncreme auf die Oberlippe. Und sehr schnell kehrt wieder der Alltag ein. Die ersten Straßenverkäufer kehren auf die Bürgersteige zurück. Ihr Stand ist übersichtlich: wenige aufgesammelte Früchte, aber egal: Sie sind da und leben…


Trotz Trümmer und Geröll, die die Hauptverkehrsadern der Hauptstadt versperren, sieht man in Port-au-Prince auch wieder Staus. Auf den stark beschädigten Straßen fahren die bunten Busse, in denen sich die Haitianer so gut es eben geht drängen. Denn die Überlebenden wollen raus aus der Hauptstadt, in der noch fast täglich Nachbeben auftreten. Leichte Erschütterungen, die immer die gleiche Reaktion der Überlebenden zur Folge haben: Bei dem geringsten Beben, leicht oder stark, eilen alle – ob Tag oder Nacht – hinaus unter den freien Himmel. Ein Reflex, den man sich nach dem 12. Januar schnell angeeignet hat.


Die lautlose Not der Haitianer



Was mir bei diesen außergewöhnlichen Dreharbeiten in Erinnerung bleiben wird, das sind die Begegnungen. Zunächst die mit Michaelle. Die füllige, um die 50 Jahre alte Frau hat ihr ganzes Leben in Port-au-Prince als Restaurantbesitzerin verbracht. Ihr Restaurant war das älteste auf der Insel. Als wir sie trafen, war sie gerade sehr beschäftigt und rannte in Port-au-Prince umher. Ihre Energie faszinierte uns, denn ihr Restaurant, das zum Teil zerstört ist, existiert nicht mehr. Wir gingen hin und sahen, dass sie es in eine Notfallstation umfunktioniert hatte. In ihrem Hof werden gut 100 Menschen versorgt, die mehr oder weniger stark verletzt sind…


Seit dem 12. Januar verbringt Michaelle ihre ganze Zeit mit der Suche nach Lebensmitteln und Medikamenten, denn die Menschen, die sie aufnimmt, bekommen keine Behandlung und keine Hilfe. „Mein neuer Vollzeitjob“ ruft sie uns mit einem Lächeln zu, das nie aus ihrem Gesicht weicht. Eine Runde im Hof zeigt uns das Ausmaß der Tragödie. Jeder Verletzte zählt die Toten in seinem Umfeld auf. Keine einzige Familie scheint verschont worden zu sein. Und doch wird nicht geweint. Die Not der Haitianer bleibt lautlos.


Diese Lautlosigkeit ist auch Madame Paule eigen. Als wir zu ihr kommen, übt sie gerade Lesen mit einem kleinen Mädchen, das den wunderbar passenden Namen „Lovely“ trägt. Madame Paule scheint direkt von einer Modenschau des Couturiers Paul Poiret zu kommen, so elegant ist sie. Nach neun Tagen Camping unter freiem Himmel ist sie perfekt geschminkt und trägt ein besticktes Kopftuch über einem gekonnt zusammengefassten Dutt. Sie sitzt dort und wartet geduldig mit Lovely an ihrer Seite. Michaelle stellt sie uns vor. Diese fast 80jährige Frau hat alles verloren. Sie war Inhaberin des Schönheitssalons in der Straße; das Gebäude ist innerhalb von wenigen Sekunden wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen.


Die Leute aus dem Viertel kamen Madame Paule zur Hilfe. Die alte Dame ist auf der Insel eine Berühmtheit. In tadellosem Französisch erzählt sie uns von Paris, wo sie kurz nach dem Krieg ihr Studium absolviert hat. Sie war damals eine der Ersten, die eine Schönheitscreme für Dunkelhäutige entwickelt hat. Über ihre Situation seit dem Erdbeben verliert sie kein Wort. Ohne das geringste Zittern in der Stimme spricht sie nur die Tatsache an, dass das Leben weitergehen muss. „Und um weiterzumachen, muss wieder aufgebaut werden“, erläutert sie. „Die Überlebenden sind dies den Toten schuldig.“


Solidarität in der Hoffnungslosigkeit


Solidarität scheint hier selbstverständlich. Diese Bilder lassen bleiben mir im Gedächtnis: Die Wasserflasche, die in dem riesigen Lager für die Überlebenden auf der Place du Champ de Mars von einer Hand in die andere wandert. Eine in acht Teile geteilte Ration, die von einem französischen Gendarm an die Kinder verteilt wird. Gesten, die nichts mit den Plünderungsszenen gemein haben, die von einigen Medien als beispielhaft dargestellt werden. Solidarität in der totalen Mittellosigkeit… Solidarität auch übers Radio. Signal FM hat seine Arbeit nie eingestellt und sendet aus den Trümmern der Radiostation. Tag und Nacht werden ununterbrochen die Namen von Überlebenden verlesen, die ihre Angehörigen suchen. Eines Morgens die Sensation: Das Radio verbreitet eine unvorstellbare Neuigkeit. Zwölf Tage nach dem Beben gelingt es Adolfo, eine SMS zu verschicken! Adolfo ist in den Trümmern eines der großen Supermärkte im Viertel Delmas lebend begraben. Die Bevölkerung wird von Signal FM mobilisiert. Aber der junge 21 jährige Mann schafft es nicht: Bei dem Versuch, ihn auszugraben, wird er zerquetscht…


Ich verließ Port-au-Prince mit einem beklemmenden Gefühl. Und ich möchte nur eines: Bald all diese würdevollen Haitianer und eine auferstandene Stadt wiedersehen.


von Sophie Rosenzweig, Arte-Sonderkorrespondentin in Haiti

Erstellt: 29-01-10
Letzte Änderung: 02-02-10