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Cannes 2007 - 11/09/08

Fragen an Richard Bellia

Woher kommen Sie und wie sind Sie Rockfotograf geworden?
Ich bin 44 und komme aus Lothringen. 1980 habe ich mir meinen ersten Fotoapparat gekauft und angefangen, bei Konzerten Fotos zu machen. Damals arbeitete ich für ein Fanzine in Nancy. Fünf Jahre lang bin ich viel herumgereist, von einem Konzert zum anderen. Im Sommer 85 habe ich mir ein Interrail-Ticket geleistet. Ich habe The Cure beim Paléo-Festival gesehen, und dann in Athen. In einem Rutsch von Nyon nach Athen, das waren noch Zeiten! Danach kam London. Da war ich Hausbesetzer und habe für Zeitschriften wie „NME“ und „Melody Maker“ gearbeitet. Ich weiß nicht, wie viele Fotos ich in dieser Zeit geschossen habe, aber jedenfalls eine ganze Menge. Von 1987 bis 1988 habe ich alles Mögliche gemacht. 1992 bin ich nach Frankreich zurückgekommen.

Musikalisch gesehen war das nicht gerade die interessanteste Zeit…
Immerhin gab es die Stranglers, die Talking Heads, die Happy Mondays, The Jesus and Mary Chain. Und es war auch die Ära von Live Aid und die große Zeit der Stadionrocker. U2 konnte ich von dem Tag an nicht mehr leiden, an dem sie aufhörten, auf die Bühne zu stürmen und sich angewöhnt haben, zu feierlicher Klaviermusik langsam reinzukommen, während Bono „God bless you!“ in die Menge rief.

Welche Band war für Sie die größte dieser Zeit?
Die Happy Mondays! Nein, My Bloody Valentine! Die Happy Mondays waren ein ziemlich harter Brocken.

Unter welchen Umständen haben Sie The Cure getroffen? Wie war ihr erster Eindruck von der Band?
1980 war ich auf meinem ersten Festival, das im Département Moselle auf einem Feld stattfand. Dabei waren The Cure, The Clash, deutsche Hardrock-Gruppen und Roxy Music. The Cure sind am Anfang aufgetreten. Es war trübes Wetter. Ich weiß noch, dass sie immer schneller und immer lauter gespielt haben. Am Ende waren wir fast froh, als sie aufhörten. Zwei Monate danach habe ich mir meinen ersten Fotoapparat gekauft, und noch mal zwei Monate später war ich wieder bei einem Konzert von The Cure. Das war im Oktober 1980. War echt stark. Total irre.

Auf Wunsch von Robert Smith haben Sie The Cure letzten Sommer bei verschiedenen Festivals fotografiert. Wie war die Stimmung in der Band, besonders nach der Rückkehr von Porl Thompson?
Bei „La Route du Rock“ (wie Sie wissen ein ausgezeichnetes Festival) ist Smith einmal in Begleitung seiner Frau erschienen, vor ihm gingen seine Eltern und hinter ihm die ganze Gruppe. Ein absolut fantastischer Anblick. Wie ein König mit seinem Gefolge! Alle waren geschminkt und schritten langsam dahin – es war wie eine Vision. Ich glaube, das ist das Bild, das mir von diesem Festival in Erinnerung geblieben ist. Ansonsten waren die Musiker alle gut drauf. Da sie ja schon seit Jahren an Fotosessions teilnehmen, haben sie sich angewöhnt, dabei zu reden und herumzualbern. Sie wissen genau, dass die Fotografen sich im Grunde nur für Smith interessieren und alle anderen nur verschwommen im Hintergrund zu erkennen sein werden.

In den achtziger Jahren haben Sie mit ausgesprochen eigenwilligen Bands wie The Clash, den Happy Mondays oder Joy Division gearbeitet. Welche Gruppen ragen heute sowohl musikalisch als auch durch ihre Einstellung aus der Masse heraus?
Sam Prekop, Beck, Acoustic Ladyland (sozusagen die White Stripes des Jazz, einfach genial), Ralph Myerz and the Jack Herren Band (ganz ohne Zweifel die beste Bühnenband des Jahres 2006), Clap Your Hands Say Yeah, Hanne Hukkelberg, Erik Sumo, 13th and God, und in Frankreich Triste Sire aus Lyon, drei verkommene Typen, aber ganz große Klasse.

Was ist ihr Geheimrezept für ein gutes Foto?
Da gibt es kein Rezept. Manchmal klappt es auf Anhieb und manchmal erst nach mehreren Anläufen. Auf jeden Fall würde ich nicht fünf Tage mit U2 in die Wüste ziehen, um Fotos für ein CD-Cover zu schießen. Ich bin eher von der Sorte: „Bitte lächeln, klick, danke!“. Mir ist aufgefallen, dass meine Modelle oft lachen, wenn sie mich angucken – in der „Bar des Docks“ habe ich ein paar Fotos aufgehängt, auf denen die Leute sich schlapp lachen. Der Anblick tut gut. Hast du noch nie bemerkt, dass z.B. in einem Magazin wie „Les Inrockuptibles“ alle immer total miesepeterig dreinschauen? Mir sind gut gelaunte Rocker lieber. Das Gefährliche ist, dass ein Fotograf sich nicht wirklich anzustrengen braucht: Er muss sich nicht lange und intensiv konzentrieren wie z.B. ein Schriftsteller. Du kannst einfach drauflos knipsen, vorausgesetzt, du weißt, wie man den richtigen Moment für das Foto erwischt.

Sie fahren mit dem Journalistenteam von ARTE nach Berlin, um ein tägliches Blog mit Texten und Fotos für die Website des Senders zu machen. Was versprechen Sie sich von dieser Erfahrung?
Arbeiten, gute Filme sehen, Leute treffen, Spaß haben. Ich kann es auch anders sagen: Ich habe festgestellt, dass man das Wort „Cannes“ auf drei verschiedene Arten aussprechen kann: Die High Society sagt „Caaaaaaaaaaannes“ (z.B. in dem Satz: „Oh neiiiin, die „Nuits Sonores“ finden während der Filmfestspiele in Caaaaaaaaaannes statt, da verpasse ich das „All-day“ von Laurent Garnier!“). Die, die zum Arbeiten hinfahren, sagen „Kann“ („Ist da das Festival „Nuits Sonores“? Bitte annullieren Sie meine Fotosession mit Laurent Garnier, ich muss nach Kann!“), und die Amerikaner sagen „Kään“ („I love Kään“). Also, ich kann mir ganz gut vorstellen, mir je nach Laune und Tageszeit eine dieser drei Versionen auszusuchen.

Nach Ihrer ersten Erfahrung in Cannes für eine FotoBlog auf der Arte-Homepage mit dem Kinojournalistenteam Artes, was erwarten Sie da von der neuen Herausforderung der Live- Berichterstattung von der Berlinale ?
Jeden Morgen rasiere ich mich mit der Gewissheit, dass mir Annette Gerlach eine Stunde später im Pressebüro Artes ein Küsschen geben wird. Das ist eine wahre Freude, Jungs !

Erstellt: 11-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08