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ARTE Buchtipp - 05/03/09

François Bégaudeau: Die Klasse

Eine Rezension von Christine Lecerf


Die Klasse von Laurent Cantet gewann beim letzten Filmfestival von Cannes die Goldene Palme. Zum Kinostart des Films in Deutschland am 15. Januar 2009 eine Rezension des gleichnamigen Romans von François Bégaudeau. Denn Bégaudeau hatte nicht nur sich selbst im Film gespielt, er hatte zuvor bereits seine Erfahrungen als Französischlehrer in Buchform verarbeitet.

Nicht noch ein schreibender Lehrer!
Das französische Schulsystem befindet sich in einer der tiefsten Krisen seiner Geschichte, und schon seit Jahrzehnten steht es im Mittelpunkt einer umfassenden gesellschaftlichen Debatte. Pädagogen, Soziologen und Anthropologen haben es zum Lieblingsgegenstand ihrer Studien erklärt, um an ihm die Störungen und Brüche der französischen Gesellschaft aufzuzeigen. Doch die Schule, so wie sie heute existiert, unübersichtlich und orientierungslos, scheint nicht gerade das Traumthema der Romanschriftsteller zu sein. Da brauchte es erst die Erfahrungen eines ehemaligen Französischlehrers, um eine Klasse einer Mittelschule im schwierigen 19. Arrondissement in Paris zum Schauplatz und Protagonisten eines Romans zu machen: „Wenn man drinnen steckt, ist es keine schöne Zeit. Aber darüber zu schreiben, ist ein echtes Vergnügen. Das nenn ich Erlösung durch die Literatur!“ sagte François Bégaudeau in einem Interview.

François Bégaudeau wurde 1971 in der nordwestfranzösischen Vendée geboren. Schon seine Eltern waren Lehrer, er selbst hat als Französischlehrer gearbeitet. Er betrachtet sich nicht als „Schriftsteller“ im klassischen Sinn. Rockmusik, Fußball und Film sind ihm ebenso wichtig wie die Form des Romans.

Nach einem ersten Buch über Fußball (Jouer juste) nahm er sich den Sänger der Rolling Stones vor in Der Tag, an dem Mick Jagger starb. Seit der Veröffentlichung des französischen Originals von Die Klasse im Jahr 2006 sitzt der Schriftsteller immer seltener hinter seinem Schreibtisch.

Erst spielte er sich selbst im Film, nun hat er gerade den Monolog aus seinem jüngsten Roman (Finir l’histoire) auf der Bühne gesprochen, ein Buch über die französische Journalistin Florence Aubenas, die lange im Irak als Geisel festgehalten worden war.

Neue Formen und Inhalte der Literatur liegen ihm am Herzen, und so hat er zusammen mit rund dreißig weiteren Schriftstellern einen kollektiven Essay veröffentlicht mit dem Titel Devenirs du roman. Gerade erschien in Frankreich sein Handbuch der Anti-Literatur.

Die Klasse ist natürlich erst einmal eine Chronik des Schullebens, allerdings eine ganz eigene. Wie das Schuljahr ist das Buch aufgeteilt in 136 (Tages-)Abschnitte und fünf Ferienperioden, es scheint sich der belastenden Routine des Schulbetriebs unterzuordnen, wo Lehrer nur noch die Tage zählen und dabei vor Schülern sitzen, die nicht wissen, was denn nun «der Sinn des Daseins» bedeuten soll. Doch trotz aller Pausenglocken, Direktorenbesuche und Disziplinarkonferenzen unterläuft diese Chronik die Erwartungen, sie verweigert die Arbeit, sie liefert eben nicht ihre Ansicht zum vieldiskutierten Thema Schule. „Ich hatte einfach genug von all diesen Lehrerbüchern, in denen unter dem Vorwand zu erzählen, was wirklich passiert, eigentlich nur apokalyptisch gestimmte Essays geliefert werden. Diese Lehrer erzählen letztlich gar nichts, sie filtern die Realität, bis sie ihren ideologischen Vorurteilen entspricht, und die sind meist reaktionär“, meint Bégaudeau.

Die Wirklichkeit leben
Lehrer Bégaudeau hat sich eine ganz andere Aufgabe gestellt: jeden Abend nach der Schule die Dinge aufschreiben, ein Jahr lang. Ohne verstehen zu wollen, ohne sich um den Stil zu kümmern. Ohne sich zu fragen, was er denn nun über die Schule denke und wohin die französische Gesellschaft treibe. Einfach nur aufschreiben: Sandras Körperhaltung, als sie zu ihm ins Büro kam, wie Souleymane ihre Kapuze mit einer einzigen Kopfbewegung abgeschüttelt hat, wie der Drache auf Leopolds Sweatshirt Feuer spuckte, wenn man ihn nervt. Einige Passagen des Buches sind rohe, ungefilterte Dokumente, beispielsweise jene anrührende Reihe von Selbstporträts, die er seinen Schülern zu schreiben aufgab. „Mein Weg ist das Detail. Statt zu versuchen, die Wirklichkeit zu organisieren, wie es Zola tat, setze ich an den kleinstmöglichen Atomen dieser Wirklichkeit an: Bewegungen, Wörter. Die Wirklichkeit zu spalten in immer kleinere Teile, bis der einzelne Bestandteil unabweisbar ist, ist auch eine wissenschaftliche Methode“, so Bégaudeau weiter.

Fight Culture
Der Erfolg des Buchs erklärt sich jedoch – ebenso wenig wie der des Films – nicht nur aus diesem ganz besonderen Realismus. Das Buch hat seine Leser mitgerissen durch seine Energie, seine Kraft. Eine wilde Kraft, die die Wände der Klasse versetzt´ und die sich vor allem aus den Momenten des Konfliktes zwischen Lehrer und Schülern nährt. Ein ständiger Kampf mit ungewissem Ausgang zwischen dem, der angeblich alles weiß, und denen, die angeblich da sind, um zu lernen. Angeblich, denn, so erklärt Bégaudeau, „letztlich geht es nicht darum, die Wahrheit zu sagen, sondern darum, das letzte Wort zu haben“. Doch anders als seine ehemaligen Kollegen, die noch immer Lehrer sind, anders auch als viele Wissenschaftler, die die Schule heilen oder wenigstens reformieren möchten, erkennt der Schriftsteller Bégaudeau in dieser neuen Situation eine außerordentliche Quelle der Vitalität, eine unerwartete Gelegenheit, die Sprache des Romans zu erneuern, ihr einen neuen Rhythmus aufzuzwingen, die Syntax zu quälen, eine neue Form des Oralen zu schaffen. „Sie werden sehen, dass es den Schülern an Spontaneität nicht mangelt. Einige sind sogar ganz besonders spontan“, warnt schon auf den ersten Zeilen der Schuldirektor. In der Tat: „Der Wahnsinn, die Klasse. Die erste Stunde, und schon drei Verweise.”

Viele Lehrer haben sich nach der Veröffentlichung des Buches in Frankreich zu Wort gemeldet. Die einen, um den Autor scharf zu kritisieren, weil er den Bildungs- und Integrationsauftrag der Schule aufgegeben habe. Andere, um genau diese ansteckende Freiheit des Stils und des Tons zu begrüßen. Eines ist sicher: Indifferent lässt "Die Klasse" niemanden.

Eine Rezension von Christine Lecerf

Der Film "Die Klasse" von Regisseur Laurent Cantet
Drehbuch: François Bégaudeau, Robin Campillo
mit François Bégaudeau, Franck Keïta, Rachel Régulier u.a.
Kinostart in Deutschland am 15. Januar

Die Klasse
Roman
von François Bégaudeau
aus dem Französischen von Katja Buchholz und Brigitte Große
232 Seiten, Broschur
Verlag: suhrkamp taschenbuch
Erschienen am 8.12.2008
ISBN: 978-35184603

Erstellt: 21-11-08
Letzte Änderung: 05-03-09


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