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Françoise Dolto

Die große französische Kinderärztin und Psychoanalytikerin Françoise Dolto, geborene Marette, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Das Porträt stellt die streitbare Frau vor, die gegen den Willen ihrer Eltern Medizin und Psychoanalyse studierte und deren Thesen nicht nur bei Zeitgenossen umstritten waren.

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Françoise Dolto

Die große französische Kinderärztin und Psychoanalytikerin Françoise Dolto, geborene Marette, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Das Porträt stellt (...)

Françoise Dolto

21/11/08

Françoise Dolto heute

Interview mit Cristina C. Burckas


Psychoanalytikerin Cristina C. Burckas über die wichtigsten Ansätze Françoise Doltos, über weit verbreitete Missverständnisse und die Bedeutung ihres Gedankenguts für die aktuelle psychoanalytische Arbeit mit Kindern.

ARTE : Françoise Dolto ist in Frankreich eine Legende – in Deutschland ist sie dem Nicht-Fachpublikum vor allem über ihre Elternratgeber bekannt. Welches sind Ihrer Meinung die wichtigsten und interessantesten Ansätze Françoise Doltos ?
Cristina C. Burckas: Erst einmal möchte ich sagen, dass Françoise Dolto in Deutschland zwar bekannt ist - viele ihrer Bücher sind übersetzt worden, und es besteht eine hohe Taschenbuchauflage - aber dass sie in einschlägigen Kreisen eigentlich keine Resonanz gefunden hat. So wird sie in der Fachliteratur kaum erwähnt, im Unterschied zu angelsächsischen Analytikern wie z. B. Melanie Klein, Winnicot oder Bion.
Die wichtigsten Ansätze Doltos bestehen für mich vor allem darin, dass Dolto von Anfang an im Kind ein vollwertiges Subjekt erkannt
Cristina C. Burckas ist argentinische Psychoanalytikerin und seit 1989 in freier Praxis in Freiburg i.Br. tätig. Sie ist Gründungsmitglied der Assoziation für die Freudsche Psychoanalyse, Gründungsmitglied des Psychoanalytischen Kollegs, Mitglied und Weiterbildungsdozentin am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Freiburg im Breisgau (DPG), Mitglied der "Association Lire Dolto Aujourd´hui" (ALDA). Zahlreiche Veröffentlichungen zur psychoanalytischen Theorie und Praxis in deutscher, spanischer und französischer Sprache.
und respektiert hat. Sie hat wie kein anderer das Bewusstsein geweckt, dass ein Kind, und sei es noch so klein, nicht in einer Welt der reinen Bedürfnisse lebt, sondern in einer symbolischen Welt; denn die menschliche Welt ist eine Sprachwelt. Obwohl es noch nicht spricht, kann ein Kind mit dem Mittel kommunizieren, das ihm zur Verfügung steht: mit seinem Körper. D. h. es stellt schon eine Beziehung her.
Mit dieser Auffassung ist ein weiteres Konzept verbunden, das ich für ebenso wichtig halte: das des unbewussten Körperbildes. Die Erarbeitung dieses Konzeptes hat Dolto in ihrer Arbeit mit Kindern einen ganz besonderen Zugang zu deren Welt verschafft.

Der Mensch ist von Anfang an ein kommunikatives sprachliches Wesen - welche Weiterentwicklungen hat vor allem diese These der vorsprachlichen Persönlichkeit erfahren? Was bedeutet dieser Ansatz heute in der psychologischen Praxis mit Kindern?
Ich möchte da ein Missverständnis klären, die These der vorsprachlichen Persönlichkeit gehört nicht zu Françoise Doltos Gedankengut. Dolto geht es um das Subjekt, und dieses ist ohne die Dimension der Sprache nicht denkbar. Das was uns verrät, dass da ein Subjekt ist, ist sein Appell. Wobei der Appell nur zu einem solchen wird, wenn es einen Anderen gibt, der ihn hört. Der Grund, aus dem ein Kind in Therapie gebracht wird, ist z. B. oft der, dass die Eltern seinen Appell nicht gehört haben. Es war Doltos ganz besondere Fähigkeit, diesen Appell schon bei den ganz Kleinen herauszuhören.

Waren diese Ansätze zu ihrer Zeit grundlegend neu?
Es lag niemals in der Absicht Doltos, eine eigene Schule zu gründen. Sie hat nie aufgehört, sich in ihrer Arbeit auf Freuds Lehre zu beziehen. In einer nicht anhaltenden Auseinandersetzung zwischen der analytischen Theorie und ihrer Praxis hat sie jedoch auch neue Konzepte geschaffen, die heute zu einem wichtigen Bestandteil der Kinderanalyse gehören. So z. B. das Konzept des unbewussten Körperbildes.
Was auf jeden Fall neu war, war die psychoanalytische Arbeit mit den ganz Kleinen.
Dolto wurde z. B. einmal wegen eines wenige Tage alten Säuglings gerufen, dessen Mutter ins Krankenhaus musste und der seitdem die Nahrung verweigerte. Dolto machte daraufhin den Vorschlag, beim nächsten Mal ein Tuch mit dem Geruch der Mutter um das Milchfläschchen zu wickeln, was tatsächlich dazu führte, dass das Kind wieder trank.
Durch die Intervention Doltos ist hier etwas in Gang gekommen, was schon als eine richtige Symbolisierungsarbeit verstanden werden kann: Indem das Tuch mit dem Geruch der Mutter hier auf etwas verweist, was abwesend ist (die Mutter) schafft es gleichzeitig auf der symbolischen Ebene eine Präsenz.

Häufig missverstanden wird die Forderung Doltos, die Bedürfnisse der Kinder zu befriedigen. Heute kann man das Gefühl bekommen, dieser Forderung wird im Gegenteil zu sehr entsprochen.
Das ist in der Tat ein großes Missverständnis, das auch auf die Popularisierung der Ideen Françoise Doltos zurückzuführen ist. Wie ich schon sagte, es geht nicht um Bedürfnisse, die mehr oder weniger befriedigt werden müssen, sondern um das Begehren. Und dieses kann nicht anders als verfehlt werden. Es ist die Erfahrung mit dem Mangel, die jedes Kind auf den Weg, der zum Eintritt in die Kultur führt, machen muss. Es ist die Aufgabe der Eltern, dem Kind bei diesen Erfahrungen, die es in seiner Entwicklung durchmacht, und die letztendlich Erfahrungen einer Grenze sind, weiterzuhelfen. In diesem Zusammenhang hat Dolto von den symboligenen Kastrationen gesprochen.

Françoise Dolto hat selber nie eine « Schule » begründen wollen. Kann man dennoch unter Psychoanalytikern und Psychologen von einer « Françoise Dolto-Richtung » sprechen, welche Spuren und Ableger gibt es von Françoise Dolto in fachlicher Hinsicht?
Dolto hat in Frankreich eine ganz andere Rezeption und Weiterentwicklung erfahren als in Deutschland, wo man keinen wirklichen Zugang zu ihrem Gedankengut gefunden hat. In Fachkreisen ist und bleibt ihre Theorie etwas Fremdes. Vielleicht liegt es daran, dass Dolto mit einer Dimension arbeitet, die in Deutschland ungewohnt ist: die väterliche Dimension. Die Ausrichtung in Deutschland entspricht mehr dem Modell der englischen Schule, wo die Mutter/Kind Beziehung im Zentrum steht, während diese väterliche Dimension praktisch nicht zählt. Wobei ich hinzufügen muss, dass die väterliche Dimension nicht mit der Person des Vaters gleichzusetzen ist. Sie betrifft vielmehr dieses dritte Element in der Beziehung, das über die Mutter hinausgeht, und auf eine andere Ebene verweist: die des Symbolischen.

Françoise Dolto hat sich zu ihrer Zeit ausdrücklich distanziert von einer beginnenden Medikalisierung der Psychologie. Heute ist die medizinische Forschung wesentlich weiter –Wie lassen sich ihre Ideen mit den vielfach neuen Erkenntnissen der Neurochirurgie etc. in Einklang bringen?
Es geht hier nicht um ein entweder oder. Die neusten Erkenntnisse auf der Ebene der Neurowissenschaften sind ohne Zweifel ein großer Fortschritt der Medizin, der vielen Menschen helfen kann. Die Dimension, auf welcher nicht nur Dolto sondern die Psychoanalyse als solche wirksam ist, ist aber noch mal eine andere Dimension, denn sie betrifft das, was spezifisch für den Mensch ist: das Wort des Subjekts. Sie kann also nicht durch die Neurowissenschaften ersetzt werden. Um in der heutigen Welt der Gefahr einer Deshumanisierung etwas entgegenzusetzen, kann es eine der Aufgaben der Psychoanalyse sein, diese Dimension offen zu halten.

Interview: Nicola Hellmann (ARTE 2008)

Erstellt: 12-11-08
Letzte Änderung: 21-11-08