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22.10.04 UM 23.10 UHR : DENKEN ERLAUBT ! - 19/11/04

Françoise Héritier

Die Anthropologin Françoise Héritier ist Honorarprofessorin am  Collège de France, wo sie von 1982 bis 1998 den Lehrstuhl für vergleichende Afrikastudien innehatte.
In der Nachfolge von Claude Levi-Strauss arbeitete Françoise Héritier zuerst über Verwandtschaftssysteme, doch in ihren Forschungsseminaren (über Inzest, Gewalt, Identität/Alterität) am Collège de France und an der EHESS (École des Hautes Études en Sciences Sociales) problematisierte sie die gesellschaftliche Rolle des Anthropologen.
Françoise Héritier prägte den Begriff der „spezifischen Wertigkeit der Geschlechter", einer anthropologischen Invariante, die die männliche Herrschaft begründet: Alle Kulturen schätzen das Männliche höher als das Weibliche, und diese Ungleichbewertung spiegelt die grundsätzliche Asymmetrie, die darin besteht, dass die Frauen Kinder beiderlei Geschlechts gebären.
Was führt aus dieser Zwickmühle heraus? Das Recht auf Empfängnisverhütung stellt in diesem Zusammenhang eine Revolution dar, da es unmittelbar auf den Entstehungsort der Herrschaft wirkt.
Von den drei Bastionen der männlichen Herrschaft über die Frauen – dem Freiheits-, dem Wissens- und dem Verantwortungsentzug – sind nur die beiden ersten gefallen, während die dritte hartnäckig standhält. Wie können die alten Denk- und Verhaltensmuster verändert werden?
Françoise Héritier hat auch vergleichende Überlegungen zu hochaktuellen Fragen wie Sexual- und Reproduktionsethik angestellt. 1984 bis 1994 brachte sie ihr Expertenwissen als Vorsitzende des staatlichen französischen Aids-Rates (Conseil national du sida), später als Mitglied des staatlichen französischen Ethikbeirats (Comité consultatif national d’éthique) ein.
 
  • Werdegang
 
Nach dem Studium der Geschichte und Geographie, dann der Ethnologie an der Sorbonne forschte sie von 1957 bis 1958 in Obervolta, was den Ausschlag für ihre spätere Spezialisierung auf afrikanistische Ethnologie gab.
Ab 1958 unternahm sie in neun, fast fünf Jahre währenden Forschungsaufenthalten in Westafrika Feldforschungen bei den Samo, den Pana und den Mossi sowie weniger ausgedehnte bei den Bobo und den Dogon (in Burkina-Faso und Mali).
1980 wurde sie zur Forschungsleiterin an der EHESS gewählt. 1982 begann sie ihre Lehrtätigkeit am Collège de France. Sie ist die (nach Jacqueline de Romilly) zweite Frau, die ins Collège de France aufgenommen wurde, und die erste weibliche Anthropologin.
Für ihre Arbeiten über die Funktionsweise der halbkomplexen Verwandtschafts- und Eheverhältnisse wurde Françoise Héritier 1978 mit der Silbermedaille des französischen Forschungszentrums CNRS (Humanwissenschaften) ausgezeichnet.
 
Auszug aus der Sendung:
„Gegenwärtig hört man überall, die Ehe sei notwendigerweise eine Angelegenheit zwischen Mann und Frau. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, stimmt das nicht ganz. Die Ehe, die in allen menschlichen Gesellschaften existiert, ist kein Vertrag zwischen zwei Personen, sondern ein Vertrag zwischen Gruppen. Es ist ein Vertrag zwischen zwei Familien oder zwei Sippen. Und dieser Vertrag ist die Grundlage für Frieden."
 
 
  • Claude Lévi-Strauss :
 
Claude Levi-Strauss, geboren 1908 in Brüssel, studierte von 1927 bis 1932 an der Pariser Universität Rechtswissenschaften und Soziologie. Anschließend arbeitete er als Gymnasialprofessor. Von 1934 bis 1938 lehrte er als Professor für Soziologie an der Universität von Sao Paulo in Brasilien. In dieser Zeit unternahm er mehrere ethnologische Forschungsreisen zu den Caduveo und Bororo, indianischen Gruppen in Brasilien. Mit Unterstützung des französischen Staates führte er in den Jahren 1938 und 1939 weitere Feldforschungen bei den Nambikwara und Tupi-Kawahib in Zentralbrasilien durch. Im Jahr 1941 emigrierte er in die USA. Dort lehrte er bis 1945 Sozialwissenschaften an der New Yorker New School for Social Research. Danach war er in New York als französischer Kulturattache tätig.
Im Jahr 1949 kehrte Levi-Strauss nach Paris zurück und wurde stellvertretender Direktor des Musee de l'Homme. Von 1950 bis 1974 war er Studiendirektor an der Ecole Pratique des Hautes Etudes der Universität von Paris und hatte dort am Institut für Sozialanthropologie einen Lehrstuhl für Vergleichende Religionswissenschaft der schriftlosen Völker inne. Von 1959 bis 1982 war Levi-Strauss außerdem Professor für Sozialanthropologie am College de France. Levi-Strauss gilt als Begründer und führender Vertreter des französischen Strukturalismus.
Zu den wichtigsten Veröffentlichungen zählen "Das wilde Denken" (1968), "Strukturale Anthropologie" in zwei Bänden (1967 und 1975) und "Traurige Tropen" (1978).

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Denken erlaubt!
Freitag, den 22.Oktober 2004 um 23.10 Uhr
Heute zu Gast: Françoise Héritier
Moderation: Laure Adler
Dokumentation, Frankreich 2004, ARTE F, Erstausstrahlung
58 Min.
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Erstellt: 19-10-04
Letzte Änderung: 19-11-04