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Aktueller Bericht - 21/07/06

Frankreich und die Dreyfus-Affäre

Es ist Frankreichs berühmtester Justiz-Skandal: Die Dreyfus-Affäre. Hundert Jahre ist es her, seit dessen Opfer, der Offizier Alfred Dreyfus, rehabilitiert wurde. Das war am 11. Juli 1906. Davor lag eine lange Leidenszeit des jüdischen Hauptmanns, der völlig zu unrecht wegen Hochverrats verurteilt, geschmäht und verbannt worden war. Jetzt, hundert Jahre später, feiert Frankreich das berühmte Opfer mit Sonderausstellungen und einer Militärzeremonie – doch ein Ehrengrab im Pantheon wird’s nicht geben.


Jean-Louis Levy ist ein kleiner Mann mit Glatze. Er ist 86 und der Enkel von Alfred Dreyfus. Eben gerade hat er sich die Sonderausstellung über seinen berühmten Grossvater im Jüdischen Museum in Paris angeschaut, und er wischt sich Tränen der Rührung aus den Augen: „Das war eine grosse Freude und Befriedigung für mich. Die Dreyfus-Affäre hat eine ausserordentliche Bedeutung für alle Generationen. Sie zeigt, wie ein Mann, ein Bürger, der ungerechten Staatsmacht widerstanden hat, NEIN gesagt hat, das ist wichtig.“

Der Enkel hat ganz eigene Erinnerungen an den Großvater: „Er hat sich nie zu seiner Affäre geäussert. Wir Kinder durften auch nicht fragen. Mir fiel aber auf, dass er keine Arbeit hatte. Nachmittags spielte er Bridge. Das fand ich merkwürdig.“

Als Jean-Louis Levy seinen Grossvater kennenlernte, war der bereits rehabilitiert und aus der Armee ausgeschieden. Am 12. Juli 1906 hatte das Pariser Kassationsgericht das Urteil gefällt, um das eine halbe Nation gekämpft hatte. Denn rund 12 Jahre zuvor war der jüdische Offizier Dreyfus völlig zu Unrecht wegen Hochverrats verurteilt worden, in offensichtlich antisemitischem Klima in Frankreich. Er hatte keine Chance, in seine Prozessakten einzusehen, wurde verurteilt und auf die ferne Teufelsinsel verbannt. Eine lange Leidenszeit begann. Das Schicksal des Offiziers Alfred Dreyfus spaltete Frankreich um die Jahrhundertwende in zwei leidenschaftlich verfeindete Lager. Die, die den angeblichen Vaterlandsverräter auf Ewigkeiten verbannt sehen wollten. Und die, die für die Freilassung des offensichtlich Unschuldigen kämpften, wie der Schriftsteller Emile Zola. Mit einer flammenden Anklage unter der überschrift „J’accuse!“, Ich klage an!, bezog Zola 1898 für Dreyfus Position. „Die Intellektuellen wie Zola mussten kämpfen, die Eliten, Künstler, Wissenschaftler, und auch die ganze Familie von Dreyfus. Dieser Druck, dieser Mut bracht den Erfolg. Denn die Affäre geht schliesslich gut aus!“ sagt der Historiker Vincent Duclert. Er hat zahlreiche Bücher über Dreyfus geschrieben und die neue Ausstellung im Jüdischen Museum konzipiert. Die auch ganz Alltägliches zum Fall Dreyfus zeigt, wie ein Holzkugelspiel von damals: „Die kleinen Kugeln mussten auf diesem Spielfeld von der Teufelsinsel bis zur Freilassung laufen und zwischendurch Hindernisse umgehen. Das Spiel zeigt uns, wie sehr die Dreyfus-Affäre ganz Frankreich bewegt hat. Wie sehr sie in der Gesellschaft präsent war.“

Und es ist ganz wichtig, sich auch heute noch dieser Affäre zu erinnern, findet Duclert: „Antisemitismus nährt sich aus Gewalt und Hass, weist Gerechtigkeit zurück. Gerade die Dreyfus-Affäre zeigt doch, dass es sich lohnt, für Gerechtigkeit zu kämpfen! Denn der Jude Dreyfus wurde rehabilitiert. Diesen Sieg zu erklären und darzustellen heisst auch, heute gegen Antisemitismus zu kämpfen!“

Duclert streitet auch dafür, dass der Leichnam von Alfred Dreyfus in den nationalen Ehrentempel der Franzosen, ins Pantheon überführt wird. Diese letzte Ehre wird ihm bisher allerdings verwehrt. Stattdessen hat Präsident Chirac den jüdischen Offizier am 11.7.2006 genau dort geehrt, wo er einst öffentlich erniedrigt wurde: im Hof der Pariser Militärakademie.

Von Angela Ulrich, 11.7.2006

Erstellt: 18-07-06
Letzte Änderung: 21-07-06